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Retrospektive Kritik


K 7: Hembus, Joe
: Die Illustrierte Film-Bühne als Wachsfigurenkabinett des deutschen Nachkriegsfilms, in: Illustrierte Filmbühne. 50 deutsche Nachkriegsfilme von 1946-1960, Bd. 2, München 1977, S. 7

Es hat damals sehr am Humor beim Genießen deutscher Filmkunst gefehlt. Aber im Titelschlager des Films von Filmbühne Nr. 56 singt dann Hans Albers bereits "Denn über uns der Himmel lässt uns nicht untergehen!", der rückwärts gewandte Euphemismus verbindet sich mit einem vorwärts gewandten Optimismus, und schon sind die Trümmer des sogenannten Trümmerfilms nicht mehr ein Stück unbewältigter Vergangenheit, sondern Bausteine eines bewältigten Wirtschaftswunders und der heilen Welt des Heimatfilms [...].


K 8: Auszüge aus filmgeschichtlichen Werken


Pleyer, Peter:
Deutscher Nachkriegsfilm 1946-1948, Münster 1965, S. 103.

Autor und Regisseur versuchen, in Haupt und Nebengeschehen des Films eine Vielzahl von Gegebenheiten und Problemen der Nachkriegszeit darzustellen und anzusprechen. Dennoch erscheint der Film nur bei der optischen Registrierung von einigen damals alltäglichen Einzelheiten als überzeugendes Bild der Wirklichkeit. Das liegt daran, dass das Zeitbild weitgehend der publizistischen Absicht der Filmhersteller entsprechend konstruiert wird: Es geht ihnen nicht um eine Beschreibung der Zeit und ihrer Probleme, bei der die Aufzeichnung von Fakten dem Zuschauer kritische Erkenntnisse vermittelt, sondern um ein über weite Strecken einseitiges Arrangement der Wirklichkeit, mit dem der Betrachter im Sinne einer optimistischen Lebenssicht beeinflusst werden soll. [...] Das primäre Ziel, im Zuschauer Lebensmut und Wiederaufbauwillen hervorzurufen, zeigt sich in zahlreichen Details des Geschehens, in den Dialogen und besonders in der Zeichnung der Hauptfigur. [...]

Als Hans zu Beginn des Films nach Hause zurückkehrt, ist er angesichts der Verhältnisse, die er vorfindet, nicht im geringsten verzweifelt. Mit Eifer und Elan macht er sich sofort daran, die Wohnung zu renovieren. [...] Die optimistische Grundhaltung realisieren die Filmhersteller auch im Schicksal Werners: Er kehrt als Blinder aus der Gefangenschaft heim, wird aber sofort durch eine Operation geheilt. [...] Es liegt auf der Hand, dass diese zwar mit Pathos vorgetragenen, im Grunde aber unrealistischen Hinweise den Betrachter nur zu zukunftsfreudigem Gefühl [Hervorhebung im Original; F. E.] überreden können, ihn aber von der Berechtigung dieses Gefühls in keiner Hinsicht überzeugen, da die Filmschöpfer keine der Realität entsprechenden Argumente anführen können.         



Stettner, Peter/Endeward, Detlef:
Das Brot und der Himmel. Zwei deutsche Nachkriegsfilme als historische Quellen der frühen Nachkriegszeit, in: Geschichte in Bildern. Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle (hg. v. Irmgard Wilharm), Pfaffenweiler 1995, S. 219ff.

Zum einen - und hier kann der Film "Und über uns der Himmel" als die repräsentative Strömung gelten - zeigt sich ein schicksalhaftes Verständnis von Faschismus, Krieg und Nachkriegsnot, das mit einer Verdrängung gesellschaftspolitischer Fragestellungen einhergeht, ein Verständnis, das unpolitisch an schöne Vergangenheiten anknüpfen möchte - dies zeigt sich auch in der formalen Gestaltung des Films, die an die UFA-Tradition der 30er und frühen 40er Jahre anschließt - und in dem die Menschen sich ausschließlich als Opfer der Zeit verstehen. [...] Bei aller Unterschiedlichkeit [zum DEFA-Spielfilm "Unser täglich Brot" (1949, Regie Slatan Dudow); Ergänzung von F. E.] findet sich doch auch auf der Ebene der intendierten Aussagen eine Gemeinsamkeit: beide Filme zeigen eher "wie es sein soll" als "wie es ist". Hans Richter und Karl Webers [aus "Unser täglich Brot"; F. E.], die im Mittelpunkt stehenden Figuren, machen eine Entwicklung durch und entscheiden sich schließlich wunschgemäß "richtig". [...] Dies Bedürfnis zu zeigen "wie es sein soll" kann als Beleg dafür verstanden werden, dass es kaum den Wunsch gab, sich mit der gesellschaftlichen Realität der Nachkriegszeit ungeschminkt auseinanderzusetzen, vielmehr aber das starke Bedürfnis, Perspektiven und Zukunftswege aufzuzeigen bzw. aufgezeigt zu bekommen. Dies muss als ein Hinweis auf das Wechselverhältnis von verbreiteter Unsicherheit einerseits und autoritären Fixierungen andererseits verstanden werden.



Greffrath, Bettina: Gesellschaftsbilder der Nachkriegszeit. Deutsche Spielfilme 1945-1949, Pfaffenweiler 1995, S. 281f.

Die metaphorische Fassung dieses Außen [der äußeren Realität; F. E.] als Schicksal, Sturm, über der Macht der Menschen stehende Kraft und deren bildliche Inszenierung entsprechen in "Und über uns der Himmel" den typischen Tendenzen in den Filmen der ersten Produktionsjahre. In diesen Bildern bricht das Empfinden des ohnmächtigen Gefangenseins in einer dunklen und bedrohlichen Umwelt, die durch ihre "verrückte" und undurchschaubare Dynamik alle bisherigen Sicherheiten und positiven ethischen Orientierungsmöglichkeiten außer Kraft gesetzt hat. Eine Verantwortung des einzelnen für sein Handeln dementiert dieser Film ebenso, wie er verbal und handlungslogisch wenig überzeugend ein "Und es geht auch anders" einklagt. Dass der Film einerseits über die eigene Demoralisierung und das Außerhalb-der-Gesetze-Agieren beruhigt, andererseits abstrakt eine Hoffnung auf Zukunft beschwört, dürfte ein Grund für seinen Publikumserfolg an der Jahreswende 1947/1948 gewesen sein. Attraktiv wirkte sicherlich auch die Aussicht auf eine harmonisch-abgesicherte kleinbürgerliche Existenz, die die Figur des Hans Richter im happy end eröffnet. Vor allem aber dürfte der nachgezeichnete Prozeß der Rückkehr auf den alten Weg (zur Arbeit als Kranführer) einer Wunschvorstellung vieler Menschen im Nachkriegsdeutschland entsprochen haben, zu der gelernten (beruflichen) und ethischen Identität und Orientierung zurückkehren zu können, sich selbst wiederzufinden.

Doch bereits der heitere Eigensinn dieser von Hans Albers gespielten semiproletarischen Existenz stieß sich vielfach an der realen Selbstsicht der Zeitgenossen. Die filmkritische Rezeption betont immer wieder die mangelnde Authentizität dieser ungewöhnlich kraftvollen Heimkehrerfigur. [...]

Zwar ist Hans Richters Wahrnehmung der Wirklichkeit noch umfassend und tabulos, doch ist es gerade diese Wahrnehmung, ist es die Erfahrung des "Außen", die ihn vom "rechten Weg", der kollektiv-ethischen Orientierung abgehen lässt. [...]

Im happy end schließt sich für Hans Richter nun ein Kreis: er ist wieder auf dem Kran, wieder Ehemann, wieder Vater. Er hat eine Identität gefunden, wenn auch keine neue [sämtliche Hervorhebungen im Original; F. E.].



Becker, Wolfgang/Schöll, Norbert: In jenen Tagen... Wie der deutsche Nachkriegsfilm die Vergangenheit bewältigte, Opladen 1995, S. 68.

Die Verurteilung von Apathie oder materialistischem Zu-etwas-kommen-Wollen bei den vom Krieg geschädigten Deutschen gehörte zu den dringlichen Anliegen der westdeutschen Trümmerfilme; die Resozialisierung der Bevölkerung mittels Arbeit führten sie mit den von ihnen erzählten, bebilderten Geschichten den Zuschauern beispielhaft vor Augen. Am radikalsten verfolgte dieses Interesse der Film "Und über uns der Himmel" [...], indem er als Zweck, als Belohnung einzig das Zurückfinden in eine Ordnung, in ein geregeltes und abhängiges Leben verhieß - dargestellt anhand der erfolgreichen ,Bekehrung' des erfolgreichen Schiebers zum Arbeiter. Mit einem Schwenk, der stilliegende Produktionsanlagen zeigt, und mit Aufnahmen von ausgemergelten und niedergedrückten Menschen im zerstörten Berlin gibt der Film seinen Ausgangspunkt gleich als Forderung an: Die Ressourcen einer Volkswirtschaft (Produktionsmittel und Menschen) liegen brach; sie wieder zusammen zu bringen, ist die am Ende des Films bewältigte Aufgabe. Dabei werden Inhalt und Zweck der Arbeit, zu der der von Hans Albers (dem Sympathieträger aus ideologisch harmlosen, aber auch weniger harmlosen Filmen der Jahre vor 1945) dargestellte Schieber nach seinen Abwegen zurückgefunden hat, ausdrücklich nicht als in einem materiellen Nutzen für ihn bestehend bezeichnet, sondern in einem ideellen, in geordneter Regelmäßigkeit. Er arbeitet (wieder) in Wechselschicht, weiß am Ende freudestrahlend der Sohn zu vermelden, der Vater ist ein ,normaler', ein ordentlicher Mensch geworden [sämtliche Hervorhebungen im Original; F. E.].