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Zeitgenössische Kritik


Rotation:

„Rotation" ist ein großartiger Titel. Er umreißt alles, was dieser Film sagen will: die ungeheuerliche Walze der Maschine des Bösen, die mit immer schneller, immer rasender werdender Umdrehung ein Volk zermalmte -- zum anderen die Rotationsmaschine, die millionenfach Lüge, Haß und Gift auf bedrucktem Papier ausspie.
Es war ein ausgezeichneter Gedanke von Wolfgang Staudte, die Symbolik dieser Idee in dem Einzelschicksal der Familie eines Berliner Setzers aufzuzeigen, das Große am Kleinen erklären zu wollen. Die Volksausgabe einer Geschichte des kleinen Mannes von 1933-45. Arbeitslosigkeit, Not, Sorge, trügerischer Aufstieg, tönernes Glück, falsche Hoffnungen, Angst, immer stärker werdender Druck, Ohnmacht, Terror, Entsetzen, Katastrophe. Bis dahin bleibt der Film ein Dokument der Wahrhaftigkeit, einfach und nüchtern, von leidenschaftsloser, harter Sachlichkeit. Wenn er aber Tatsachen berichten will, so hätte er bis zur letzten Konsequenz gehen und nicht nur zuletzt das ganze Chaos der „Befreiung" zeigen müssen, sondern auch die bitterste Wahrheit, daß ein System nur vernichtet wurde, um mit der gleichen grausamen Unerbittlichkeit unter anderem Vorzeichen wieder aufgerichtet zu werden. Solange die KZs geblieben sind, ist es müßig, Filme zu drehen wie diesen, dessen Schluß der Wahrheit ins Gesicht schlägt und im übrigen nur die platteste DEFA-Apotheose mit der üblichen optimistischen Einheitssauce darstellt. Dieser Schluß hebt den ganzen Film auf, wir stehen wieder am bitteren, traurigen Anfang. Es heißt, daß es zwei Fassungen des Films gibt, eine „östliche" und eine „westliche". Allein das ist bezeichnend. Wir sahen die östliche, und das genügt. Es heißt, daß sich Wolfgang Staudte nicht mehr mit seinem Werk identifiziert, das man ihm aus den Hände nahm, und dessen Schnitt er nicht mehr kontrollieren konnte. So bleibt lediglich festzustellen, daß seine Begabung für reportageartige, wirklichkeitsnahe Bildhaftigkeit, für die scharfe Setzung der dramatischen Akzente auch hier spürbar ist. Die Anonymität bisher unbekannter Darsteller erhöht die realistische Wirkung. Der Setzer Hans Behnke von Paul Esser steht in seiner biederen Einfalt und schlichten Gradlinigkeit für die Millionen kleiner Männer. Allerdings beschränkt sich der Film mehr auf das Familienleben als auf das Berufsleben des Setzers.
[...] Die Fotografie (Bruno Mondi) bleibt der Wirklichkeit auf den Fersen, die Bauten (Willi Schiller) vollenden den absoluten Naturalismus, der seinen Höhepunkt in den grausigen Untergrundbahnszenen erreicht. Dem Publikum bleibt nichts erspart, weder die schreckliche Erinnerung noch die erneute Lüge. Und beides zusammen ist zu viel.

Rotation. In: Der Neue Film, Nr. 27, 01.09.1949.

Mit Sauberkeit der Gesinnung:

In zwei Kinos gleichzeitig wurde der Wolfgang Staudte-Film „Rotation" uraufgeführt: im Babylon, und in der Kastanienallee, wo die Defa als eigenes Theater das Haus übernommen hat, in dem früher die Volksbühne spielte. Die Eröffnungsvorstellung, durch eine Rede des Defa-Direktors Sepp Schwab eingeleitet, fand vor einem Parkett von Arbeitern, Künstlern und Schriftstellern statt, zu, denen aus Dänemark Martin Andersen Nexö gekommen war.
Wolfgang Staudte, der Regisseur des inzwischen auch im Ausland berühmt gewordenen Films "Die Mörder sind unter uns", der als erste große Filmpremiere nach 1945 in der Staatsoper uraufgeführt wurde, hat sich auch in diesem Film ernsthaft mit der Zeit, in diesem Fall mit den letzten zwanzig Jahren auseinandergesetzt. Es ist ein Film über Jahrzehnte hinweg, wie "Die Buntkarierten", ein Arbeiterschicksal. An der Rotationsmaschine in der Zeitungsdruckerei steht Hans Behnke. Dreht sich auch die Entwicklung der Menschheit immer auf derselben Stelle? Ist alles nur eine Wiederholung des Gleichen? Dagegen muß sich der Mensch wehren.
Aber sehen wir von dieser etwas billigen Symbolik ab. Wenden wir uns den Realitäten zu, die der Film zeigt. Stimmen sie? Nicht immer, denn die Jahre vor 1933, die Jahre der Arbeitslosigkeit sind ungenau dargestellt, sind romantisiert und sentimentalisiert. Es fehlt die klare verzahnte, zwingende Story, die Geschichte, die Fabel, die für die Zeit steht, es sind Momentbilder, und diese ohne Härte und Kraft. Es werden Folgen, aber nicht Ursachen gezeigt.
Trotzdem gehört Wolfgang Staudte zu unseren besten Filmregisseuren. Wohltuend auch hier der Ernst seiner Arbeit und die Zugehörigkeit zum Stoff und zum Thema, die Sauberkeit der Gesinnung. Staudte arbeitet nicht, wie viele andere, ein übliches Handlungsschema auf Zeit und Gegenwart um. Eher Ist das Gegenteil der Fall. Er sieht Menschen und Konflikte der Zeit und setzt sie nicht klar auf den Grund einer überzeugenden Handlung. Einzelne Bilder sind besonders in der rücksichtslosen Darstellung der Nazizeit außerordentlich. Es gibt eine aufwühlende Szene: ein SD-Chef schaltet beim Verhör das Radio ein. Beethoven wird gespielt. Er sagt ergriffen: "Fünfte Symphonie!" und dabei geht das Verhör mit allen seinen Gemeinheiten weiter, und der Sohn verrät den eigenen Vater.
Der Wert des Films, der für den Frieden nach innen und den Frieden nach außen arbeitet, liegt noch anderswo. Wolfgang Staudte versucht hier die schauspielerische Tradition, die vor 1933 die „Gruppe junger Schauspieler", Wangenheims „Truppe 1931" und die "Junge Volksbühne" begannen, für den Film fortzusetzen: Damals gab es Schauspieler, denen man einen Arbeiter nicht nur in einer menschlichen Situation glaubte, sondern auch in seiner Handhabung und im ganzen Umkreis seiner Tätigkeit. Reinhold Bernd kommt aus dieser Welt. Hier hat er in der Rolle des sozialistischen Arbeiters und Illegalen Kurt Blank wieder seinen glaubwürdigen Ton gefunden. „Rotation" Ist einer der wenigen Filme, in denen kein Schauspielergesicht beleidigt, und neue Gesichter Typen prägen konnten. In Nazirollen eindringlich Theodor Vogeler, Werner Peters und Walter Tarrach. Paul Esser, der aus Düsseldorf ans Deutsche Theater kam, fügt sich in seiner ersten Filmrolle gut in die Wirklichkeit. Er gibt den Arbeiter Hans Behnke, einen anständigen Kerl, der aber in der Nazizeit aus Sorge für seine Familie schwach wird und sich später wieder findet. Esser hat Kraft, Ernst und Humor, trägt nicht theatralisch auf und ist für den Film ein Gewinn. Auf eins muß hingewiesen werden: wenn Esser im Zuge mit vielen Arbeitern geht, wenn er sich In Ensembleauftritten bewegt, bleibt sein Gang betont. Er hebt sich ab, darf es aber nicht. Er muß selbstverständlich und unbetont unter der Menge gehen. Das sind nicht Kleinigkeiten. Wer erst kürzlich in dem Film „Eine große Liebe" erlebt hat, daß eine ungewöhnlich begabte Schauspielerin wie Elisabeth Flickenschildt sich an falsche und pathetische Theatertöne gewöhnt hat, seitdem wir sie in Berlin nicht gesehen haben, der muß darauf achten, daß der Film ein Hüter und Bewahrer der echten Begabungen bleibt. Man muß fast pedantisch aufpassen, wo gerade bei den Erfolgsrollen die Stellen sind, die zu Unarten werden und das Talent selbst gefährden können.
So wachsam müssen wir die Dramaturgie, so wachsam die Schauspielkunst des Films beobachten. „Rotation" gehört zu den wichtigsten Filmversuchen der deutschen Nachkriegszeit. Gerade deshalb müssen wir auf fundierte Drehbücher und eine immer motivierte Schauspielkunst dringen. Der Erfolg war groß. [...]

Herbert Ihering: Mit Sauberkeit der Gesinnung. „Rotation" in Babylon und in der Kastanienallee. In: Berliner Zeitung, 18.09.1949.

Mitläuferproblematik im Film:

Was Mittwoch nacht in einer Pressevorführung ("Urania", Hamburg) mit allzuviel Vorschußlorbeeren angekündigt wurde - als ob die eingeladenen Journalisten und Filmfachleute sich nicht selbst ein Urteil bilden könnten - ist ein Film, der nicht etwa, wie sein Titel vermuten lassen könnte, die Zeitung zum Thema hat. Er ist nämlich, wie schon so viele Filmtitel vor ihm, höchst symbolischer Natur und meint die "Lügenpresse" im Dienst des Nationalsozialismus, die damalige Propaganda überhaupt, die den kleinen Mann, das Volk erst reif gemacht haben. Der Held der Fabel ist schließlich auch ein Symbol: Rotationsmeister im „Völkischen Beobachter", steht er als kleiner Mann für alle seiner Art: ein hochanständiger Mensch, ein ganzer Kerl und deshalb - für den Kommunismus wie vorherbestimmt; denn dieser, der Kommunismus, wird hier als das antinazistische Element schlechthin dargestellt, von irgendwelchen bourgeoisen Demokraten erfährt man nichts. Der Mann konnte, wie es den kleinen Leuten damals so erging, nicht umhin, Pg zu werden, wenn er seine Stellung nicht verlieren wollte.
Und damit wird jener Punkt im Film erreicht, an dem sich der Pferdefuß der politischen Tendenz bemerkbar zu machen beginnt; hier setzt die Problematik dieses Films ein, der sich bislang als ein künstlerisches Dokument zu geben versprach. Er ist jedoch nicht, was er, zumindest in erster Linie sein sollte, ein absichtsloses Kunstwerk, wenngleich er zum Teil von starker Intensität der schauspielerischen Leistung und mit tiefem Sinn für die Effekte eines erbarmungslosen Realismus photographiert ist. Vielmehr ist er in erster Linie ein politisches Tendenzwerk; die Kunst nimmt hier den Rang ein, der ihr bisher noch in jeder Diktatur zugewiesen wurde: der politischen Propaganda zu dienen.
Rechtfertigte Harlans "Jud Süß" künstlerisch das nazistische Verbrechen gegen die Menschlichkeit, so bucht "Rotation" dieses Verbrechen zu Lasten des Nazismus. Der Nazismus und seine Untaten sind historische Fakten geworden, und der Film hätte lediglich diese mit seinen künstlerischen Mitteln heraufbeschwören und als Realitäten moralisch-menschlich von sich aus wirken lassen sollen, weil die Erschütterung durch das Werk nur künstlerisch stichhaltig ist, wenn sie im Menschlichen liegt. Das hat denn auch die Photographie mit gutem Erfolg besorgt, während in der Fabel der erwähnte Pferdefuß steckt: der zu rehabilitierende kleine Pg, seinen menschlichen Qualitäten nach eigentlich Kommunist und nach anfänglichem Zögern auch zur Hilfeleistung für eine kommunistische Untergrundbewegung bereit, kann nunmehr, wie der Film es im Grunde demonstriert, unbeschadet des verzeihlichen Fehltritts von einst in die mütterlichen Arme der SED sinken.
Das ist die hintergründige, unausgesprochene Tendenz des Films, und mit ihr geht ein politisches Moment in das künstlerische über: dieser Mann, eine Seele von Mensch und eingeschworener Feind der Nazis, wird ohne seelische Konflikte ein braver "Mitläufer", der sich freilich sein Teil denkt, aber um Weibes und Kindes willen Augen und Ohren verschließt. Es geht umgekehrt auch für den Familienvater ohne inneren Konflikt ab, sich für die illegale Sache überreden zu lassen, die die kommunistische ist. Und dann, was künstlerisch am schwächsten ist: der Konflikt, den es bedeutet, nach Kriegsende den Sohn, der den Vater ans Messer der Nazis geliefert hat, in die Arme zu schließen, wird umgangen zugunsten eines mageren Happy-Ends: der Vater lebt dennoch, und auch dem Verräter ist heute verziehen. Dieser Schluß ist künstlerisch schwach. Hier merkt man die verstimmende Absicht am deutlichsten, und es ist klar, daß der Film um jener Tendenz willen die sowjetrussische wie die sowjetdeutsche Zensur hat passieren dürfen. Dafür hat man die ebenfalls aus dem Film sprechende Parallele zwischen dem nazistischen Gestern und dem kommunistischen Heute in Kauf genommen; die Sätze über die Zukunft, die die Vergangenheit nicht wiederholen dürfe, klingen wie eine Parodie angesichts der Tatsache, daß die Erben jener Widerstandsleute, deren tragisches Schicksal der Film sich angelegen sein läßt, längst für die gespenstische Wiederkehr jener Vergangenheit gesorgt haben.

Karl Andreas Eppenhagen: Mitläuferproblematik im Film. Bemerkungen zu dem DEFA-Streifen „Rotation". In: Die Welt, 25.05.1950.

Zeitdokument ohne Knüppeltendenz:

In der Brücke wird heute um 18.30 Uhr für die Mitglieder des Essener Filmklubs der Defa-Film „Rotation" gezeigt. [...] Wir sagten: Der Film ist ein Zeitdokument. Das mag manchen vielleicht im Augenblick abschrecken, denn Zeitdokumente - wir wissen es nur zu genau - sind nicht selten tendenziös. Tendenziöse Filme - und dafür gibt es Beispiele genug - hinterlassen gar zu oft einen bitteren Nachgeschmack, weil ihre Tendenz eben zu dick aufgetragen wurde. „Man merkt die Absicht und ist verstimmt", sagt man in solchen Fällen. Doch dieses Attribut wird man diesem Film nicht geben. Das ist wohl auch der Grund, daß er in der Ostzone nicht gezeigt werden kann, obwohl er in der Ostzone gedreht wurde. Die dortigen Machthaber hätten gern mehr Farbe, d.h. in diesem Falle dicker aufgetragene Tendenz gesehen. Damit ist dem Film bereits ein ernstliches Lob gespendet, das er verdient: Ein Zeitdokument zu sein, das kaum Widerspruch finden dürfte.
[...] Mit sparsamen Mitteln, aber sehr gekonnt, hat Wolfgang Staudte das gestaltet. Es läßt sich vielleicht einiges gegen den Dialog sagen. Man könnte sich ihn geschliffener denken. Doch sagt er das Wesentliche. Vor allem tragen dazu die Darsteller bei. Es sind keine in der Westzone bekannten Stars. Ihre Namen nennt kein Vorspann. Aber alle sind Könner. Einprägsam, wie man es seiten erlebt, sind ihre Gesichter. Natürlich ist ihr Spiel. Man wird es nicht so schnell vergessen. [...] Der Höhepunkt: Das grausame Spiel zwischen Vater und Sohn! Auf der einen Seite die echte, auf der anderen Seite die vermeintliche, durch falsche Erziehung eingeimpfte Pflicht. Sie führt zur Qual, aber zum Glück nicht zur endgültigen Katastrophe. [...]

Filmklub stellt zur Diskussion: „Rotation" - Zeitdokument ohne Knüppeltendenz. In: Essener Tageblatt, 10.10.1950.

Wolfgang Staudtes „Rotation":

„Rotation" ist eines der künstlerisch interessanten Werke der frühen Defa-Produktion, die sich damals noch bemühte, hin und wieder frei von Tendenzen zu arbeiten oder wenigstens diesen Eindruck zu erwecken. Da ertönen noch keine Propaganda-Phrasen von der „Befreiung" durch die Russen, keine SED-Fanfaren, keine FDJ-Gesänge. Es Ist ein anti-nazistischer Film, wie er ähnlich auch im Westen hätte gedreht werden können. Er schildert des Schicksal eines anständigen und unpolitischen Mannes: Arbeitslosigkeit in den zwanziger Jahren, wirtschaftlicher Aufstieg im Dritten Reich, halb widerwillig Eintritt in die Partei, später, wiederum halb widerwillig, Mitarbeit an geheimen Flugblättern, Verrat durch den eigenen Sohn, einem ehrlich hitlergläubigen Buben, Verhöre, Haft. Nach dem Kriegsende Heimkehr des irregeführten Sohnes und versöhnlicher Ausklang. Wolfgang Staudtes optische Gestaltung brilliert mit kühnem und dennoch maßvollem Avantgardismus: Großaufnahmen, Überblendungen, Montagen, rhythmische Rasanz und gleichwohl souveräne epische Ruhe. Nur wenige deutsche Nachkriegsfilme haben die Kraft und die Klarheit dieses erstaunlichen Werkes erreicht.

Wolfgang Staudtes „Rotation". In: Süddeutsche Zeitung, München, 11.09.1953.

Ein interessanter Briefwechsel:

Diskussion um den DEFA-Film „Rotation" im Fernsehprogramm:
Um den am 13.Mai im Abendprogramm des Deutschen Fernsehens gesendeten Spielfilm der sowjetzonalen DEFA "Rotation" ist in der Öffentlichkeit stark diskutiert worden. Nachstehend veröffentlichen wir den Briefwechsel zwischen dem Mitglied des bayerischen Rundfunkrats, dem BHE-Landtagsabgeordneten Dr. Walter Becher, und dem Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, Dr. Clemens Münster vom 14. bzw. 28 Mai 1958:

"Ich halte es für geradezu irrsinnig..."

Sehr geehrter Herr Direktor
Im gestrigen Abendprogramm des Deutschen Fernsehens mußte ich zu meinem Erstaunen feststellen, daß man Veranlassung nahm, den ausgewachsenen DEFA-Film "Rotation" dem deutschen Publikum ohne Kommentar vorzuführen. Der Film schildert den Werdegang einer arbeitslosen Familie aus dem Blickpunkt der kommunistischen Klassenkampf-Tendenz und schildert die Entwicklung bis zum Zusammenbruch Berlins in der üblichen östlichen Diktion. Abgesehen davon, daß die Rote Armee zuletzt als Retter aus der Not auftritt, erblicke ich die besondere Gefahr dieses Filmerzeugnisses darin, daß es in starker Schwarz-Weiß-Färbung genau dieselben Verbrechen und politischen Fehler der Nationalsozialisten anprangert, die es z. Zt. und zur Stunde nicht nur in dar Sowjetzone, sondern im Ganzen kommunistischen Machtbereich begeht. Als da sind: absolute Militarisierung dar Jugend; völlige Ausbeutung der Arbeiterfamilien; Überwachung das Privatlebens durch Parteifunktionäre; Beherrschung der Öffentlichkeit durch den Staatssicherheitsdienst; Denunzierung der Eltern durch ihre Kinder und generelle Mißachtung von Menschenleben. Ich halte es für geradezu irrsinnig, wenn wir daran glauben, das Rückgrat der Freien Welt könne durch Machwerke sowjetischer Herkunft gestärkt werden, welche nach der Methode "Haltet den Dieb" die Verbrechen des eigenen Systems durch Hinweis auf Verbrechen des anderen Systems verdecken wollen. Die Wiedergabe des geschilderten Films im Deutschen Fernsehen wirft ein bezeichnendes Licht auf die Persönlichkeiten, die für dessen Programmgestaltung verantwortlich sind. Solange sich das Deutsche Fernsehen als Plattform für bolschewistische Propaganda-Aktionen etabliert, werde ich sehr davor warnen, seinen jetzigen Regisseuren auch noch die Verantwortung über das Zweite Programm zu übertragen.
Ich weiß, daß Sie persönlich z. Zt. für die Programmgestaltung nicht zuständig sind und daß auch der Bayerische Rundfunk im geschilderten Falle keine Feder führte. Ich bitte Sie daher um Klärung der Zuständigkeit und tue dies nicht nur als Mitglied des Bayerischen Rundfunkrates, sondern auch als Staatsbürger. Da ich den Vorfall für außerordentlich bezeichnend halte, darf ich mir erlauben, von diesem Schreiben der Presse Mitteilung zu machen, und es im Durchschlag auch dem Vorsitzenden das Rundfunkrates, dem Herrn Bayerischen Ministerpräsidenten und dem Herrn Bundespostminister zur Kenntnis zu bringen.
Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener
gez. Dr. Walter Becher MdL
Mitglied des Rundfunkrates

Protest gegen einen "ungeheuerlichen Vorwurf"
Sehr geehrter Herr Doktor Becher,
Ihr Brief vom 14.Mai wurde mir nach Baden-Baden nachgesandt, wo er mich während der Sitzungen der Ständigen Fernsehprogrammkonferenz und des Fernsehbeirates der Arbeitsgemeinschaft erreichte. Ich hatte so Gelegenheit, die von Ihnen erhobenen Vorwürfe mit dem Beirat und meinen Kollegen von den anderen Stationen zu besprechen. Es herrschte Übereinstimmung, daß es richtig gewesen wäre, dem Film einen Kommentar vorauszuschicken, in dem etwa darauf hingewiesen worden wäre, daß dieser um 1947 von der DEFA gedrehte Film heute in der Ostzone nicht mehr gezeigt werden könnte, aus Gründen, auf die auch Sie hinweisen. Dieser Auffassung schloß sich auch die Anstalt an, die den Film gesendet hat (Nord- und Westdeutscher Rundfunkverband). Daß man von einem Kommentar Abstand genommen hat, lag nicht zuletzt daran, daß der Film von der Filmselbstkontrolle für jugendfrei sowie frei für Sonn- und Feiertage erklärt und auch von der Katholischen Filmprüfstelle empfohlen worden ist. Trotzdem wird es notwendig sein, bei Streifen und Themen dieser Art, zumal wenn sie in Filmen von jenseits des eisernen Vorhangs behandelt werden, besonders sorgfältig zu verfahren und Mißverständnisse durch erläuternde Hinweise auszuschließen.
Soweit stimmt Ihre Auffassung mit der meinen und der meiner Kollegen überein. Ich muss jedoch zu meinem Bedauern energisch gegen die Unterstellung Einspruch erheben, die in dem folgenden Absatz Ihres Briefes enthalten ist: "Die Wiedergabe des geschilderten Films im Deutschen Fernsehen wirft ein bezeichnendes Licht auf die Persönlichkeiten, die für die Programmgestaltung verantwortlich sind. Solange sich das Deutsche Fernsehen als Plattform für bolschewistische Propaganda-Aktionen etabliert, werde ich sehr davor warnen, seinen jetzigen Regisseuren auch noch die Vorantwortung für das zweite Fernsehprogramm zu übertragen". Ich kann mir nicht denken, daß Sie sich selbst über den ungeheuerlichen Vorwurf klar sind, den Sie da mit der durch nichts gerechtfertigten Verallgemeinerung einer sicher bedauerlichen Unterlassung begründen. Wenn Sie, sehr verehrter Herr Dr. Becher, "den Vorfall für außerordentlich bezeichnend halten", so darf ich das auch meinerseits tun und die Art und Weise, wie durch Mitteilung an den Herrn Bayerischen Ministerpräsidenten, den Herrn Bundespostminister, den Herrn Rundfunkratsvorsitzenden und die Presse aus einem einmaligen und verhältnismäßig bedeutungslosen Versehen schwerste persönliche Diffamierungen ausgesprochen werden und rundfunk-politisches Kapital geschlagen wird, ebenfalls vor den genannten Herrn und der Presse zurückweisen.
[...]
Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener
gez. Dr. Clemens Münster

Ein interessanter Briefwechsel. In: Fernsehen und Film: Fernseh-Film. Nachrichten-Informationen-Kommentare. Nr. 17 vom 05.06.1958.

Bedrückende Wirklichkeit:

Meschede. Der Film-Club Meschede zeigte am Donnerstagabend „Rotation", einen Film aus der Produktion der DEFA von Wolfgang Staudte. [...] Es ist kein Film, dessen außerordentliche künstlerische Ansprüche einen in Erstaunen setzen - wie Orphée", dessen Atmosphäre einen bezaubert [...], und doch ist es ein Film, der durch seine Wirklichkeitsnähe beeindruckt.
Ein politischer Häftling steht vor der Wand seiner Zelle und erlebt in einer Rückblende noch einmal die Nöte und Sorgen seiner Familie. Die Bilder der letzten Jahre ziehen wieder an ihm vorbei: entmutigende Arbeitslosigkeit, der Anbruch der „neuen Zeit", die politischen Zugeständnisse, mit denen er seinen wirtschaftlichen Aufstieg erkaufen mußte, der Verrat seines eigenen Sohnes, der ihn in die Zelle brachte. Das ist eine traurige Bilanz, und ein Film, der solche Ereignisse behandelt, zwingt zum Nachdenken. [...]
Allerdings erhebt sich die Frage, in welcher Form man wieder daran erinnert werden soll. "Rotation" beschränkt sich darauf, die psychologische Situation jener Zeit mit realistischen Bildern wieder wachzurufen. Der Kampf um Berlin, die Überflutung des von Menschen besetzten U-Bahn-Tunnels, der Aufmarsch deutscher Truppen und der HJ nehmen einen verhältnismäßig großen Raum ein, während geistige Probleme nur gestreift werden. Der Film enthält wenige dramatische Konflikte, und der Zuschauer, der von "Rotation" die Schilderung des Ringens um die Pressefreiheit oder die Gewissenskämpfe eines Redakteurs erwartete, mußte enttäuscht sein. Der folgenschwere Entschluß des Druckers, die Druckpresse der Widerstandskämpfer wieder instand zu setzen, wurde nicht als sittliche Entscheidung, sondern fast als private Gefälligkeit für seinen Schwager dargestellt.
In dieser Verschwommenheit der Motive liegt - bei allen guten Ansätzen, die der Film sicherlich hat - seine Schwäche, und über diese Lockerheit des dramatischen Aufbaus täuscht auch nicht die gelungene optische Gestaltung hinweg. Die leerlaufende Schallplatte und der metaphorisch in seinem Käfig ertrinkende Kanarienvogel bleiben bloß eingestreute Bilder, und die gut getroffene Atmosphäre jener Zeit trägt noch nicht zur Klärung der Problematik bei. Die Gefahr das Films liegt darin, daß die Schuldigen - für jeden an Ledermantel oder Parteilabzeichen kenntlich - so stark typisiert sind, daß jeder, der nicht zu diesem Typus gehört, sich frei von Schuld wähnen muss. Das Schuldbekenntnis des Vaters an den Sohn wirkt nicht recht überzeugend, weil sein Versagen vorher nicht deutlich gemacht worden ist. Deshalb ist es aber nicht minder schwer. Davon zeugt - die seelische Erschütterung des Jungen, als ihn sein Führeridol verläßt - eine der besten Szenen des Films.
Es wäre falsch, den Film als Tendenz-Film im üblichen Sinne zu bezeichnen; doch tendiert er zu einer naturalistischen Gestaltungsweise, die das geistige Moment vernachlässigt und in lockerer Form Wirklichkeitsausschnitte aneinanderreiht. [...] Man muß sich hüten, den Film schon nach seiner östlichen Herkunft zu beurteilen. Vielleicht wäre es für das Film-Club-Publikum interessant zu erfahren, wie ein Dichter diese Probleme gesehen hat. Wolfgang Liebeneiners Film "Liebe 47", der auf Borcherts gleichnamiges Drama zurückgeht, böte hierzu eine gute Gelegenheit.

Bedrückende Wirklichkeit. Der Club Meschede zeigt den DEFA-Film „Rotation". In: Westfalen Post, 13.11.(?).1970.

Kleinbürgermoral:

Hans Behnke war arbeitslos gewesen. Jetzt kann er beim „Völkischen Beobachter" als Maschinenmeister arbeiten. Ihm geht es unter Hitler nicht schlecht. Er ist ein unpolitischer Mensch, kümmert sich um nichts. Sohn Helmut ist bei den Pimpfen. Eines Tages kommt Kurt aus der Tschechoslowakei, wird verhaftet, in der Todesnachricht heißt es lakonisch „Herzschlag'. Hans zertrümmert vor Wut ein Hitlerbild, bei ihm ist der Groschen gefallen.
Doch Helmut ist ein begeisterter Pimpf, er zeigt den Vater an, der kommt nach Moabit, kurz vor der Hinrichtung befreit ihn die Rote Armee. Wolfgang Staudte hat diesen Film 1949 für die Defa gedreht, in der Bundesrepublik fehlt das Bild des Kleinbürgers im Film über die Nazi-Zeit.
Den Widerstand der kleinen Leute - wie hier Kurt - gab es bei uns erst in Hauffs „Zündschnüren" nach Degenhardt (1974!).
"Rotation" ist auch innerhalb der DDR-Filmproduktion eine der besten Arbeiten, zumal hier das Verhalten des Durchschnittsbürgers und seine Ablehnung aller politischen Verantwortung als Gefahr und Hilfe für das Regime kenntlich gemacht wird.

Kleinbürgermoral: Wolfgang Staudtes "Rotation". In: Rheinische Post, Düsseldorf, 18.03.1975.