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Presseresonanz

Ausbeutung eines Verbrechens?
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 22. März 2007

Es ist nur ein ganz kurzer Film, ohne Ton, aber ein wichtiges Dokument: „Der Kriminalfall in Hannover“ von 1924. Knapp viereinhalb Minuten, etwas zittrig, schwarzweiß natürlich, unterbrochen von Schrifttafeln, ein Film über den Massenmörder Fritz Haarmann. Das Fragment zeigt vermutlich die ältesten Bewegtbilder aus der Innenstadt und der Altstadt Hannovers. Die Gesellschaft für Filmstudien hat den von ihr restaurierten Film jetzt auf DVD herausgegeben und in einem aufschlussreichen Booklet die Geschichte hinter den Bildern erklärt.
Das kleine Werk ist auch ein Stück Mediengeschichte. Am 1. Juli 1924 hatte Fritz Haarmann die Morde gestanden, schon drei Wochen später lag der Film der Zensurbehörde in Berlin zur Freigabe vor. Für damalige Verhältnisse war die 20-Minuten-Produktion also in ziemlich rasantem Tempo hergestellt. Leider sind 16 Minuten des Films, den das Filmhaus Krüger & Co. aus Hamburg herstellte, verschollen.
Aber die Zensurkarte ist erhalten und damit die Zwischentitel, die von einigem Pathos getragen sind: Mit „Eltern! Schützt eure Kinder!“ geht es los, und dann folgt zwischen den noch erhaltenen Filmteilen: „Seine Hausbewohner täuschte er durch sein zuvorkommendes Wesen. Selbst seine Wirtin Frau Engel konnte über ihn nicht klagen und hatte keine Ahnung von seinem mörderischen, schandvollen Treiben.“ Im Bild tritt dann eine Dame mit Schürze aus dem Haus. Frau Engel? […]
Im Übrigen teilen die Bilder wenig Grausiges mit. Wir lernen aus ihnen aber, dass der Hannoveraner 1924 gern Handkarren durch seine Stadt schob, in Stehbierhallen stand und Hüte trug. Man fuhr viel Fahrrad und Kinder spielten barfuß auf den Straßen. Die Zensurbehörde hat das harmlose Werk dennoch verboten. Einer der Sätze, mit dem die Entscheidung begründet wurde, verdient es ganz besonders, überliefert zu werden: „Die Oberprüfstelle ist grundsätzlich der Auffassung, dass die geschäftliche Ausbeutung die Öffentlichkeit erregender Kapitalverbrechen durch sensationell aufgemachte, mit kolportagehaftem Text versehene Bildstreifen geeignet ist, die öffentliche Ordnung zu gefährden.“ hpw

Acht Jahrzehnte Hannover im Film
Historische Streifen restauriert. Sie werden im Künstlerhaus gezeigt.

Neue Presse, 23. November 2006

[…]
VON MICHAEL KRISCHE

HANNOVER. Als der Massenmörder Fritz Haarmann 1924 endlich gefasst war, wurde ein Film über seine Untaten gedreht. „Der Kriminalfall Hannover“ hieß der Streifen, von dem ein Sechs-Minuten-Fragment im Bundesarchiv wiederentdeckt und in kurzen Ausschnitten im NDR-Fernsehen gezeigt worden ist […].
Der gesamte Fall ist demnächst (zusammen mit anderen Hannover-Filmen) im Künstlerhaus zu sehen: Neben dem Haarmann-Wohnhaus in der Roten Reihe atmosphärisch dichte Straßenszenen aus der Bahnhofstraße, der Altstadt und der Leine-Insel: Männer mit Handkarren, barfüßige Jungen, Stehbierhallen bilden die Kulisse für das düstere Milieu des Massenmörders.
„Der Film wurde sechs Wochen nach Fertigstellung verboten, mit der Begründung, die Zwischentitel würden niedrigere Instinkte wecken“, so Peter Stettner von der Gesellschaft für Filmstudien (GFS). Er und seine Freunde haben den historischen Streifen aufgearbeitet. Und nicht nur den: Drei weitere alte Hannover-Filme sind von der Gesellschaft dieses Jahr restauriert und für die Nachwelt gesichert worden.
Zeitgeist strömt nur so aus dem Wiederaufbau-Film von 1960: Brave Mädchen lernen in der modernen Schule, wie man künftige Ehemänner am Kochherd verwöhnt. Ein Film, den Heinz Koberg im Auftrag der Stadt Hannover drehte.
Szenenwechsel: „Ein Sommertag im Zoo.“ Ein wilder Kuhantilopenbock jagt einen Wärter über den Zaun. Der Sprecher in dem fast 40 Jahre alten Film von Horst Latzke reimt die Kommentare. Ach ja: Damals gabs noch Bären im Zoo. Ernster geht’s in dem Streifen „Jugend in unserer Stadt“ von 1978 zu: Ein junges Paar sitzt bei der Drogenberatung. Nicht nur die Frisuren haben sich seit 1960 geändert.
Dank der Hannover-Stiftung der Sparkasse (die 45.000 Euro bewilligt hat) kann die GFS demnächst weitere 15 bis 20 der bekannten 70 Hannover-Filme retten.
[…]

Wo der Massenmörder lebte
Vier Premieren von historischen Hannover-Filmen an einem Abend

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 23. November 2006

Zensiert und verboten. Nur sechs Wochen nach der Fertigstellung. Die Behörden kassierten 1924 den Film „Der Kriminalfall in Hannover“ ein. Er sei zu reißerisch und würde Menschen zum Nachahmen verführen. Zwanzig Minuten dauerte der Film, der die Orte zeigt, an denen Fritz Haarmann lebte. Sechs Minuten sind erhalten geblieben. Im Bundesfilmarchiv hat Peter Stettner von der Gesellschaft für Filmstudien das Fragment aufgespürt und mit Thomas Garzke aufgearbeitet. Am Donnerstag, 30. November, ist der Fall erstmals im Kino im Künstlerhaus, Sophienstr. 2, zu sehen.
Doch nicht nur diesen Film haben die beiden in diesem Jahr mit finanzieller Hilfe der Hannover Stiftung der Sparkasse Hannover und der Stadt so weit wieder hergestellt, dass sie ihn vorführen können. Der Wiederaufbaufilm „Alle machen mit“ (1960), „Ein Sommertag im Zoo“ (1967) und „Jugend in unserer Stadt“ (1978) werden erstmals ab zu sehen sein. […]
Jeder Film für sich ist ein interessantes Zeitdokument und hat aus heutiger Sicht oft eine gewisse Komik. Der Zoofilm etwa ist komplett durchgereimt. Bei den Antilopenbildern heißt es: „Schon greift der Bock den Wärter an, der denkt nur: Rette sich, wer kann!“ Die Zwischenzeilen zum Stummfilm über Hannovers berühmtesten Massenmörder sind zwar nicht in Versform, trotzdem waren sie es, die zum Verbot führten. Die Bilder gleichen eher einer Sozialreportage und verraten viel über das Leben in der Altstadt 1924. hs