Diese Seite drucken

Presseresonanz

Eine Zeitreise durch Hannover (Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 10. November 2005)

Von Claudia Gerhardt

August Madsack und Architekt Fritz Höger stehen am Modell, Stockwerk für Stockwerk wächst das Haus empor, schwindelerregend die Bilder vom Richtfest der Kuppel – in schnellen Schnitten zeigt der 1929 fertiggestellte Film „Vom Bau des Anzeiger-Hochhauses“ Madsacks ganzen Bauherrenstolz.

Dieses Zeitdokument ist der nunmehr älteste erfasste Hannover-Film. Vier sind es insgesamt, die in diesem Jahr in liebevoller Tüftelarbeit von der Gesellschaft für Filmstudien (GFS) vor dem Zerfall gerettet wurden. Peter Stettner und seine Kollegen kann man durchaus als „Filmdoktoren“ bezeichnen. „Nach langen und teils nicht mehr nachvollziehbaren Odysseen landen die Filme bei uns auf dem Tisch“, erklärt Stettner. In detektivischer Kleinarbeit werden die Streifen rekonstruiert. [...]

Mit diesen im Charakter ganz unterschiedlichen Filmen reist der Betrachter durch Hannovers Stadtgeschichte – von der Weimarer Republik bis in die siebziger Jahre. Im zweiten Film „Kriegszerstörungen“ sind Luftaufnahmen der verwüsteten Stadt zu sehen.

Der dritte Streifen katapultiert den Zuschauer ins Hannover der fünfziger Jahre: Stolz und ein wenig steif lobt Oberbürgermeister August Holweg Schul- und Wohnungsbau. Auf der Georgstraße fährt eine Tram, am Hohen Ufer schlendert ein Mädchen mit Pferdeschwanz und Ringelrock, das alte Café Kröpcke wird nochmals zum Leben erweckt.

Die Zeitreise endet im Jahr 1972: „Die Stadt menschlicher machen“ illustriert die Modernisierung der Stadt, Pläne zeigen Hochhaus-Entwürfe fürs Steintor, die glücklicherweise nicht realisiert wurden. Ob U-Bahn-Bau, Ihme-Zentrum, Flohmarkt oder noch heute beliebte Jazz vor dem Rathaus – Hannover präsentiert sich bunt und fortschrittlich. Und ungewohnt: Alexander Calders Hellebardier, der heute am Maschsee steht, zeigt sich in diesem Film an seinem früheren Standort vor dem Opernhaus – Gelegenheiten für Entdeckungen bieten die vier Hannover-Filme allemal.

Als Hannover laufen lernte. Die gefilmte Stadt zwischen Krieg und Wirtschaftswunder (Neue Presse vom 10. November 2005)

Von Michael Krische

Hannover. Das zerstörte Hannover 1945: Ein englisches Flugzeug kreist kurz nach der Besetzung durch die Amerikaner im April über die Stadt. Die Besatzung filmt aus geringer Höhe die Ruinen der Nord- und Oststadt, die Anlagen der Conti in Vahrenwald und die Hanomag in Linden.

Morgen ab 18 Uhr werden Fragmente dieser beeindruckenden Aufnahmen zusammen mit anderen frühen Filmdokumenten ab 18 Uhr im Künstlerhaus gezeigt.

„Noch sind nicht alle Teile des Materials geborgen, das meiste liegt noch in englischen Archiven“, sagt Peter Stettner, Chef der Gesellschaft für Filmstudien. Der von mehreren Institutionen getragene Verein hat sich zum Ziel gesetzt, historische Hannover-Filme aufzuarbeiten und zu bewahren.

[...]

Der älteste Streifen, der morgen wieder aufgeführt wird, stammt aus dem Bundesarchiv und zeigt den Bau des Anzeiger-Hochhauses an der Goseriede. 1929 wurde er gedreht. Bauherr und Verleger August Madsack und Architekt Fritz Hoeger sind zu sehen, Bauleute bei der Arbeit, das fertig gestellte Haus. Laut Stettner handelt es sich sogar um das älteste bisher erfasste Filmdokument aus Hannover.

Den Wiederaufbau fest im Blick hat der 18-Minuten-Film „Hannover 1957“ von Heinz Koberg. Arbeitsmänner schuften am Ernst-August-Platz. Aber die Hannoveraner genießen auch die Früchte der harten Nachkriegsjahre: Segelboote kreuzen auf dem Maschsee. Fußballfans jubeln im voll besetzten Niedersachsen-Stadion, das damals mehr als 70.000 Zuschauer fasste.

1972 heißt es dann: „Die Stadt menschlicher machen.“ Die U-Bahn wird gebaut. Oberstadtdirektor Martin Neuffer träumt seinen Traum von der demontierbaren Meta-Stadt am Kronsberg. Kunst und Happenings machen die ersten Altstadtfeste zum Ereignis. Das Ihme-Zentrum wächst heran. Noch mehr Hochhauskomplexe sollen entstehen. Was beweist, dass nicht alle Blütenträume der 70er Jahre wirklich geeignet waren, Hannover menschlicher zu machen.

Großes Interesse an historischen Hannover-Filmen

(Film & Medienbüro Niedersachsen/Rundbrief Nr. 80, Dezember 2005)

Auch in diesem Jahr wurden unter Federführung der Gesellschaft für Fimstudien e.V. (GFS) in enger Kooperation mit dem Landesamt für Lehrerbildung und Schulentwicklung (NiLS) einige historische Hannover-Filme rekonstruiert und gesichert. Die Präsentation der Arbeitsergebnisse im Kommunalen Kino vom 11. bis 13. November war wieder ein voller Erfolg.

[...]

Leider zeigte sich – stärker als im Vorjahr – dass bei den traditionellen Kopierwerken bestimmte Dienstleistungen „wegbrechen“. Beispielsweise kann Kopierwerk A nicht mehr von 35-mm-Film auf 16-mm-Material kopieren. Kopierwerk B kann mangels Gerätschaften und dem nötigen Know-how keine traditionellen Titelvorlagen verarbeiten. Tonmischungen von Perfoband auf Perfoband sind nicht mehr möglich. Und der Gipfel war, dass sich eine Tonumspielung von Lichtton auf Perfoband um Wochen verzögerte, weil kein Perfoband vorrätig war und erst mühselig in Frankreich (!) bestellt werden musste.

Selbstverständlich kann digitale Technik alles auffangen, aber um welchen Preis! Die Herstellung von ca. 30 Sekunden Abspann mit Aufblendung, Abblendung und drei Überblendungen kostet bei „Handarbeit“ mit der Kamera unter 100 € bei ca. zwei Stunden Zeitaufwand. Bei der digitalen Bearbeitung hätte allein die Ausbelichtung auf Film knapp € 2000 gekostet – Geld, das einfach nicht zur Verfügung stand.

Da vermutlich mittelfristig 35-mm-Film eher als 16-mm-Film „überleben“ wird, werden bereits Überlegungen angestellt, bei der weiteren Sicherung von historischem Filmmaterial auf 35-mm-Material auszuweichen. Um es ganz deutlich zu machen: Die Digitalisierung ist für die Langzeitarchivierung keine hinreichende Lösung. Allenfalls könnte die anschließende Ausbelichtung auf Filmmaterial hilfreich sein, aber nur wenn im Prozess keine Komprimierung und Dekomprimierung eingesetzt werden.

Thomas Garzke