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Filmanalyse (Resümee)


Die im Bild konkret gezeigten Personen, ihre Haltungen und Handlungen stehen nicht nur für sich: Sie sind ein Modell für gesellschaftliche, soziale und politische Haltungen im Nachkriegsdeutschland, die vom Regisseur bewertet werden und in eine intendierte gesellschaftspolitische Aussage münden. Die filmtechnische Realisierung unterstützt die modellhafte Handlungskonstruktion, sie trägt das zur Erkenntnis und Bewertung ausgestellte Geschehen des Films: In der Kontrastmontage, in den immer wiederkehrenden Kamerafahrten, die Personen isolieren oder einander zuordnen sowie im Einsatz der Musik: Die Form des Films bestimmt seinen Inhalt, ebenso wie der Inhalt die Form bestimmt.

Die filmische Inszenierung entspricht der Intention. Kamera und Montage weisen eine eher sachlich-dokumentarische Tendenz auf. Es handelt sich bei dem Dudow-Film um keine aufwendige Inszenierung: Das Dekors ist zurückgenommen, es gibt keine expressiven Schnittfolgen, dafür relativ lange, ruhige Einstellungen. Die Beziehungen der Protagonisten untereinander werden durch Schwenks und Schnitte deutlich gekennzeichnet. Dabei wird häufig mit dem Mittel der gegenüberstellenden Montage gearbeitet. Im Spiel der Schauspieler setzt sich dieser Stil fort. Die einzelnen Charaktere - bis auf die Figur des alten Webers - verändern sich nicht, die Schauspieler stellen Typen dar, keine realen Menschen. Diese Typen haben allerdings ihr jeweils eigenes Profil, sie sind keine bloßen Charaktermasken gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Dialoge haben sowohl für das Spiel der Schauspieler als auch für die Darstellung der Konflikte und die inhaltliche Präzisierung der Entscheidungssituationen eine große Bedeutung. Der Film will überzeugen, und dafür ist das Wort wichtig. So wird der Zuschauer nicht zur Einfühlung und Anteilnahme geladen, sondern zur Stellungnahme und zur eigenen Entscheidungsfindung.

Zum Schluss sei noch auf die historische Wirklichkeit der Jahre 1948/49 in der sowjetischen Besatzungszone und der jungen DDR hingewiesen. Der Film, der seinen Ausgangspunkt im Jahre 1946 nimmt und den Zeitpunkt seines Endes offen lässt, zeigt den Aufbau eines Betriebes in eigener Organisation der Arbeiter mit Unterstützung der Gewerkschaften. Einen Monat vor der Premiere des Films war die DDR gegründet worden (7. 11. 1949). Die Selbstverwaltung der Betriebe hatte zu diesem Zeitpunkt längst einer zentralistischen Planung weichen müssen: 1948 waren die Betriebsräte aufgelöst worden, es begann die Umgestaltung in Betriebsgewerkschaftleitungen . Hier ist jedoch keine Kritik Dudows am wirtschaftspolitischen Kurs der jungen DDR zu erkennen. In "Unser täglich Brot" geht es ihm vor allem um die Darstellung des sozialistischen Aufbaus als Alternative zur bisherigen Gesellschaftsform und nicht um die Stellungnahme zu bzw. der Propagierung von bestimmten wirtschaftspolitischen Formen wie z. B. der Arbeiterselbstverwaltung im Sozialismus.