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Zeitgenössische Kritik


K 1: Ein Film aus unserer Wirklichkeit
Slatan Dudows "Unser täglich Brot" in Berlin und in den Landeshauptstädten uraufgeführt
(Neues Deutschland vom 11. 11. 1949)

Wenn es einem nach schweren Zeiten wieder besser geht und wenn man noch dazu den Aufschwung nicht irgendeinem mystischen Schicksal, sondern der eigenen Kraft verdankt, so ist es lehrreich und ermutigend, dass man sich der jüngsten Vergangenheit erinnert und im Geist die Schritte wiederholt, die einen aus dem Gröbsten herausgebracht haben. Viele von uns vergessen bereits, wie es vor drei Jahren in der deutschen Hauptstadt aussah. [...] Und nur wenige hätten in jenem Winter des Hungerns und Frierens geglaubt, dass sie schon 1949 mit dem erhellten Auge des Siegers auf diese Düsternis würden zurückblicken können.

Der DEFA-Film "Unser täglich Brot", der am 9. November in Berlin und in den Landeshauptstädten anlief, unternimmt einen solchen Rückblick. Slatan Dudow, der Regisseur, der Arbeiterschriftsteller Ludwig Turek und Hans Joachim Beyer haben dem wirklichen Leben eine schlichte Fabel abgewonnen, die ohne Umschweife in den Ameisenhaufen des Jahres 1946 hineinführt und seinen Wandel zur menschlichen Ordnung zeigt. In dieser Geschichte von der Familie Webers sieht man, wie in einem zusammenraffenden Hohlspiegel, die Linien unserer Entwicklung vom gestaltlosen Trümmermeer zur volkseigenen Industrie, vom leeren Brotkasten zur neu begründeten Ernährungswirtschaft, vom politischen Vakuum zum demokratischen Sinn. Aus der verwirrenden Personenfülle des Anfangs lösen sich die Typen und gehen ihren typischen Weg. Die Notgemeinschaft am Küchentisch verkörpert die allgemeine Not, und ihre Konflikte sind die Konflikte der Zeit. Nicht nur die Webers streiten sich bei dünnen Suppen auseinander und werden dann durch die Arbeit wieder vereint - es ist das deutsche Volk, dessen Entschluss zur Selbstbesinnung und Gesundung in packenden Bildern verhandelt wird.

[...] Dieser Film spricht an, weil er wahr und ehrlich ist, weil er die Menschen und die Verhältnisse menschlich schildert und es sich nirgends so leicht werden lässt, dass er in nur Rednerische ausböge. Indem er nicht, wie es so oft geschieht, von außen her "Zeitkolorit" auf eine konventionelle Handlung pappt, sondern seinen dramatischen Einfall neu und direkt aus der Zeit und ihren Spannungen nimmt, hilft er die demokratische Filmproduktion auf eine höhere Ebene heben. Er liefert den Beweis, dass filmische Abläufe ohne billige Effekte möglich sind und dass das Publikumsinteresse nicht von Revueeinlagen und sensationellen Mätzchen abzuhängen braucht.

Man darf vermuten, dass diese Konzentration auf das Wesentliche, diese realistische Bändigung, diese kluge Beschränkung in der Vielfalt und diese Straffheit im Gedanklichen nicht zuletzt das Verdienst von Slatan Dudow sind. Die Regie, die er geführt hat, ist verhalten und dient dem Inhalt, anstatt ihn etwa mit formalistischen Gags zu überspielen. Nichtsdestoweniger kommt sie durchaus vom Filmischen her, von den bewusst benutzten Ausdruckselementen des bewegten Bildes, das zum Ton in dialektische Beziehung tritt. Wenn der alte Webers sehnsüchtig über die Fabrikmauer schaut und das Getöse der Maschinen belauscht, wenn die Kamera zu Beginn das Mädchen Nicki allmählich aus der grauen Masse der "Hamsterfahrer" herausholt und sich mit ihr an den Familientisch begibt, wenn der gestrauchelte Sohn, den ganzen Nihilismus einer sterbenden Gesellschaftsschicht in seiner Körperhaltung, auf die Lokomotive zugeht, unter die er sich werfen wird - so ist das alles optisch konzipiert und weit vom "fotografierten Theater". Mit solchen Szenen setzt Dudow zu einem eigenwüchsigen Filmrealismus an, der sich an den sowjetischen Meistern, aber auch an den brauchbaren Anregungen der französischen Avantgarde geschult hat.



K 2: "Unser täglich Brot"
Ein DEFA-Film im DEFA-Filmvertrieb
(Filmwoche, 21.11.1949)

Dieser Film könnte in der Sowjetunion hergestellt sein (was von der DEFA vermutlich sogar als Lob empfunden wird). Die Normung der Figuren ist hier vollendet. An Hand einer etwas verwirrend verzweigten Familie - es werden viele "Nichten" zu Hilfe genommen - wird höchst langweilend bewiesen, dass schwarz schwarz und weiß weiß ist, wobei schwarz natürlich die asozialen und weiß die progressiven Elemente sind. Staunend erfahren wir, dass 1946 eine so vielköpfige Familie nicht mit ihren Brotmarken auskam (immer wieder muss der Knust im Brotkasten dem Symbolismus dienen), und man fragt sich, wieso damals kinderreiche Familien davon leben konnten, dass sie ihre Brotmarken verkauften oder tauschten. Daneben wird fleißig aufgebaut (von den wackeren Arbeitern) und faul schwarz gehandelt (von den bösen kapitalistisch Eingestellten). Der Inhalt ist wirklich zu dumm, um Worte daran zu verlieren. Lehrreich und beklagenswert erscheint nur, dass ein Regisseur wie Slatan Dudow, dessen "Kuhle Wampe" von 1933 [sic] unvergessen blieb, inzwischen so ausgerichtet werden konnte, dass von einer Persönlichkeit, geschweige denn einem eigenen Stil, nichts mehr zu spüren ist. Das ist keine lebendige Wirklichkeit wie in den italienischen und französischen Filmen, die tatsächlich im Volke spielen, sondern nur ein gelenkter Pseudo-Realismus.

Schade um die gute Photographie Robert Baberskes, schade um die im Gegensatz zum Film sehr eigenwillige Musik von Hanns Eisler, schade um manche Schauspieler, vor allem Paul Edwin Roth und Alfred Balthoff, deren intelligente Menschlichkeit einen angeht - schade um so junge Kräfte wie Irene Korb, Dolores Holve, Ina Halley -, wenn man sie immer wieder nur in Schablonen presst, wo sollen sie ihre eigene Linie finden?



K 3: "Unser täglich Brot"
(Neue Zeit Berlin, 11.11.1949)

Unter diesem Titel drehte die DEFA einen Aufbaufilm neuartigen Musters, der wenigstens mehr Substanz besitzt als die Aufbaufilme vergangener Jahre. Sehr hart und unvermittelt werden zwei Generationen gegenübergestellt, zwei Welten und zwei Meinungen: die Jungen, die vom Sozialismus reden und aus den Trümmern einer Maschinenfabrik wieder ein neues Werk aufbauen wollen, das später Traktoren herstellen wird, und der alte Vater, der früher Kassenverwalter an der gleichen Fabrik war und von den neuen Verhältnissen einfach überrannt wurde, so dass er sich nicht mehr in sie hineinzufinden vermag. Reichlich ungeschickt sind die einzelnen Szenen gemacht, in denen Vater und Sohn in ihren Meinungen zusammenprallen. Diese Auseinandersetzungen, in denen sich der Sohn in groben und unbeherrschten reden ergeht, erinnern peinlich an ähnlich Auseinandersetzungen zwischen Vätern und Söhnen aus einer vergangenen Zeit, in denen die Söhne allerdings sehr im Unrecht waren. In diesem Film ist der Vater-Sohn-Konflikt sehr vergröbert und zugunsten einer auffälligen Tendenz aus dem echten Rahmen eines wirklichen im rein menschlichen verankerten Konflikts herausgerissen. Der Vater sieht später (selbstverständlich) seine Fehler ein, und damit wird der Vertreter der älteren Generation zur Karikatur. Dies ist jedoch Schuld des Drehbuchs und der Regie und nicht Paul Bildts, der künstlerisch eine erschütternde menschliche Darstellung dieses Vaters gibt.

Zwischen diesem schwarzweißgemalten Konflikt spielt sich eine Tragödie ab, die sehr echt gezeichnet und das beste an diesem Film ist. Der jüngste Sohn jenes Vaters ist einer der Heimgekehrten, die zu Hause nicht mehr Fuß fassen können, die auf die schiefe Ebene geraten und schließlich ein erschütterndes Ende finden: Der Sohn überfällt - unwissend - im Dunkel seinen eigenen Vater, um ihm ein Brot zu stehlen. Der Vater erkennt schließlich die Zusammenhänge, er weiß, wer ihn überfallen hat und der Sohn endet durch Selbstmord.

Neben Paul Bildt ist vor allem Paul Edwin Roth zu nennen, der den verlorenen Sohn spielt. [...] Harry Hindemith hat mit dem Vater jene politisch-weltanschaulichen Dispute auszufechten und tut dies aufdringlich und grob. [...]

Die DEFA hat es sich um dieses "tägliche Brot" sehr einfach gemacht. Allein mit sozialistischem Optimismus kann man dieses Thema nicht gestalten. Dieser Film zeigt wohl, dass unser tägliches Brot das Wichtigste ist, aber er zeigt nicht, dass es trotz unserer Arbeit und unseres Bemühens dennoch ein Geschenk bleibt.



K 4: "Unser täglich Brot"
Uraufführung eines neuen DEFA-Films
(Tägliche Rundschau Berlin, 11.11.1949)

Die DEFA hat die Uraufführung von "Unser täglich Brot" als ein bedeutendes Ereignis aufgezogen: Gleichzeitig in den beiden größten Filmtheatern des Berliner Ostsektors [...] fanden am 9. November die festlichen Premieren dieses ersten Nachkriegsfilms von Regisseur Slatan Dudow statt [...].

"Unser täglich Brot" verdient diese Herausstellung insofern, als sich in ihm ein Stück deutscher Geschichte mit ihren Zuständen, Menschen und Entwicklungen in beinahe dokumentarischer Treue spiegelt. Die DEFA führt damit die Reihe ihrer historischen Übersichten bis an die Gegenwart heran. Lagen Kurt Maetzigs "Buntkarierte" mit ihren Schwerpunkten in der Wilhelminischen und in der Weimarer Epoche, durchleuchtete Staudtes "Rotation" die Naziära bis zum Zusammenbruch, so setzt "Unser täglich Brot" etwa 1946 ein, reicht mit seinen Schilderungen bis zum Heute, mit seinen Ausblicken weiter, in eine glücklichere Zukunft hinein.

In der Aufzeichnung der Fakten bemüht sich Dudow um gründlichste Gewissenhaftigkeit. Am Beispiel der Familie Webers wird mit lexikalischer Vollständigkeit demonstriert, was es an typischen Gestalten und Situationen im Ausschnitt der wirtschaftlichen und sozialen Erneuerung Deutschlands, den der Titel bezeichnet, nur immer gegeben hat. Es fehlt nichts, was dazu gehört. Da ist die Stadt Berlin mit ihren Nachkriegsnöten, die Schritt für Schritt überwunden werden, da ist die Fabrik, mit deren Schicksal das aller Gestalten des Films verknüpft ist: einst der Besitz brieftaschenschwerer Villenbewohner, dann von Bomben zerstört, nun volkseigen, aus dem Schutt zu neuer Ordnung, zu neuem Leben geführt in gemeinsamer Anstrengung von Arbeiter und Intelligenz, in ihrer Produktion fortschreitend vom primitiven Aschenbecher über aluminiumglänzende Kochtöpfe bis zu den ersten, dröhnend aus der Halle fahrenden Traktoren. Und da ist schließlich das Hohelied auf die allein werteschaffende Arbeit, die das sichert und schafft, was am dringlichsten für alle ist: unser täglich Brot.

Ein gutes Thema, ein nötiger Film. Leider war das Thema größer als die Gestaltungskraft seiner Bearbeiter. Die große Linie verliert sich in der Fülle vordergründiger Details; die Ereignisse und Menschen, die geschildert werden, lösen sich nicht aus dem dicken Brei einer zähflüssigen, in den Ausdrucksmitteln unbeherrschten Bildsprache; die Wahrheiten und Erkenntnisse, die sich als Konsequenz, die sich als Konsequenz der menschlichen Anteilnahme, als Quintessenz aus der Handlung und ihren Charakteren im Zuschauer selber und von selbst ergeben müssten, werden breit auf die Szenen gespachtelt und in dürrem Gespräch zerredet. Zum erstenmal hat die DEFA für die Dialoggestaltung einen Dichter zugezogen - aber so richtig und begrüßenswert das in der Theorie ist, so schwach war das Ergebnis: Ludwig Turek gab vom ersten bis zum letzten Wort den Schauspielern nichts Leitartikel mit verteilten Rollen zu reden.

Unter solchen Umständen haben die Darsteller es schwer, sich zu entfalten. Selbst Paul Bildt drang nur für Augenblicke durch die starre Formel der Reaktionärsschablone bis zum menschlichen Kern seiner Rolle. Neben ihm behaupteten sich noch am ersten Paul Edwin Roth und Harry Hindemith, die gegensätzlichen Brüder, auch Ina Halley und Dolores Holve gelang es, das entsprechende Paar auf der weiblichen Seite wirksam zu kontrastieren. Aber im ganzen bleibt der Eindruck - auch trotz der lebendigen, scharf akzentuierenden Musik Hanns Eislers - schwach und farblos. Der starke Beifall am Ende des Films galt mehr der erfreulichen Tendenz des Films und den Tatsachen, die er registriert, als ihrer künstlerischen Bewältigung.

Hugo Herrmann



K 5: Ein Mädchen muss lange warten. Aus Liebe zur Arbeit
(Der Spiegel, 17. 11. 1949)

Endlich war es so weit: Betriebsleiter Siegmar Schneider gab seiner Sekretärin Inge Landgut den ersten Kuss. Seit den ersten Filmmetern von "Unser täglich Brot" hatte man es kommen sehen. "Na, also!" rief ein Aktivist aus dem Parkett. "Das Publikum geht gut mit", registrierte Regisseur Slatan Dudow.

Der Betriebsleiter in dem neuen DEFA-Film "Unser täglich Brot" hatte nicht aus Schüchternheit so spät geküßt. Er musste erst schwer arbeiten, eine zerstörte Maschinenfabrik wieder aufbauen.

Ostberliner Gewerkschaftsfunktionäre und Aktivisten füllten neben der Presse das Ostberliner "Babylon"-Kino. Am gleichen 9. November liefen Neben-Uraufführungen vor Arbeitern in Erfurt, Leipzig, Halle, Potsdam und Schwerin. FDGB-Vorsitzender Adolf Deter hielt in Berlin für alle die Festrede gegen den Kapitalismus.

Kapitalistisch verstockt sitzt im Film der ehemalige Kassenverwalter Webers (Nationalpreisträger Paul Bildt) in der Wohnküche. Sohn und Nichte gehen als Schieber und Ami-Freundin zugrunde. Die übrigen Kinder ordnen im Kampf ums tägliche Brot einen Schutthaufen zur eigenen Traktorenfabrik, ohne Entlohnung, nur aus Liebe zur Arbeit.

Der Vater hilft zum Schluss bekehrt auch mit. Das Brot, das Webers erst nicht so ernst nahm wie das Geld, wird den ganzen Film lang symbolhaft im Munde geführt.

"Unser täglich Brot" heißt auch die Suite, die Hanns Eisler, Komponist der ostdeutschen Johannes-R.-Becher-Nationalhymne [...], für den Film geschrieben hat. [...]

Eisler und Dudow arbeiteten nicht zum ersten mal zusammen. Eislers Lied von der Solidarität aus dem Dudow-Film "Kuhle Wampe" wurde von den Arbeitslosen vieler Länder gesungen.

"Kuhle Wampe", Dudows im damaligen Deutschland schnell verbotener Film der arbeitslosen Berliner Jugend, brachte dem damals jungen bulgarischen Regisseur Erfolg in vielen Ländern Europas. Der Emigrant Dudow drehte in Paris "Kuhle Wampe" noch einmal auf französisch, zusammen mit seinem Freund Bert Brecht, der schon das deutsche Drehbuch geschrieben hatte.

1946 holte die DEFA den untersetzten, brünetten Vierziger aus Moskau nach Berlin zurück. Man riet ihm, mit DEFA-Mitteln "Kuhle Wampe" neu zu fassen. Der halb fanatische, halb gemütliche Dudow packte zunächst seine Bühnenkomödien aus, die er im Krieg unter dem Pseudonym Stefan Brodwin schrieb. Ende 1948 führte er sein wirres, aber nicht witzloses Stück "Der Feigling" erfolgreich in den "Kammerspielen des Deutschen Theaters" urauf.

Kritiker, die von dem Pionier Slatan Dudow jetzt in "Unser täglich Brot" Auffälliges erwartet hatten, zeigten sich enttäuscht. Trotz guter Schauspieler [...]. Trotz guter Großstadtaufnahmen und Massenszenen, trotz eindrucksvoller Proletariergespräche. Das Drehbuch bekam die Schuld.

Regisseur Dudow hat es gemeinsam mit dem Arbeiterdichter Ludwig Turek geschrieben, der auch im Film erscheint: als fachgerechter Fräser bei Außenaufnahmen in der Lokomotivfabrik "Karl Marx".

Drei Tage nach der Premiere von "Unser täglich Brot" wollte Dudow "der vergifteten Atmosphäre wegen" nur noch schriftliche Interviews" geben. Die westliche Presse führe heute geistige Auseinandersetzungen "nur mit dem Revolver nach Chicagoer Methode".