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Filmanalyse und -kritik


Harald Braun konnte unter für die Nachkriegszeit optimalen Produktionsbedingungen die Dreharbeiten zu seinem ersten Nachkriegsspielfilm durchführen: „Zwischen gestern und morgen" war der erste Film, der in den von den Amerikanern wieder freigegeben Ateliers von Geiselgasteig bei München entstanden ist. Bis auf wenige Außenaufnahmen (die Anfangssequenz und Rotts Begegnung mit Annette nach seiner Rückkehr wurden in den „realen Trümmern des Münchner Palast-Hotels gedreht) ist „Zwischen gestern und morgen" eine reine Studioproduktion: Die Dreharbeiten in einem Filmstudio boten die Möglichkeit, der Alltagsrealität des Jahres 1947 aus dem Wege zu gehen. So ließ Harald Braun von Robert Herlth, der sich im expressionistischen deutschen Stummfilm einen Namen gemacht hatte, in aufwendigen Studiobauten die luxuriösen Innenräume des Palast-Hotels herstellen. Was in der Nachkriegszeit nicht mehr bzw. noch nicht wieder existierte, feierte vorerst seine Auferstehung im Film: Der alte Glanz und die alte Größe eines ehemaligen Weltstadt-Hotels waren in den Filmstudios schneller wieder aufzubauen als in der Wirklichkeit. Der „Wiederaufbau" eines Luxus-Hotels mit großer Empfangshalle, breiten Treppen, intimer Bar und exklusiv eingerichteten Gästezimmern im Filmstudio ruft zum einen eine wehmütige Erinnerung an eine „vergangene" Welt wach und antizipiert zum anderen den gesellschaftlichen „Neuaufbau" Deutschlands. Die vergangenheitsorientierten Maßstäbe dieses „Neuaufbaus" verweisen auf seinen restaurativen Charakter: Die Erinnerung an „bessere Zeiten" animiert zur Arbeit für „bessere Zeiten".
Mit Hilfe der vier Filmrückblenden wird der „Ballast" des Nationalsozialismus von den Handlungsträgern des Films abgeworfen. Eine nationalsozialistische Politik war Grund und Ursache ihrer erlittenen Leiden, war Auslöser der „Schicksalsschläge" gewesen, die bis in die Nachkriegsgegenwart ihr persönliches Befinden geprägt haben. Mehr war der Nationalsozialismus nicht in Brauns Film.
Die aus der Perspektive des aus der Emigration zurückgekehrten Zeichners Michael Rott, des Hotelbesitzers Ebeling und des Flüchtlings- und ehemaligen Serviermädchens Kat erzählten Rückblenden klären alle Mißverständnisse und Verwicklungen (deren Ursprung in dem Geschehen des 22. März 1938, dem Tag der Flucht Michael Rotts aus dem Hotel, begründet liegen) auf und rechfertigen das Verhalten der jeweils beteiligten Personen. Alle haben nur in bester Absicht gehandelt, niemand wollte dem anderen bewusst schaden - die „Zeitumstände" waren schuld. Am Ende des Films steht eine positive „unbelastete" Ausgangsposition: Die nunmehr, nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus mögliche Erfüllung des privaten Glücks - ohne politische Trübung - impliziert sowohl eine Gegenwartsbewältigung als auch eine Zukunftsperspektive. Der Nationalismus: Er war das Schicksal dieser Menschen.
Michael Rott muß seine Heimat und die Frau, die er liebt, verlassen; Nelly Dreyfuß wird in den Tod getrieben, weil sie Jüdin ist; den Schauspieler Alexander Corty zwingt man zur Aufgabe seines Berufes; Kat verliert Eltern und Verwandte durch den Krieg und muß ihren kleinen Bruder mitversorgen; ein Professor wird zum verbitterten Menschen und zieht sich in die Welt der Bücher zurück, weil seine besten Schüler entweder im Krieg gefallen sind oder von der Gestapo umgebracht wurden. Die Verbitterung des Professors geht allerdings soweit, daß er in seiner Begegnung mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Michael Rott harsche Ressentiments gegen die Emigranten vorträgt, die in den „finsteren Zeiten" des Nationalsozialismus ihre Heimat „im Stich gelassen" hätten:
Professor: „Sie sehen ausgezeichnet aus, Herr Rott. Sie scheinen die Jahre gut überstanden zu haben. Gratulor!"
Rott: „Ja, ich war fort."
Der Professor antwortet scharf: „Wir waren hier!"
Rott: „Es muß schlimm gewesen sein, ich weiß es."
Professor: „Was? Was wissen Sie? Wer nicht dabei war, mein Herr, weiß nichts!"
Überhaupt: Auch von den anderen wird Rott ja nicht als politischer Emigrant anerkannt, sondern als Krimineller verdächtigt. Das wird zwar im Verlauf der Handlung korrigiert, aber es bleibt doch etwas vom Bild des feige Davongelaufenen übrig. Hier wird es offen ausgesprochen: Die Dagebliebenen, nicht die Emigranten hatten zu leiden, die einen haben es durchgestanden, die anderen sind geflohen. So werden Mitläufer zu aufrechten Menschen, so werden Emigranten zu Feiglingen.

Trümmer und Ruinen wirken in „Zwischen gestern und morgen" wenig beunruhigend, sie stehen kaum für ein filmisches Zeichen der gesellschaftlichen Verfassung Nachkriegsdeutschlands. Vielmehr haftet ihrer filmischen Abbildung eine melancholisch-wehmütige Stimmung an: Dieses „Trauergefühl" ist das Gefühl Michael Rotts, als er in der zerstörten Stadt eintrifft. Durch die Kontrastierung der Trümmerbilder mit dem gedankenverlorenen Erscheinungsbild Rotts wird die Trauerstimmung auf die Zuschauer übertragen. Die Filmmusik in ihrem wehmütig-dramatischen Charakter unterstützt diese Wirkung. Die Bilder der Nachkriegszeit rufen in ihrer filmtechnisch distanzierten Realisierung - Rott bewegt sich nie in den Trümmern, sondern auf einer sauberen großen Straße stets vor den Trümmern - im Zusammenhang mit dem Einsatz der sinfonischen Filmmusik eine Erinnerung an die Vergangenheit wach: Michael Rotts Blick auf die Trümmer und die Ruinen wird bestimmt durch seine privaten leidvollen Erfahrungen in dieser Stadt, aus der er 1938 über eine Feuerleiter des Regina-Palast-Hotels aus politischen Gründen fliehen und seine Geliebte zurücklassen mußte. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" kehrt Rott, tadellos gekleidet und mit zwei Koffern in der Hand (ein vertikaler Kameraschwenk betont die intakte äußere Erscheinung) an den Ort seiner Erinnerung zurück, wo ihm Glück und Unglück gleichermaßen widerfuhren. Als Rott vor den riesigen unzerstörten Säulen des Eingangsportals steht, erhebt sich die Musik mit dem geballten Einsatz von Blechblasinstrumenten zu einem pompösen „Klang", der den ehemaligen Glanz und die vergangene Größe des Hotels heraufbeschwört. Mit dem abrupten Schnittwechsel ins Innere des Hotels verstummt genauso plötzlich die Musik. In einer halbtotalen Einstellung gefilmt findet sich Rott verloren am Eingang der total zerstörten Hotelhalle wieder. Durch den harten Schnitt von der äußeren, intakten Fassade des Hotels in das verwüstete Innere der Hotelhalle wird das Gefühl der Trauer und des Verlustes verstärkt. Der plötzliche Lärm eines Baggers reißt Rott aus der Vergangenheit in die Gegenwart: Die Bagger räumen den Schutt der Vergangenheit fort. Aufräumen und Wiederaufbau zu neuem Glanz, zur Restauration des alten Hotelbetriebs („Es geht schon wieder ganz gut, das Hotel verfügt schon wieder über 20 Zimmer", erzählt wenige Augenblicke später der Portier) sind die konstituierenden Momente für eine Gegenwart und Zukunft, die, statt eines gesellschaftlichen und persönlichen Neuanfangs, an das Vergangene wieder anzuschließen versucht.

Auch mit der Wahl des sozialen Milieus und der Schauspieler schließt Braun nahtlos an die Vergangenheit des NS-Unterhaltungsfilms. Die hauptsächlichen Handlungspersonen gehören mit Ausnahme des Mädchens Kat alle einer gehobenen Gesellschaftsschicht an, das herrschaftliche Ambiente des Luxus-Hotels entspricht ihrer gesellschaftlichen Stellung. Besonders Willy Birgel verkörpert in der Rolle des Schauspielers Alexander Corty die distinguiert kultivierte Haltung der „großen Gesellschaft". Dieses stoisch-heroische Verhalten prägte schon die Rollen Willy Birgels in zahlreichen früheren Filmen, so z.B. in „...Und reitet für Deutschland" aus dem Jahre 1941 in der Regie von Arthur Maria Rabenalt und in „Der Majoratsherr" aus dem Jahre 1944 in der Regie von Hans Deppe. Victor Staal, der in „Zwischen und morgen" die Rolle des Hotelbesitzers Ebeling spielt, war 1942 in dem Ufa-Erfolgsfilm „Die große Liebe" (Regie: Rolf Hansen) als Fliegerleutnant der Partner von Zarah Leander; Sybille Schmitz und Winnie Markus spielten in zahlreichen NS-Unterhaltungsfilmen die weibliche Hauptrolle.
Diese Anhäufung bekannter Gesichter aus dem NS-Film registrierte auch Walter Panofsky in seiner Kritik nach der Premierenvorführung des Films am 11.12.1947 in München. Zu der Besetzung der Hauptrollen bemerkte er: „Nur soviel: die an sich so erfreuliche Fülle vertrauter Gesichter, die dieser Film aufweist, beschwört doch ungerufen so manche Erinnerung an das Gestern herauf. Dadurch aber wird der Wert manches ehrlichen Wortes in seiner Publikumswirkung gemildert: man vergesse doch nicht, wie nachwirkend die Suggestivkraft des Filmbildes ist. Die Verbreitung (um nicht zu sagen Propagierung) neuer Tendenzen kann sich darum nicht ohne jede Diskrepanz zwischen dem Gestern und dem Morgen vollziehen."[1]

Die filmtechnische Realisierung von „Zwischen gestern und morgen" erscheint in ihrer konventionellen Form als perfekt und routiniert (besonders im Einsatz der Rückblenden), gewinnt jedoch durch die einfallslose Montage (insbesondere sichtbar in den häufig verwendeten Schnitt-Gegenschnitt-Verfahren) und die breitflächige Ausleuchtung jeder Szene an keiner Stelle eine eigenständige filmische Kontur und Aussagekraft.

Die dramatisch-sinfonische Musik des Komponisten Werner Eisbrenner (der - neben vielen anderen Filmmusiken - auch zu den Nachkriegsfilmen „Freies Land" (1946) von Milo Harbich, „Zugvögel" (1947) von Rolf Meyer, „Wege im Zwielicht" (1948) von Gustav Fröhlich und „Berliner Ballade" (1948) von Robert Stemmle die Musik komponiert hat) unterstützt in ihrem pathetisch-sentimentalen Charakter die „großen Gefühle" der Liebe und des Schmerzes in Harald Brauns Film, der ein einziges Wunschbild (inklusive Verdrängung des Gewesenen) darstellt, welches das Gegenbild zur gesellschaftlichen Realität der Nachkriegszeit bedeutet.

Ein großes happy-end steht am Ende des Films: Rott wird durch Kats Erzählung (der vierten Rückblende, die über den Tod Alexander Cortys berichtet und den Verbleib des Schmuckes aufklärt) rehabilitiert und erkennt, daß sich Kat in ihn verliebt hat. Kat hat Rott zuliebe in letzter Minute ihr Geschäft rückgängig gemacht und den Schmuck zum Beweis für Rotts Unschuld Annette gegeben. Liebes- und Gerechtigkeitsbedürfnisse behalten die Oberhand über materielle Bedürfnisse. Endlich erfüllt sich das private Glück von Michael Rott - in einer Gegenwart, die zwar auch ihre Probleme hat, aber schon vor allem von der Ursache der menschlichen Schicksalsschläge, dem Nationalsozialismus, befreit ist.

So ist das Ende des Films nur konsequent: Bedeutete der Nationalsozialismus in „Zwischen gestern und morgen" für die Menschen in ihren privaten Verhältnissen Komplikationen, Entsagungen und unerfülltes Glück - und mehr als diese dramaturgische Funktion besitzt die nationalsozialistische Vergangenheit in diesem Film nicht - so steht mit dem Ende der NS-Herrschaft einer Erfüllung des privaten Glücks nichts mehr im Wege: Liebe ist im Nachkriegsdeutschland wieder möglich - und sie hat eine Zukunft.

[1] Walter Panofsky, München: Festlicher Start der „Neuen Deutschen Filmgesellschaft". Zwischen gestern und morgen, in: Der neue Film, Nr. 15, 21.12.1947.