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Zeitgenössische Kritik


K 1: In der Schauburg: "Und über uns der Himmel"
(SZ, 13.1.1948)

Durch das Berlin dieser Tage fahren zwei Heimkehrer. Der eine ist blind. "Potsdamer Straße", sagt jemand. Da steigt vor dem inneren Auge des Blinden das alte, unversehrte Berlin auf, ganz so, wie es in seiner Erinnerung lebt. Daneben aber sitzt der Sehende - und die Kamera, hinüberwechselnd zu dessen Gesicht, sieht nun mit scharfen, nüchternen Augen: jetzt ist es das wirkliche, das heutige, das zertrümmerte Berlin.

Das ist eine der besten Stellen dieses Films. Der optische Einfall, der einerseits zwei Menschen charakterisiert und andererseits Vergangenheit und Gegenwart einer Stadt, sinnbildlich und real zugleich, ist ein typisches Beispiel für guten, filmischen Instinkt. Am Ende hingegen findet sich ein ebenso typisches Gegenbeispiel für filmische Instinktlosigkeit: da schließt der realistisch angelegte und ernst gemeinte Film mit den Schwankpointen hemmungslosen Klamauks. Das eine ist filmisch empfunden, das andere filmisch konstruiert, das eine strebt, unter zeitweiliger Preisgabe der Handlung, nach Echtheit, das andere, unter Preisgabe der Echtheit, nach dem reinen Handlungseffekt.

So zeigt sich hier allenthalben eine stilistische Unsicherheit, die sich bereits dadurch kundtut, dass man Hans Albers einen Heimkehrer zwischen Trümmern spielen lässt. Albers, der populärste deutsche Schauspieler, ist zweifellos mehr als der Hans Dampf in allen Gassen und sieghafte Kraftmeier, als den wir ihn so häufig sahen: er war ein wunderbarer Liliom und wäre ein wunderbarer Mackie Messer. Märchenheld, Prolet und Münchhausen: er ist eine prächtige Mischung aus hemdsärmeliger Realistik und wunschtraumhafter Romantik, aus Vitalität und Gemüt, aus Kolportage und Humor, ein Darsteller, der einen echten Stil geprägt hat. Aber er ist der Star par excellence. Trümmerfilme sollten keine Starfilme sein. Man glaubt Albers zur Not den nicht ganz ernsthaften Schleichhändler und dunklen Ehrenmann, der er im ersten Teil, nicht aber den wackeren Arbeiter und Normalverbraucher, zu dem er sich später entwickeln soll. Wie denn überhaupt der Film seine Reize hat, so lange er auf betont krasse Weise das Negative der Nachkriegswelt schildert (was er mit deutscher Gründlichkeit besorgt), aber sofort unglaubhaft wird, wenn er es mit dem Positiven versucht und alsbald in angestrengtes Moralisieren verfällt. Seine Typik kennt zwischen den ganz besonders schwarzen Schwarzhändlern und den himmelblauen Werktätigen kaum jene Nuancierungen, aus denen die heutige Wirklichkeit besteht. Sekt oder Malzkaffee - was zwischen diesen beiden Polen liegt, ist für die Filmleute offenbar zu uninteressant. Aber die moralisch scheinbar nicht wertende Zustandsschilderung, die indirekt, ja anklägerisch genug wäre, würde stärker wirken als dieses Moralisieren mit falschem Brustton und anklagendem Biedermannspathos. So wird dann ein echtes Zeit-Thema wiederum vertan oder doch verwischt und verwässert - und wenn das im deutschen Film so weitergehen sollte, dann wäre es uns angenehmer, man verzichtete ganz auf die mit Kolportage verbrämten und insofern verlogenen Trümmer und wendete sich lieber gleich der reinen Kolportage und ihrer sozusagen ehrlichen Verlogenheit zu. Greift man aber die Zeitprobleme an, dann tue man es kompromisslos und vergesse sämtliche Branchenregeln der Routine. Nun, wir geben auch angesichts dieses Films die Hoffnung nicht auf: wir haben, immerhin, ein paar Regisseure und Autoren - Käutner ist wahrscheinlich der profilierteste von ihnen -, von denen wir beharrlich (ob Zeitfilm oder nicht) eine Erneuerung des deutschen Films erwarten.

Die an sich sehr gekonnte Regie dieses Films führt Josef v. Baky, das Drehbuch schrieb Gerhard Grindel und neben Hans Albers, Hans Dampf in allen Trümmern, der im übrigen auch sehr menschliche Töne hat, agiert rührend der abgemagerte und gänzlich unfriderizianische Otto Gebühr sowie, nicht ganz so rührend, eine stattliche Versammlung gut angelegter Nebenrollen, darunter Lotte Koch, Annemarie Haase, und Elsa Wagner. Unter den neuen Gesichtern fällt Paul Edwin Roth und insbesondere die junge Heidi Scharf auf. Mackeben schrieb einen Trümmerschlager, der uns dringend gefehlt hat...

Gunter Groll



K 2: "Und über uns der Himmel"

(Filmpost-Archiv ??)

An diesen ersten nach dem Kriege in Berlin-Tempelhof gedrehten Film knüpften sich durch die Regie von Bakys besondere Erwartungen. Sie haben sich nicht erfüllt. Es sollte ein bedeutsamer Zeitfilm werden., es kam ein unbefriedigender Unterhaltungsfilm heraus mit einem faden Nachgeschmack. Wer diesen Film sah, wurde nicht im Glauben an den neuen deutschen Film bestärkt, sondern im Gegenteil erschüttert. Vielleicht liegt es nicht nur am problematischen Drehbuch, sondern noch mehr an der Besetzung. Albers als Heimkehrer: Wer soll das glauben? Es ist psychologisch allzu gewagt, uns den "Hans Dampf in allen Gassen", den "Draufgänger" und "Sieger", nun seiner prächtigen Phantasie-Uniformen und Frack-Anzüge entkleidet, im schäbigen Habit eines unbedeutenden und namenlosen Heimkehrers vorzuführen. Diesen diametralen Gegensatz von hyperexzentrischer Persönlichkeit zur letzten Anonymität in der Masse der verelendeten Millionen glaubt Hans Albers kein Mensch. Da liegt ...[??] . Der mimische Kredit ist überzogen! Dieser generelle Eindruck wird durch die sattsam bekannten Filmmätzchen aus Dutzenden Albers-Filmen nur noch verstärkt. Die Zeit ist über dieses Filmgenre unerbittlich weitergerollt. Das hätten sich die Filmleute an den Zehen [??] abzählen können: "... und über uns der Himmel" erweist sich so als ein Zwitter von konstruierten, konfektionierten Zeitfilm-Ingredienzien ohne innere Gestaltungs- und Überzeugungskraft, die man mit bewährten Albers-Zutaten vermengt hat. Es ist schade um die investierten Mühen und Kosten. Allein die lächerliche Szene, in der Albers mit einem Hafenkran einen Schwarzhändler in das nasse Element befördert, spricht für die Albernheit und den mangelnden Ernst, die diesen Film charakterisieren. Nein, so geht es nicht! Der unwahrscheinliche Aufbau-Chor, der über die Szene bleiert - eine fragwürdige Reminiszenz an Harlan-Filme -, nimmt es an Unglaubwürdigkeit mit der unwahren Schlussszene des Films "Irgendwo in Berlin" auf, in der ein Rudel Jugendlicher Reichsarbeitsdienst-Exerzitien vorführt. Nein, das wollen wir nicht mehr sehen, niemals wieder! Der Filmbesucher fühlt sich düpiert: Die Reklame kündigte einen ernst zu nehmenden Film an und bot einen sentimentalen, inkonsequenten Reißer. Kann da Verärgerung ausbleiben? Hätte man den Mut zur Konsequenz gehabt und einen waschechten Albers-Reißer gemacht: Albers als Schwarzhändlerkönig von Vierzonien mit allem Drum und Dran! Jede Kritik wäre im Keim erstickt. Wir verlangen heute unbedingt Markenware. Das gilt auch für den Film von 1948! Dieser Bildstreifen aber war Mischmasch. Nur eine Szene war gut: Wenn der zunächst noch kriegsblinde Sohn im Auto durch das Ruinenmeer von Berlin fährt und sein geistiges Auge noch das Gesicht der einstigen Metropole sieht - Gegensätze, die gut montiert und in ihrer fesselnden Gegensätzlichkeit überzeugend abgestimmt sind -, wird der Betrachter versöhnt. Aber das ist nur ein Tropfen Wasser auf den heißen Stein der Enttäuschung. Schade!

Dr. Kurt Worig



K 3: "Und über uns der Himmel"
Uraufführung in Berlin und München
(Neue Filmwoche, 27.1.1948)

Ein Publikumserfolg, wie man sich in unseren Tagen kaum durchschlagender vorstellen kann. Zweifellos war dies eine der Hauptabsichten des amerikanisch lizenzierten Objectiv-Filmgesellschaft. Die Handlung ist zwar mehr als unwahrscheinlich und man glaubt es selbst Albers nicht, dass ein Schieber derart ausgeprägten Formates innerhalb kürzester Frist den Weg in ein sauberes Leben zurückfindet, um so weniger in einem Milieu, wie es das heutige Berlin darstellt. Doch davon abgesehen handelt es sich hier um einen Zeitfilm unvergeßlicher Dokumentation, dem man aus naheliegenden Gründen vor allem einen möglichst geebneten Weg in das Ausland wünscht, weil seine Ausblicke und insbesondere die vom Anfang weg systematisch eingestreuten, hundertprozentig naturalistischen Bildmontagen eine für jeden Beschauer sicherlich gleichermaßen erschütternde Sprache sprechen. Der Regisseur dieses Streifens, Josef von Baky, hat stellenweise etwas übertrieben, offensichtlich aber mit voller Absicht und wenn man seine Arbeit im Großen überblickt, dann muss man ihm recht geben. Werner Krien an der Kamera hatte Mut und zuweilen bestechende Einfälle. Er photographierte in äußerst beweglicher Kameraführung mitten auf der Straße des Elends. Deutlich lassen einige seiner stärksten Bilder die behutsam führende und kompromisslose Hand Bakys erkennen, dem es zu allem anderen auch zu danken ist, dass der Held des Films Hans Albers, ganz entgegen seiner sonstigen, zum Begriff gewordenen Art, wesentlich unaufdringlicher erscheint. Eine Tatsache, die uns den mit Recht so beliebten Darsteller in diesem Bildstreifen ganz besonders sympathisch macht. (Keine Angst, die Albers-Fanatiker kommen mit einer handfesten Box- und Ringszene und einigen anderen typischen Albersiaden auch in diesem Film und in jener [jeder?] Hinsicht auf ihre Rechnung!) Sieghaft, männlich und voll der guten Laune bezwingt Albers das Thema dieses Trümmerfilms. Theo Mackeben schrieb die ausgezeichnete Musik des Films.

Von den übrigen Darstellern fällt besonders Ralph Lothar auf, der der Gestalt eines Großschiebers meisterhafte Züge verleiht. Lotte Koch in der Rolle einer jungen Kriegerswitwe ist echt und überzeugend. Der junge Paul Edwin Roth, im Film der von der Erblindung wiedergeheilte Sohn, ist eine Entdeckung des bekannten Spielleiters Karlheinz Stroux. Sein Debut auf der Leinwand ist ohne Zweifel hoffnungsvoll. Erfreulich das Wiedersehen mit dem stark gealterten Otto Gebühr, der diesmal einen Studienrat zeitgemäßer Verarmung gibt, und Heidi Scharf, einer Nachwuchsdarstellerin, fällt die Aufgabe zu, ein mit unbezwingbarer Sehnsucht nach dem freudvollen Leben lechzendes und schließlich darin untergehendes junges Mädchen darzustellen, und sie erfüllt ihren Part mit viel Elastizität, wenn auch zuweilen ohne besondere optische Ausdruckskraft.

Horst Axtmann



K 4: "Und über uns der Himmel"
Ein Hans-Albers-Film in der Neuen Scala
(Der Tagesspiegel, 11.12. 1947)

Heimkehrer sind keine Helden. Unter der Voraussetzung, dass sie ordensgeschmückt nach gewonnener Schlacht in das siegjubelnde Städtchen zurückkehren, verfallen sie, wenn sie nicht sehr klug und bescheiden sind und nicht den rechten Augenblick ergreifen, bald der Lächerlichkeit. Niemand will mehr dem Schwadroneur zuhören, und nun ist er eine tragikomische Figur, die nicht mehr aus der Kriegsanekdote heimfindet in die Realität des neuen Lebens nach dem Kriege. Nach verlorener Bataille aber ist der Heimkehrer schlechthin ein bejammenswerter Mann, dem hier Mitleid, dort Gleichgültigkeit begegnet, der im Grunde das in Lumpen wandelnde, abgezehrte und unrasierte schlechte Gewissen der Nation darstellt. Es gehört schon die menschliche Einsicht eines Dichters dazu, aus der Figur des Heimkehrers, des blumengeschmückten, umjubelten, sowie aus der Jammergestalt des Besiegten einen tragischen Helden zu machen, der in einem völlig veränderten Leben unter völlig veränderten Voraussetzungen von der Erkenntnis bedrängt und verfolgt wird, dass er die besten Jahre seines Lebens versäumt hat und dass er zu dieser neuen Welt, in die er jetzt eintritt, keinerlei Beziehungen mehr hat. Der deutsche Nachkriegsfilm hat den Heimkehrer bisher nur im Sinne einer politisch tendenziösen Programmatik dargestellt. Dabei ist meistens das verzeichnete, weil konstruierte Bild eines Typs entstanden, dem schlechte politische Literatur in den Mund gelegt wurde.

Dem neuen Heimkehrerfilm, den jetzt die Objectiv-Filmgesellschaft herausbringt, geht es nicht um die wahre Heimkehrerproblematik, sondern um den geschickten Umgang mit den neuen Gegebenheiten. Die Lebensphilosophie, die sich daraus ergibt, ist volkstümlich. Der große, breitschultrige Mann, der mit seinem Seesack auf dem Rücken plötzlich den in langen Jahren erträumten Augenblick, da er vor seinem Hause stehen wird, erlebt, ist weder kompliziert noch von irgendwelchen Skrupeln belastet. Er ist ein Dutzendkerl mit einem guten Herzen, der kleinen Mädchen Schokolade schenkt, der sich einige Sentimentalitäten in der Erinnerung an vergangene schöne Tage gestattet, dieses gefährliche Terrain aber im rechten Augenblick verlässt und mit Hammer, Kelle und Pinsel aus der zerstörten Pracht eine bourgeoise Notlösung schafft. Aber das genügt ihm nicht, und so kommen bald die schmiedeeiserne Spiegelgarnitur, der Fünfröhrenapparat und das Büfett aus Kaukasisch-Nußbaum dazu - Herrlichkeiten, die er sich nur mit den kleinen Schiebereien am Anfang und mit den großen am Ende leisten kann. Da zu dem Bilde eines solchen volkstümlichen Helden die Unmoral auf die Dauer schlecht paßt, muss die Umkehr irgendwann stattfinden. Just in diesem Augenblick aber bringt das Schicksal den erblindeten Sohn ins Spiel. Das sündige Geld erlaubt eine kostspielige Augenoperation, und dem sehend gewordenen Sohn gehen nun erst recht die Augen über. Es beginnt ein rührender Vater-Sohn-Konflikt, bei dem das Vaterherz hinter der schmucken grauen Pikeeweste hervorbricht, als der Sohn, vor die Wahrheit gestellt, den Vater anzuzeigen oder mitzumachen, sich für die letzte Möglichkeit entscheidet. Die dunklen Kollegen, mit denen man noch Stunden vorher Handel und Wandel trieb, werden vor den Kopf und unter das Kinn gestoßen, der Alte zieht die ölige Lederweste wieder an, turnt auf seinen alten Lastkran, und alles ist wieder im Lot.

Man sieht also, welcher Art die Mentalität dieses ganz auf die breite Publikumswirkung gestellten Films ist. Hier wird nichts ausgelassen, weder der Druck auf die Tränendrüse noch der liebevolle, nicht wehtuende Appell an das Gewissen und an das gute Berliner Herz. An keiner Stelle geht der Film in die Tiefe oder in die menschliche Problematik. Man weicht ihr im Gegenteil sehr geschickt aus und meint, schon sehr viel getan zu haben, wenn man die nächtlichen Orgien der dunklen Ehrenmänner mit dem Nachkriegselend kontrastiert. Die Umkehr des auf Abwege geratenen Heimkehrers ist in keiner Weise psychologisch vorbereitet. Sie ergibt sich nicht aus der Wandlung eines Charakters. Die Wirkung ist dadurch im Grunde amoralischer, als wenn dieser Dutzendkerl seinen schlüpfrigen Weg weitergegangen wäre. Josef von Baky hat diesen Film mit Routine gedreht. Es gelingen ihm dabei einige gute filmische Momente. In den Szenen, die unter den Schwarzhändlern spielen, wird sogar zuweilen das Gewebe dichter, und man hat das Gefühl, dass sich hier die böse, hintergründige Szenerie unserer Tage auftut, in deren Widersinn sich auch der gute ehrliche Mensch verirren kann. Der Regisseur verschafft Hans Albers alle Möglichkeiten, sich bis in die naturalistischen Details auszuspielen. Dadurch steht der Star hier sehr souverän dem Regisseur, der eher dessen Intentionen folgt als umgekehrt. In der Herausarbeitung der Nebenrollen erscheint die Regie sorgfältiger und selbständiger. So haben Otto Gebühr, Elsa Wagner, Annemarie Hase [sic] einige starke Auftritte. Lotte Koch als Studienratswitwe, die ihr vaterloses Töchterchen mit dem mutterlosen Sohn Werner zu einem neuen Familienglück zusammentut, bleibt blass und gehemmt. Paul Edwin Roth als Werner ist in der Resignation intensiver als in den Augenblicken des Ausbruchs. Ein neues Gesicht Heidi Scharf, sehr echt als lebenshungriges Mädchen, künstlerisch aber zu sehr schon auf den Typ festgelegt. Das Drehbuch hat Gerhard Grindel, die einprägsame Melodie des Liedes Theo Mackeben geschrieben. Es gab einen Premierenabend mit viel Blumen und Applaus.



K 5: "Und über uns der Himmel"
Film-Uraufführung mit Hans Albers
(Neue Zeitung Berlin, 12.12.1947)

Was an diesem Film für das Publikum erfreulich war: Hans Albers erschien wieder auf der Leinwand, seine Zugkraft auf das Parkett bewährend wie eh und je. Breit, goldenherzig, hurtig, auch noch in den Schattenseiten des Charakters, den er hier darzustellen hatte, sympathisch und verständlich. Als der Film "Und über uns der Himmel" zwei Tage vor seiner offiziellen Uraufführung überraschend in einem Großkino des Südwestens gezeigt wurde, badete sich das Publikum in den populären Wirkungen seines Lieblingsstars, als der Regisseur Josef von Baky den gleichen Film der Objectiv-Film GmbH dem Premierenpublikum der "Neuen Skala" zeigte, war die Wirkung wesentlich schwächer. Zu viele Bedenken saßen im Parkett. Neben der Freude, die Filmkunst, die so lange geruht hatte, so technisch sauber und liebevoll geführt, wieder anlaufen zu sehen, wohnte auch der Zweifel: ob man einen so optimistischen Schauspieler, einen des lustvoll aufgekrempelten Hemdsärmels, einen Star also, behängt mit Erinnerungen an unzählige frühere Filme, in einen Zeit- und Trümmerfilm hineinstellen dürfe, ohne einen Bruch im Bewußtsein des Zuschauers zu riskieren. [...]

Es ist überzeugend und anrührend, wenn beispielsweise in einer radikalen Montage ein erschütterndes Kolossalbild heutigen Elends gegeben wird. Der Film ist geschickt, wenn er in die Zeit des unzertrümmerten Berlins zurückblendet und einigen ironischen Spaß mit tieferer Bedeutung an solcher Kontrastierung hat. Der Film ist oft richtig, wenn junge Menschen die Trostlosigkeit und die Versuchungen ihrer Position zu zeigen haben. Unrichtig und nicht taktfest im Ton wird er immer, wenn er das Positive zu dokumentieren hat, und sein Fehler ist, dass er mit dem Beweis, es geh auch auf gute und anständige Weise vorwärts, sich zu gründlich und zu lange aufhält. Das Ausklingen in ein Fragezeichen wäre unbedingt von überzeugenderer und ehrlicherer Wirkung gewesen. Das Berliner Nachkriegsmilieu aber ist im ganzen nicht unbedingt getroffen. Es ist nicht ganz echtes Berlin. Es ist Berlin etwa so, wie man es sich von Frankfurt her vorstellen mag.

Ein Anfang in allem, gemacht von bewährten Filmhänden mit bewährten Mitteln, mit einem bewährten Filmstar. Seine große Wirkung auf das Publikum ist außer Zweifel, zumal neben Albers Otto Gebühr, Elsa Wagner, Lotte Koch, Annemarie Haase, Ludwig Linkmann und unter begabter Jugend Paul Edwin Roth, Heidi Scharf und Ralph Lothar zu sehen sind. Die Musik von Theo Mackeben gibt Albers einen durchschlagenden und zündenden Gegenwartsschlager und dem Film eine geschickte und vorwärtstreibende Untermalung. Ein gepflegt gemachter, ein ehrlicher Film mit Fingerspitzengefühl und Routine. Ein Publikumserfolg, ohne Zweifel.

Aber die Filmfanatiker im Parkett hätten sich gewünscht, nicht die Routine hätte diesmal den Anfang gemacht, sondern das Neue, das Revolutionäre. Dies ist Hans Albers zur Abwechslung einmal in Trümmern. Man hätte sich gewünscht: ein Dokument der Zeit, ein Wagnis, einen Versuch in Neuland.

Friedrich Luft



K 6: "Heute paßt vieles zusammen..."
(Der Kurier v. 10. 12. 1947)

Es muss wohl noch verboten sein, im Film ein deutsches Mädchen mit dem alliierten Freund zu zeigen. Denn sonst hätte Gerhard Grindel das kaum unterschlagen, als er alle Nachkriegsbilder und -probleme in das gleiche Drehbuch stopfte. Wenigstens fehlt aber nicht das junge, leichtfertige Ding, das "abrutscht", weil es auch mal tanzen, auch mal Schokolade essen wollte. Es ist eine Hollywood-Schönheit von unserem Kurfürstendamm, die blonde, doch talentvolle Heidi Scharf.

Weiterhin sind zu sehen, zu hören: Trümmerfrauen, Kriegerwitwen, Schieber; blinde oder seelisch kranke Heimkehrer; die Vorwürfe einer verratenen Jugend und der bürgerliche Ausverkauf; Geschäfte mit Brillanten, Razzia auf dem Schwarzen Markt; Bäume voller Zettel und die Reste der Gedächtniskirche.

Doch obgleich er vor Aktualität birst, scheint uns dieser "Objectiv-Film" beinahe unwirklich. Nicht bloß, weil einige etwas gewaltsam ausgedachte Fakten stören. (Zum Beispiel wird ein junger Mann, der immerhin noch seinen Wehrpaß hat, trotz aller Mühen nirgends eingewiesen, bekommt keine Lebensmittelkarten und muss notgedrungen stehlen.)

Es sind auch nicht allein die dicken Bündel von Symbolen, die den Film bedenklich machen, diese Blümchen, die der Held vom Schutt bricht oder auch das Stück der Zimmerdecke, das mahnend herabpoltert, sobald er den vergangenen und besseren Tagen nachsinnt.

Am ärgerlichsten ist vielmehr, wie hier einer leserlichen Moral zuliebe ganz auf den Durchschnitt, den Kompromiss unseres Lebens, verzichtet wird. Luxuslokale oder Baustellen, Specknacken oder Hungergeschwür, Elendsgesicht oder Gaunermiene, dazwischen gibt es nur selten etwas.

Doch, einen gibt es dazwischen: Hans Albers! Er kommt erst staubig und gerührt aus dem Krieg zurück und macht seine angeschlagene Wohnung zurecht, dann schiebt er großartig, dann wird er wieder sehr korrekt, doch immer bleibt er obenauf: "Und über uns der Himmel" lässt uns nicht untergehen.

"Heute paßt vieles zusammen, das früher keine Garnitur gegeben hätte", sagt Hans, der gelernte Kranführer, zu der Witwe des Studienrats, die er liebt. Nach diesem Wahlspruch kam auch der Film zustande. Er ist zugleich ein Trümmer- und ein Starfilm. Der "Sieger" ist ein bißchen pädagogischer geworden (aber prügeln kann er immer noch!), während "die Zeit" vor seinem Blauauge an Grimm verliert. Das Drehbuch steckt voller Ovationen für den Großen, und das Publikum stimmt dankbar ein. Wenn er kurz ein Mädchen in die Arme reißt und dann gleich wieder wegschickt: "Dass ich mir das immer noch nicht abgewöhnen kann...", dann freuen sich alle. Und was für eine Pracht, wenn er durch seinen puren Blick den Spießgesellen, die ihn prellen wollen, die Bezahlung aus der Tasche zwingt! Und wenn Hans nachdenklich so durch die Straßen zieht, dann spielt ein blinder, sicherlich kriegsblinder Bettler: "Komm auf die Schaukel, Luise [aus dem Bühnenstück ,Liliom', einer Paraderolle von Albers; F. E.]!"

Wichtig sind das - verzeichnete - Zeitbild und der immer noch funkelnde Star. Was die Handlung dann immer noch Aufrichtendes bietet, bleibt nur durch Albers erträglich. Der Sohn des Helden (nett, doch blass: Paul Edwin Roth) will nichts Erschobenes essen (nur die Augenoperation durfte sein Vater bezahlen) und führt leuchtend vor Berufsstolz und vor Sauberkeit bald wieder einen Kran. Während Hans, sein Vater, als er durch ein Missverständnis glaubt, der Junge wolle doch noch an "Geschäften" teilnehmen, plötzlich umkehrt und - was auch nicht fein und fair zu nennen ist - mit sieghafter Gebärde seine alten Schieberfreunde für die Polizei einfängt. Aber die allzu reinigende Tendenz des Films kann selbst hier nicht den persönlichen Effekt von Albers schmälern.

Und wie will nun Hans, der wieder Ehrliche, zurechtkommen? Das Schlussbild zeigt ihn, ein Ei in der Hand. Einige Freunde von ihm ziehen Kaninchen groß. Die Kleintierhaltung, das ist es, was der innenpolitische Leitartikler Grindel als Hilfe aus unserem Dilemma rät.

Die übrigen Schauspieler mussten sich bescheiden. Da konnte ihnen auch Josef von Baky [...] nicht helfen. Lotte Koch ist sehr geduldig, sehr vernünftig, eine etwas langweilige Madonna. Ausgezeichnet, trotz der sentimentalen Texte, das alte, von der Not bedrängte und redliche Ehepaar: Otto Gebühr und Elsa Wagner; kräftig in Chargen auch Annemarie Hase [sic] und Ralph Lothar.

Theo Mackebens Schlager, der dem Film den Titel gibt, wird sicher bald populär. Man wird sich freuen, wie der Hans es wieder allen gibt, doch wird man kaum das ökonomische Verhalten ändern. Selbst die Künstler ähnelten bei der Premiere in der "Neuen Scala" mehr den Schiebern als den Braven ihres Films. Sie hatten gut geschnittene Anzüge und hübsche, teure Kleider an. Waggons von Zucker werden sie doch nicht verschoben haben?

Christa Rotzoll