Diese Seite drucken

Zeitgenössische Kritik


In die Schablone gepreßt:

Man hört hin und wieder, unser Dasein sei einfach und unkompliziert geworden. Außer dem bißchen Jagd nach des Lebens Notdurft gebe es kaum noch Probleme, die uns quälten, schon gar nicht solche, die mit einem reichen und umfangreichen Privatleben zu tun haben. Dieser Film ist darauf angelegt, uns eines Besseren zu belehren. Da kommt ein Mann, ein Zeichner, der einst, von der Gestapo verfolgt, ins Auslände hatte flüchten müssen, nach zehn Jahren ins zertrümmerte München zurück, natürlich ins Regina-Palast-Hotel, um ein Mädchen zu suchen, von dem er sich damals nicht hatte verabschieden können, und rührt damit eine Vergangenheit auf, daß einem angst und bange werden kann. Damit man am Ende ungefähr weiß - nur weiß, aber keineswegs begreift - wie vertrackt sich alles gegen den Ahnungslosen in seiner Anwesenheit verschworen hat, muß eine wilde Kolportage abgehaspelt werden, bei der die Fäden immer wieder reißen und mühsam neuverknüpft werden. Da strotzt es nur so von Unwahrscheinlichkeiten und anrüchigen Motivierungen, ein wahres Prokrustesbett der Schablone, in die mit Gewalt gepreßt wird, was nun einmal zur beabsichtigten Mischung gehört. Winnie Markus muß schmachtende Blicke werfen, Viktor de Kowa unwiderstehlich sein, Willy Birgel das gramerfüllte Herz präsentieren und Sybille Schmitz den schonenden Edelmut wie eine Mondrakete hochtreiben. Daß das gute Mädchen Kat, die liebe Trümmermaid, die ganze Zeit den Schlüssel in der Hand hatte, wird erst am Schluß offenbar, dafür verläßt man das Kino auch in der frohen Gewißheit, daß sie es und nicht die gesuchte, für immer verlorene Anette ist, die mit dem wackeren Zeichner Rott in die kaloriengesegneten Gefilde der Eidgenossenschaft heimkehren darf.
Soviel Aufwand für...? Sagen wir es präziser: soviel Edelkitsch mußte verbacken werden, um einen angeblichen Zeitfilm vorzuweisen. Die Trümmer, die Ruinen und die Originalaufnahmen aus dem München von heute sind so echt wie nur; alle Anstrengung schien aber darauf gerichtet gewesen zu sein, den Blick und die Gedanken von ihnen abzulenken. Hildegard Knef als Kat gelang es als einziger, bisweilen etwas Übereinstimmung herzustellen. Die Ingredienzien der Gegenwart dienen offenbar nur zur Garnierung - das Hauptgericht ist eine zähe Pastete mit bester Hintertreppe gefüllt. [...] Der Hauptverantwortliche heißt Harald Braun. Er ist den alten, doch unerträglich gewordenen Filmrezepten noch so beflissen verschrieben, als wäre inzwischen keine Welt eingestürzt. Man kann aber nicht nur nicht so weiterleben wie früher, man kann auch nicht so weiterverfilmen wie einst. Diese, fast etwas unwilligen stofflichen „Konzessionen" an die Gegenwart, verraten jedenfalls eines mit Sicherheit: von daher ist nichts zur Erneuerung des deutschen Films zu erwarten. Diese Spielfilme nach den Gebrauchsmustern von einst sind von vornherein anachronistisch, die meisten dieser sogenannten „Könner" sollten sich für immer auf ihren Lorbeeren ausruhen. Ihre Formeln und Rezepte sind falsch geworden.
Das beste bleibt von dem Kameramann Günther Anders zu sagen, dem man nur verwegenere, dichtere Einsätze wünscht, das echte Einschwenken in die Zeit. Hier ist ihm zu danken, daß er zwischen die wattierten Lügen immer wieder einen entlarvenden Schnappschuß setzt. Und Hildegard Knef, die ja mittlerweile zwischen die Ruinen und sich ein Weltmeer gesetzt hat - schade, schade!
Der Film wurde kalt aufgenommen. War das Publikum mal ausnahmsweise auf dem rechten Weg? Hatte es die kalte Mache gefühlt, die dieser Film ist, die leere Routine durchschaut, all das „bewährte Könnertum", kurz alles das, wovon anscheinend der deutsche Film erst gewissenhaft enttrümmert werden muß, bevor er neu und wahrhaftig werden kann?

In die Schablone gepreßt. „Zwischen Gestern und Morgen" im Astor-Filmtheater. In: Berliner Zeitung, 21. März 1948.

Luiselotte Enderle: „Zwischen Gestern und Morgen".

Ein Film, der in den Trümmern der Gegenwart beginnt und die Vergangenheit noch einmal zurückreißt vor unsere Augen, sollte uns zwingen zu sagen: „So ist es. So war es."
Aber dieser Film zwingt uns nicht. Die Gegenwart und die Vergangenheit bleiben fern, als ob nicht wir sie erlebten oder erlebt hätten. Obgleich der Film in der gefahrbringenden Nähe von politischer Unzuverlässigkeit, rassischer Verfolgung und Gestapo angesiedelt ist, haftet er in einer uninteressanten Liebes- und Schmuckgeschichte, die keineswegs stichhaltig und überzeugend das Gestern mit dem Heute verbindet. Überzeugen können nur wenige Darsteller: Sybille Schmitz verkörpert als Nelli Dreyfuß wirklich eine gehetzte Jüdin. Um sie ist die Atmosphäre der trostlosen Einsamkeit, der Todesnähe. Sie beschwört das tragische Schicksal Unzähliger. Auch Otto Wernicke wirkt als Ministerialdirektor Trunk in einzelnen Szenen alarmierend gefährlich. Hilde Knef spielt eindrucksvoll ein junges Mädchen, das sich unverdrossen und ernst mit den Schwierigkeiten der Gegenwart herumbalgt.
Die anderen Schauspieler haben es infolge der mangelhaften Konstruktion des Stoffes und der unpräzisen Profilierung der Charaktere schwer, echt zu erscheinen. [...]
Es bleibt zusammenfassend zu sagen, daß wir zu sehr an dieser Vergangenheit leiden, als daß wir sie als Kulisse für eine unwesentliche Kriminalgeschichte hinnehmen können. Wenn wir sie beschwören, wird die „Szene zum Tribunal". So gibt es nur eine Möglichkeit: ernsthaft zuzupacken und die brutale, beschämende, erschütternde Wahrheit bis ins überzeugende Detail zu vergegenwärtigen.

Luiselotte Enderle: „Zwischen Gestern und Morgen". Zur Uraufführung des ersten Filmes der US-Zone im Luitpold-Theater, München. In: N.Z., Datum unbekannt

Lieselotte Schneider: Zwischen Gestern und Morgen.

Dieser erste in der amerikanischen Zone gedrehte deutsche Film, der mit zwei Festvorstellungen, hochoffiziellen Reden und musikalischem Auftakt aus der taufe gehoben wurde, zeigt nicht die technischen Mängel, die man aus den Materialschwierigkeiten seiner Entstehungszeit befürchtet hatte. Das ist das Verdienst insbesondere des Kameramannes Günther Anders, des Architekten Robert Herlth und des Tonmeisters Walter Rühland, die einen in vielem sogar vorbildlichen Bildstreifen schufen. Dort, wo keine äußeren Engpässe und Stoffmangelschwierigkeiten vorhanden waren, liegen die Schwächen: nämlich im Drehbuch.
Die Autoren zeigen uns in der Zeitspanne von 1938 bis 1948 Menschen im Hotel, Globetrotter, sehr feine Leute, Leute, die in einem luftleeren Raum leben, denen der Boden der Realität unter den Füßen fehlt. Der Schauspieler, der ebenso unter einer verbohrten Kunstlenkung wie unter der zwangsweisen Trennung von seiner nichtarischen Frau leidet, findet nicht den Mut zu einer konsequenten Haltung. Und ebenso wie er werden alle anderen, der durch seine Karikaturen leichtsinnig in Gefahr geratene Zeichner, der kleinlich egoistische Hotelgeschäftsführer, das die große Liebe erlebende junge Mädchen, von Zufällen getrieben und schicksalhaft bestimmt, aber nicht von sich selbst. Es sind konstruierte Figuren mit konstruierten Schicksalen, die eben deshalb ziemlich unbeteiligt lassen. Dort, wo Menschliches aufleuchtet, wird diese Zwiespältigkeit des Drehbuchs besonders deutlich. Man nimmt diese unwirklichen Menschen zur Kenntnis und wartet auf wirkliche Menschen, vor allem der Nachkriegszeit, wie sie nur in ein paar Typen des nächtlichen Wartesaals schemenhaft auftauchen. Die meisten der Hauptpersonen sind zu blaß und zu substanzlos, als daß sie die Konfrontierung mit den Ruinen unserer Tage und dem Grauen einer Bombenangriffsnacht tragen könnten und erträglich werden ließen. Das führt zum schärfsten Ausdruck, wenn der Schauspieler in Heldenpose im zusammenbrechenden Foyer des Hotels den Bombentod erwartet, ohne mit einer menschlichen Regung uns alle, die wir ähnliche Situationen nicht aus unserer Erinnerung zu streichen vermögen, zu packen und zum Mitempfinden hinzureißen.
Vielleicht sind wir heute noch nicht so weit, diese jüngste Vergangenheit gestalten zu können.
[...] Man hätte dem deutschen Filmschaffen, das sich „das Neue" nennt, einen anderen Auftakt gewünscht, als daß es eine sich ihm von allen Seiten anbietende und aufdrängende neue Gedankenwelt mit altem Filmhergebrachten, vielleicht aus Mangel an Wagemut vielleicht auch aus der gewohnten Einstellung auf Richtlinien, die es gar nicht mehr gibt, zu einem unausgeglichenen Ganzen zusammenmischte.
Die Aufnahme beim Publikum war auch durchaus nicht enthusiastisch.

Dr. Lieselotte Schneider, o. A.