Diese Seite drucken

Entstehung des Films


Entstehung des Films


Die konkreten Planungen zu „Gesicht einer Stadt" begannen im Frühjahr 1931 und gingen von der Produktionsfirma Döring-Filmwerke aus. Diese Firma war 1921 von Johann Friedrich Döring in Hannover, Goethestraße 3 gegründet worden. In den folgenden Jahren expandierte die Filmfirma schnell, eröffnete weitere Arbeitsstätten in der Lange Laube und in der Hüttenstraße in Hainholz. Ende des Jahrzehnts konnten sich die Döring-Filmwerke „Deutschlands größtes Spezialwerk für Kultur-, Lehr- und Werbefilme" nennen. Bis zu ihrem Umzug nach Berlin im Jahre 1934 produzierte die Firma weit über 100 Filme, von denen allerdings die wenigsten erhalten sind.

Am 1. April 1931 trat Döring an die hannoversche Stadtverwaltung heran mit der Idee, einen modernen Stadtfilm über Hannover zu drehen, mit dem die Stadt sich vorteilhaft präsentieren könne. Das konkrete Angebot von Döring umfasste zunächst einen etwa 15-minütigen Film im 35mm-Format mit mehreren Kopien und mit „tönendem Text" (der Tonfilm setzte sich immer mehr durch, war aber auch deutlich teurer). Die Kosten sollten sich auf ca. 9.000 Reichsmark belaufen. Neben der Präsentation des Films in Kinos sowie in Bildungsveranstaltungen stellte Döring eine Aufführung auf den Passagierdampfern des Norddeutschen Lloyd in Aussicht, zu dem die Filmfirma gute Kontakte hatte. Der Magistrat stimmte dem Vorschlag und einer entsprechenden Finanzierung im Wesentlichen zu und setzte eine Kommission zur Überprüfung des Manuskriptes ein. Beauftragt wurde allerdings ein Stummfilm mit Zwischentiteln.
Die Filmaufnahmen fanden dann in der Zeit von Mai bis Ende des Jahres 1931 statt, anschließend wurden noch einige Trickaufnahmen gedreht, um die Ausdehnung des Stadtgebietes in einzelnen historischen Zeitabschnitten darzustellen. Im Februar 1932 teilte Döring der Stadtverwaltung mit, dass der Film in einer ersten Fassung nun fertig sei, allerdings sei er nun mit ca. 35 Minuten gut doppelt so lang geworden. Dadurch kam es zu einem Konflikt mit der Stadtverwaltung, da diese zum einen eine deutliche Kostensteigerung befürchtete, zum anderen eine Auswertung des Films in Kinos skeptisch sah, da die typische Vorfilm-Länge deutlich überschritten war. Nach einer ersten gemeinsamen Sichtung des Films am 20. Februar 1932 im UFA-Palast am Aegidientorplatz gelang es Döring allerdings doch die Stadtverwaltung zu überzeugen. Er konnte ein Schreiben des Norddeutschen Lloyd aus Bremen vorweisen, der den Film „als wirklich der beste Städtefilm, der uns bislang vor Augen gekommen ist" bezeichnete und eine Vorführung auf den Überseedampfern zusagte. Außerdem berichtete Döring von einem Angebot der Tobis-Melo-Film-GmbH / Berlin, den Film ohne weitere Kosten „tönend zu machen", wenn ihr dafür das Vorführrecht in den kommerziellen Lichttheatern übertragen werde. Dadurch, dass zusätzlich die Menge der Filmkopien verringert wurde (statt 20 nun sechs 35mm-Kopien, davon je eine mit deutsch-englischen und deutsch-spanischen Zwischentiteln für die Überseedampfer sowie drei 16mm-Schmalfilmkopien), konnte der ursprüngliche Kostenrahmen eingehalten werden. Nach einigen kleinen Änderungen - ergänzt wurden unter anderem einige Industriebilder - wurde „Das Gesicht einer Stadt" dann am 23. April 1932 im UFA-Palast am Aegi öffentlich uraufgeführt. Fortan lief der 35minütige Stummfilm mit Zwischentiteln erfolgreich in Hannover und auf verschiedenen Überseedampfern.

Zur Überlieferung und Bearbeitung des Films

Im Zusammenhang des Zweiten Weltkrieges verlor sich die Spur von „Gesicht einer Stadt". Ende der 1970er Jahre wurde dann im hannoverschen Rathaus eine stumme, arg verschrammte 16mm-Schmalfilmkopie mit deutschen Zwischentiteln des Films aufgefunden, ohne dass die Entstehungsgeschichte damals bekannt gewesen wäre. Da die Bedeutung dieses filmischen Dokuments aus der Vorkriegszeit augenscheinlich war, entschied sich die Stadtverwaltung im Jahr 1980, den Film auf Basis dieser überlieferten Kopie neu zu bearbeiten. Mit einem Vorspann und einem begleitenden Kommentar versehen sollte das Stadtbild der Vorkriegszeit dem hannoverschen Publikum verständlich gemacht werden. Realisiert wurde diese neue Bearbeitung durch den hannoverschen Filmemacher Horst Latzke. Es entstand wiederum eine 16mm-Fassung mit dem Titel „Das Gesicht einer Stadt", diesmal als Magnettonkopie. Mit dieser Fassung konnten die technischen Mängel, die vor allem durch die schlechte Überlieferung bedingt waren, allerdings nicht abgestellt werden: Das Filmbild wies zahlreiche Schrammen auf, es zeigte nicht den vollen Bildausschnitt und es lief mit 24 Bildern pro Sekunde, obwohl der Originalfilm mit 18 Bildern, teilweise mit 16 2/3 Bildern gedreht wurde. Dadurch lief das Filmbild zu schnell durch und der Film hatte statt 37 Minuten nur 25 Minuten Länge. Diese Fassung des Films ist heute noch in einigen städtischen Institutionen vorhanden.
Im Jahre 2006 entdeckte die Gesellschaft für Filmstudien e.V. (GFS) bei Recherchen im Bundesarchiv-Filmarchiv eine weitere Kopie des Originalfilms: eine gut erhaltene 35mm-Kopie, die im Staatlichen Filmarchiv der DDR Ende der 1960er Jahre von Nitrofilm auf Sicherheitsfilm umkopiert worden und nach der Wende ins Bundesarchiv-Filmarchiv gelangt war. Interessanterweise hat diese Kopie deutsch-spanische und in der zweiten Hälfte deutsch-englische Zwischentitel. Es handelt sich somit offensichtlich um eine Originalfassung, die auf den Überseedampfern gelaufen ist. Ein Vergleich mit der überlieferten Zensurkarte des Films zeigt, dass die Fassung vollständig ist.
Nach erfolgreichen Vorgesprächen mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv hat sich die GFS entschieden, von dieser Fassung eine hochwertige HD-Abtastung anfertigen zu lassen und den Film für Vorführzwecke nutzbar zu machen. Im Winter 2010 / 2011 wurde der Film dann auf Basis der neuen Abtastung erstmals im Kino im Künstlerhaus Hannover gezeigt. Wegen des großen Interesses folgten zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen, wobei der Stummfilm dabei stets von dem Stummfilmkomponisten Wolfgang Zettl am Klavier begleitet wurde. Im Sommer 2011 hat die GFS den Film auch auf DVD herausgegeben, ebenfalls mit der begleitenden Klaviermusik von Wolfgang Zettl. Im Begleitheft zu der DVD ist ein die Filmbilder erläuternder Kommentar abgedruckt. Dieser ist entsprechend der etwa 50 Zwischentitel gegliedert, umfasst darüber hinaus viele inhaltliche Ortsbenennungen und ermöglicht so in Verbindung mit dem dargestellten timecode die Identifikation zahlreicher abgebildeter Orte im Film.