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Retrospektive Kritiken K16-K22


K 16: Klaus Kreimeier: Kino und Filmindustrie in der BRD.
Ideologieproduktion und Klassenwirklichkeit nach 1945, Kronberg/Taunus 1973, S. 65f.

[...] 1949 hat sich die westdeutsche Filmwirtschaft im Wesentlichen konsolidiert. Eine große Zahl geschäftstüchtiger Unternehmen, die sich vielfach aus dem in den ersten Nachkriegsjahren schwungvoll akkumulierten Verleihkapital konstituieren, nimmt die Produktion jener Massenware (musikalische Lustspiele, Salon- und Verwechslungskomödien, Zirkus- und Abenteuerfilme) auf, die den Kinomarkt im CDU-Staat beherrschen wird. [...] Der deutsche "Zeitfilm" hat sich, insgesamt gesehen, als geschäftlicher Misserfolg erwiesen; mit ihm haben einige orientierungslose Lizenzträger, die sich sehr bald in die große Industrie eingliedern werden, ihr politisch schwach entwickeltes Unbehagen abgearbeitet und allen weiteren Versuchen, zeitbezogene Filme herzustellen, den Weg der Anpassung an die herrschenden ideologischen Bedürfnisse gewiesen. Zwei Ausläufer - Wolfgang Liebeneiners Liebe 47 nach dem Schauspiel "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert und Josef von Bakys Der Ruf nach einem Buch von Fritz Kortner - rekapitulieren noch einmal die Symbolismen und den depressiven Intellektualismus der "Trümmerfilme". Deren Erbe tritt nun der westdeutsche "Problemfilm" an; sein ökonomischer Stützpunkt ist die Filmaufbau GmbH in Göttingen, die zwei branchenfremde Idealisten, Hans Abich und Rolf Thiele, gegründet haben. [...]



K 17: Ulrich Gregor/Enno Patalas:
Geschichte des Films,
Gütersloh 1962, S. 281.

[...] In einem symbolträchtigen Quasi-Expressionismus sah auch Wolfgang Liebeneiner die angemessene Form für Liebe 47 (1949), die verharmlosende Adaption von Wolfgang Borcherts Hörspiel "Draußen vor der Tür". [...]



K 18: Rudolf Oertel:
Macht und Magie des Films.
Weltgeschichte einer Massensuggestion, Wien/Stuttgart/Zürich 1959, S. 444.

[...] Zu den wenigen Filmen, die die Nachkriegssituation Deutschlands überzeugend zu gestalten wussten, gehörte Liebeneiners Liebe 47 (1949), nach Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür". Der Film erzählt das Schicksal einer aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen (Hilde Krahl) und eines aus der Gefangenschaft heimkehrenden Soldaten (Karl John); zwei Entwurzelte, Enttäuschte, die glauben, am Ende zu sein und vom Leben nichts mehr erwarten. Dann aber richtet sich einer am anderen auf. Und wie eine einzelne Blume inmitten eines Trümmerfeldes blüht ihnen inmitten ihrer Verzweiflung das Wunder der Liebe auf. Wenn man diesen Film heute wieder sieht, mutet die damalige Zeit wie ein böser Traum an, der schon unendlich weit zurückliegt. Aber merkwürdig, der Film hat durch die Distanz nicht verloren, sondern gewonnen. In dieser Feststellung liegt vielleicht das Geheimnis, warum die Trümmerfilme in einer Umgebung von Trümmern nicht gedeihen konnten, während sie heute schon wieder heilsam interessant sind. [...]



K 19:
Wolfgang Jacobsen/Anton Kaes/Hans Helmut Prinzler (Hg.): Geschichte des deutschen Films,
Stuttgart/Weimar 1993, darin Fritz Göttler: Westdeutscher Nachkriegsfilm, S. 171-210, hier S. 189.

[...] Hamlets Heimkehr Deutschlands Dornröschenschlaf endet mit einem Erwachen kurz vor der Stunde Null. Die Rollen sind vertauscht, der neue Held ist der Heimkehrer, ein sleeping prince. Die unschlüssige Inszenierung Liebeneiners wird in Liebe 47 zum Sujet des Films, der ein Versuch ist, Borcherts "Draußen vor der Tür" zu verfilmen: als hätte ein Hamlet die Regie gemacht. Was den Film in seiner Stimmung der Totengräberszene verwandter erscheinen lässt als dem zugrundeliegenden Stück: das Sein und das Nichtsein, eine fast deplazierte Ophelia Hilde Krahls, das Warten auf einen Fortinbras. [...]



K 20: Gustav Meier:
Filmstadt Göttingen.
Bilder für eine neue Welt? Zur Geschichte der Göttinger Spielfilmproduktion 1945 bis 1961, Hannover 1996, S. 70.

[...] 2.1.7. Rückblick
Das konsequente Bemühen der idealistischen Göttinger Filmproduzenten, mit ihrem ersten Film "wesentlich zu werden", die Vergangenheit mit dem Blick nach vorn aufzuarbeiten, die Kunst gegen den Kommerz zu setzen und neue Leitbilder anzubieten, war fürs erste gescheitert, wenn man den wirtschaftlichen Erfolg zugrunde legt. Der Film war einfach zu spät gekommen, und das nicht zuletzt deshalb, weil sämtliche Voraussetzungen für seine Realisierung erst einmal geschaffen werden mussten. Hans Abich zu Liebe 47: "Der schien uns nötig zu sein, um Zeit abzuarbeiten. Schon danach haben wir sicher ein Bedenken in uns gespürt, man dürfe nicht mit der Keule erziehen oder umerziehen. Erstens stand uns das nicht zu und zweitens mochten wir das auch nicht. Man war ja auch durch die Propaganda verdorben. Also, wir suchten natürlich die indirekte Methode, was immer das sei. - Wenn ich mich entsinne, muss man auch sagen, welche Literatur wir kannten. Wir kannten ja durch das Dritte Reich überhaupt keine internationale Gegenwartsliteratur. Das ging uns ja erst auf, als wir dann Bücher von draußen, Filme von draußen sahen. Ich meine, hätten wir die großen französischen Filme schon gleich gekannt, dann wäre uns der Mut für den deutschen Film etwas abgesackt. Wir wollten ja anders und besser sein als andere" (in: Phönix aus der Asche). [...]



K 21 : Adolf Heinzlmeier:
Nachkriegsfilm und Nazifilm.
Anmerkungen zu einem deutschen Thema. Frankfurt/M. 1988, S. 52.

[...] Symptomatisch für die Richtung, die der deutsche Film nun einschlägt, ist Wolfgang Liebeneiners Verfilmung des Borchert-Stückes unter dem Titel Liebe 47 (1949). Der Regisseur verzerrt und entstellt das Original, macht eine scheinproblematisch-seichte Heimkehrerschnulze daraus mit Optimismus und Happy End und verkehrt damit den Konflikt in sein Gegenteil gemäß Liebeneiners Credo, "die Leute gut zu bedienen und das Kapital gut zu verzinsen". (Liebeneiner zitiert in einem Leserbrief an den SPIEGEL vom 18.2.1959) [...]



K 22: Barbara Bongartz:
Von Caligari zu Hitler - von Hitler zu Dr. Mabuse?
Eine "psychologische" Geschichte des deutschen Films von 1946 bis 1960. Münster 1992, S. 33-36. (Auszüge)

[...] Anders als im Hörspiel hat der Kriegsheimkehrer Beckmann in dem Film einen Gegenspieler: Anna, Kriegswitwe, einsam und lebensmüde wie er. Am Flussufer begegnen sie sich, beide in der Absicht zu sterben. Sie beginnen zu reden, die Frau nimmt den heimatlosen Mann zu sich nach Hause. Dort erzählt er, unterbrochen von Traumvisionen, die ihn in seiner Erschöpfung überfallen, sein Schicksal und seine grauenhafte Heimkehr ins Niemandsland. Er irrt ebenso umher wie Mertens in Die Mörder sind unter uns. Das Ende ist - darin lag wohl die Absicht der Frauenfigur - hoffnungsvoll: Vielleicht haben die beiden eine Chance, zusammen weiterzuleben und wieder "Menschen" zu werden. Wie auch in Staudtes Film liegt die Hoffnung für die Zukunft der beiden darin, gemeinsam die Einsamkeit zu durchbrechen. Erst durch den Dialog wird diese Zukunftsperspektive möglich. Borcherts Hörspiel dagegen endet im Nichts, Beckmann bleibt allein, "draußen vor der Tür". Auch in Liebe 47 steht die Frage nach der Menschlichkeit im Vordergrund. Der Film ist ohne jede politische oder gesellschaftliche Stellungnahme. Liebeneiners Interesse galt dem individuellen Schicksal. [...] Anna und Beckmann haben die Rollen übernommen, die ehemals im frühen deutschen Film Homunculus und Golem spielten: die Ungeliebten, Verlorenen. Sie sind Geschöpfe in einer zerstörten Welt, die sich und die Grundlagen ihrer Existenz selbstquälerisch in Frage stellen. [...]