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Filmanalyse (Dramaturgie)


Dramaturgie

"Unser täglich Brot" ist ein exakt kalkuliertes und konstruiertes Stück filmische Realität, welches seinen Charakter als Film nirgends leugnet und auf Überzeugung und Einsicht setzt. Hier wird ein Modell im brechtschen Sinne vorgestellt, das auf Methode der Darstellung im Lehrstück und im epischen Theater zurückgreift. Dudow bedient sich dabei eines sachlich-dokumentarischen Stils in der filmischen Realisierung. Sein Kino-Lehrstück stellt innerhalb der Nachkriegsproduktion eine Ausnahme dar. Es ist eine bewusste Anknüpfung an Traditionen, die im sogenannten proletarischen Kino am Ende der Weimarer Republik entwickelt wurden und die durch den Nationalsozialismus zerschlagen worden waren. Dudow selbst hatte 1931 mit "Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt" zusammen mit Bertolt Brecht einen entscheidenden Beitrag zu diesem in Deutschland raren Genre geleistet. "Unser täglich Brot" nun ist Ausdruck für ein politisch-intentionales Handeln und Wollen. Folglich ist der Film auch konsequent parteilich, und Dudow leugnet diese Parteilichkeit an keiner Stelle. Mit seinem Werk bzw. seiner Stellungnahme zur gesellschaftspolitischen Situation in Deutschland nach 1945 will er Entscheidungshilfen geben und stellt "dem Falschen" "das Richtige" gegenüber. Auf den ersten Blick mag der Film daher aufdringlich und gewollt, plakativ und pathetisch, allzu sehr in den Dienst der guten Sache gestellt wirken. Erst beim zweiten Sehen ist zu erkennen, dass eine genau kalkulierte filmische Form Künstlichkeit, d. h. in diesem Fall ein Modell, bewusst ausstellt; hier wird nicht zur Einfühlung und Anteilnahme eingeladen, sondern es wird exemplarisch vorgeführt und didaktisch aufgezeigt.

Die Geschichte in "Unser täglich Brot" folgt einer einfachen, leicht nachvollziehbaren Chronologie: Ausgehend vom Anfangsdatum 1946 zeichnet sie den Zerfallsprozess einer Familie und den Verfallsprozess des Familienoberhauptes Karl Webers nach . Diese Person des typischen Kleinbürgers steht dabei zwar im Mittelpunkt, ist aber nicht der Star des Films. Um ihn herum wird die Handlung fokussiert, wobei die Beziehungen der Personen untereinander wichtig sind. Auf diese Weise ist es Dudow möglich, die daraus resultierenden Konflikte als gesellschaftliche Konflikte zum Ausdruck zu bringen. Dabei wird zugleich deutlich: Hier soll nicht Realität - die der späten vierziger Jahre im Nachkriegsdeutschland - einfach abgebildet werden, hier wird eine filmische Realität konstruiert, die mit der historischen Situation der deutschen Nachkriegsgesellschaft korrespondiert und einen Blick auf sie zulässt.

Was der Film will, verbirgt er nicht: Er propagiert anhand des Aufbaus eines volkseigenen Betriebes die politische Botschaft des Sozialismus. Diese Botschaft wird noch betont durch die formale Gestaltung, sowohl generell in seiner Ästhetik, die - wie bereits erwähnt - an die proletarischen Filme der Weimarer Zeit erinnert, als auch anhand des Modells der Entwicklung einer Familie im Nachkriegsdeutschland. Dieser Botschaft mag man zustimmen oder nicht - dass der Film offen bewertet und Partei ergreift, zeichnet ihn aus und macht ihn zugleich kritisierbar. Diese Kritik ist jedoch eine politische - und keine Kritik am Film, um die es hier aber gehen soll.

Zweifelsohne stehen die Haltungen des alten Webers und seiner beiden Söhne Ernst und Harry im Zentrum des Films. Der Vater ist der Schnittpunkt von Dudows filmischem Gesellschaftsmodell. In seiner durch die persönliche Lebenserfahrung verinnerlichten kleinbürgerlichen Haltung, dem festen Glauben an die absolute und unbedingte Richtigkeit seiner Welt und seiner Lebensauffassung, bewertet Webers das Verhalten und die Aktivitäten der anderen, vor allem seiner beiden Söhne, deren Differenzen, d. h. gesellschaftspolitische Unterschiede nicht in einer expliziten Konfrontation zwischen ihnen ausgetragen werden, sondern sich am Vater brechen.

Mit seinem übertriebenen Ordnungssinn, seiner pedantischen Korrektheit und seinem sturen Festhalten an alten Lebensprinzipien verkörpert der Vater das exemplarische Bild, die Inkarnation des Kleinbürgers. Ernst, der ungeachtet aller Schwierigkeiten die alte, zerstörte Renner-Fabrik, in der sein Vater als Kassenverwalter tätig war, in einen volkseigenen Betrieb umzugestalten hilft, steht für den progressiven gesellschaftlichen Fortschritt bzw. den Sozialismus. Harry, der die Maxime "jeder ist sich selbst der nächste" vertritt und sein Glück vergeblich auf dem Schwarzmarkt, also im kapitalistischen System sucht, verkörpert den gesellschaftlichen Rückschritt, die "Reaktion".

In einer Parallelität von Geschichten, Episoden und Beobachtungen auch der anderen Personen werden diese drei Hauptlinien des Films variiert, erweitert und modifiziert. So verkörpert die Mutter die moralische Instanz der (bürgerlichen) Familie. Dies zeigt sich z. B. daran, dass sie Mary aufgrund ihrer wechselnden Herrenbekanntschaften des Hauses verweist; Inges Fleiß und Rechtschaffenheit sind es, die sie in die sozialistische Gesellschaft und die Arme von Peter Struwe, der den Aufbau des Werkes leitet, führen; Nicki als junge, tatkräftige Frau meistert auch in schwierigen Situationen ihr Leben mit Geschick - im Gegensatz zu Mary, die den Verlockungen materiellen Besitzes erliegt und dafür ein Leben als Prostituierte in Kauf nimmt. Im Verlauf des Films kommen zwei weitere Personen hinzu: Der Werksleiter Peter Struwe und der Ingenieur Bergstetter, die beide ihre Bildung und ihr Fachwissen ebenfalls in den Dienst des sozialistischen Aufbaus stellen. Peter Struwe versucht in der gesellschaftlichen Umbruchssituation der Nachkriegszeit seine sozialistischen Ideale zu verwirklichen, Bergstetter, der seine Angehörigen (im Konzentrationslager?) verloren hat, erkennt, dass Depression kein Ausweg ist: Sein erlittenes Leid ist Motivation für den Aufbau einer neuen, besseren Gesellschaft.

Mit diesen Personen konstruiert Dudow in "Unser täglich Brot" ein Panorama von menschlichen Charakteren und Verhaltensweisen innerhalb der deutschen Nachkriegsgesellschaft, wobei er die einzelnen Haltungen nicht unbewertet lässt: Das tägliche Brot für alle, Grundvoraussetzung einer humanen menschenwürdigen Existenz, kann nach der Erfahrung des Nationalsozialismus nur in einer sozialistischen Gesellschaft garantiert werden. In diesem Zusammenhang gilt der Satz, den Dudow über seinen früheren Film "Kuhle Wampe" gesagt hat, auch für "Unser täglich Brot": "Die Wirklichkeit ist nicht schlechthin da, und man kann sie nicht schlechthin fotografieren, sondern sie nützt bestimmten Menschen, und bestimmten anderen schadet sie, so wie sie ist. Da man aber nicht die ganze Wirklichkeit, sondern nur gewisse Teile daraus, und diese nur in einem bestimmten Zusammenhang fotografieren kann, so muss man sich entscheiden, wem man damit schaden kann oder wem man damit nützen will."

In "Unser täglich Brot" ist der Verlust eines sicheren Wertegefüges zentral, die Brüchigkeit tradierter Werte liegt dem Verhalten der Handlungsträger konstitutiv zugrunde. Der alte Webers isoliert sich zunehmend in seinem starrsinnigen Glauben, dass die vergangenen Gesetzmäßigkeiten ewig gälten und verfällt in bedrohlicher Weise, bis er notgedrungen seine Entscheidung revidiert. Sein Sohn Harry, der den bequemen Weg eines schnellen Geschäftes auf dem Schwarzmarkt sucht, wird Handlanger eines professionellen Schiebers, hat aber nur vorübergehend geschäftliches Glück. Zudem verliert er seinen moralischen Halt so weitgehend, dass er einen anderen Menschen - ohne es zu wissen, seinen Vater - wegen eines Brotes überfällt. Er begeht schließlich Selbstmord. Die Cousine Mary, die ebenfalls auf einfache Art ein materiell unbeschwertes Leben führen möchte, rutscht immer tiefer in die gewerbsmäßige Prostitution ab. Ernst Webers ist im Film derjenige in der Familie, der den Bruch in der Tradition erkennt, beim Namen nennt und modellhaft die "richtigen" Konsequenzen zieht.

Dudow variiert die beispielhafte Entscheidung für den gesellschaftlichen Fortschritt hin zum Sozialismus mit einer Liebesgeschichte (zwischen Inge und Peter Struwe, dem Werksleiter) sowie mit der Bekehrung einer Figur, die der des alten Webers von seiner sozialen Stellung her vergleichbar ist (Ingenieur Bergstetter) und die Katharsis der Hauptfigur damit bereits antizipiert. Auch die Massenszenen auf den Straßen stehen für diese Entscheidung. Nur ihnen ist auch die stark rhythmische, optimistische Musik Hanns Eislers unterlegt, so dass diese Bilder eine besonders intensive suggestive Wirkung erhalten.

Die Musik stützt die bildliche und verbale Aussage des Films nicht nur, sie hat eigenständige inhaltliche Funktion. Bei den Dialogpassagen in der Wohnung und in der Fabrik gibt es keine musikalische Begleitung oder Untermalung - die Musik würde vom wichtigen Wort ablenken. In den Passagen, die die einzelnen Konfliktstadien miteinander verknüpfen, sie mit der Außenwelt in Beziehung bringen, "treibt" die Musik voran, vermittelt sie Dynamik und Entwicklung. Eisler selbst hat erklärt, was seine Musik ausdrücken soll: Den Heroismus der Hamsterer ("Hungerzug"), die Freude über das erste markenfreie Essen ("Die Suppe") und besonders "die vorwärtsführende Kraft der arbeitenden Menschen" .

Mit der Aufarbeitung bzw. der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit setzt sich das filmische Lehrstück von Dudow bis auf eine Bemerkung von Ernst Webers nicht explizit auseinander. Ernst spricht immerhin deutlich aus, dass nicht einfach alle nur Opfer einer Entwicklung waren. "Den Karren in den Dreck fahren, da wart ihr alle dabei", so der Sohn in einer Auseinandersetzung mit seinem Vater. Da es dem Film jedoch primär um den Grundsatz des Aufbaus des Neuen geht, bei dem möglichst alle - auch der Kleinbürger - mitmachen sollen, zieht der Film quasi einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, der Blick ist eindeutig auf die Gegenwart und in die Zukunft gerichtet.

Die Art und Weise, wie der Film die zeitgenössische Gegenwart in Form von politisch-ökonomischen Grundkategorien ("Brot" und "Geld") zuspitzt, lässt keinen Zweifel daran, dass auch die geschichtliche Entwicklung eben nicht als schicksalhaft, sondern als politisch-ökonomisch bestimmt begriffen wird, als eine Entwicklung, die auch von den Entscheidungen der einzelnen Individuen abhängt.

Das Rezept, das "Unser täglich Brot" "zur Bewältigung aller Folgen der Vergangenheit, der psychischen wie der materiellen" , verschreibt, lautet: Arbeit. Dem Film liegt ein sozialistisches Verständnis von Arbeit als dem grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnis zugrunde. Sinnvolle Perspektiven können sich in diesem Sinne nur über eine wertschöpfende Tätigkeit ergeben. Sie ist hier nicht Selbstzweck, sondern erscheint stets zweckgebunden an die Erzeugung lebensnotwendiger Güter. Im Vordergrund steht die kollektive Verausgabung der Arbeitskraft im Betrieb, hier in einer Maschinenfabrik. Interessant ist aber, dass neben der kollektiven Arbeit in der Fabrik auch der kleine Privatbetrieb, z. B. die Bäckerei, in der Nicki schließlich unterkommt, als eine positive Form von Tätigkeit erscheint.

Auffällig ist, wie gering der Stellenwert der Trümmerarbeit ist, wie wenig Wertschätzung den Menschen entgegengebracht wird, die diese Arbeit verrichten (müssen). Für alle Protagonisten ist diese Arbeit das "Letzte", was man sich - und anderen - zumuten will. Im Film bleibt Trümmerarbeit eine Hintergrundkulisse, mit der elende Lebensbedingungen umrissen werden, zudem wird die (entfernt verwandte) Trümmerfrau Ilse von allen Mitgliedern der Familie geschnitten (s. Kap. 3. 2). Analog der politischen Auseinandersetzung geht es nicht um die Trümmer von gestern, sondern um die Schaffung des Neuen. Selbst Karl Webers als jemand, der noch der alten Welt verhaftet ist, hat für sie nichts übrig.

Für die Gewinnung einer neuen gesellschaftlichen Perspektive ist nicht nur die Aufbauarbeit zentral, sondern auch die Kleinfamilie. In "Unser täglich Brot" spiegelt die Ausgangsfamilie einerseits zeittypisch zusammengesetzte Familienclans, andererseits projiziert Dudow in diesen Familienverband ein Gesellschaftsmodell. Die jüngeren männlichen Hauptpersonen Ernst und Harry agieren jeweils stellvertretend für die Klasse, die sie repräsentieren. Folglich unterliegen sie im Laufe der Handlung auch keiner Wandlung, sie bleiben immer, was sie zu Beginn des Films auch gewesen sind. Nur der alte Webers ist eine Ausnahme: Der Prototyp des Kleinbürgers wird durch den Zwang der Verhältnisse dazu gebracht, seine ursprüngliche Haltung aufzugeben und sein Verhalten zu ändern, allerdings eher äußerlich und aufgesetzt, im Innern bleibt er doch "der Alte" (s. Kap. 3. 2.). Damit ist die eingangs gezeigte Familie auch ein Modell für eine zerfallende Gesellschaft: Ihr Wert als Hort materieller Sicherung und als moralischer Bezugspunkt nimmt ab. Die Funktion, Leitbild für die handelnden Subjekte zu sein, wird zunehmend von dem solidarischen Betrieb übernommen. Aber nichtsdestotrotz bleibt die Kleinfamilie unangetastet, ja gehört zu einer wünschenswerten Perspektive dazu: Ernst Webers und Peter Struwe, die Vertreter der Zukunft, machen nicht nur beruflich Karriere, sondern haben bzw. finden ihr privates, kleinfamiliäres Glück.