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Der Hof- und Stadtbaumeister Laves

In seiner 50-jährigen Schaffenszeit formt Hofbaumeister Ludwig Laves das Gesicht Hannovers im 19. Jahrhundert so nachhaltig, dass es auch nach einer grundlegenden Neugestaltung in der Nachkriegszeit in großen Teilen seine Gültigkeit behält. Die Stadtgestalt kann uns heute sein Wirken besser verdeutlichen als seine wenigen erhaltenen Bauwerke: Von über 40 hannoverschen Bauten hat nur ein gutes Dutzend überlebt. Viele seiner Gebäude fielen allerdings schon vor dem II. Weltkrieg der schnell wachsenden Großstadt zum Opfer. Neben seiner Hauptbeschäftigung als Hofbaumeister unterhält er eine rege „freischaffende Nebentätigkeit“ als Architekt, Stadtplaner, Ingenieur und Objektgestalter. Kleinere Privataufträge, die den größten Teil seines Werkes ausmachen, nehmen dabei mindestens soviel Kraft und Zeit in Anspruch wie sein Dienst für den hannoverschen Hof. Einen Großteil seines Lebens widmet er der Konstruktion von Brücken, die in geradezu vorbildlicher Weise Ästhetik und Wirtschaftlichkeit miteinander vereinen.

Der in Uslar am Solling geborene Pastorensohn studiert an der Bauakademie in Kassel bei seinem Onkel Heinrich Christoph Jussow, der ihm 1814 die Anstellung am hannoverschen Hof verschafft. Genau 100 Jahre zuvor hatte die Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover begonnen. Der Umstand, dass Hannover die nächsten 123 Jahre von London aus lediglich mitregiert wurde, war dafür verantwortlich, dass die Entwicklung der Stadt im folgenden Jahrhundert fast zum Erliegen kam. Nachdem Hannover 1814 auf dem Wiener Kongress zum Königreich ernannt und territorial erheblich vergrößert worden war, erhält Laves jetzt die Aufgabe, die einhundertjährige „Baulücke“ zu schließen und Hannover zu einer großzügig angelegten Residenzstadt auszubauen.

Und Laves hat große Pläne, möchte geradezu ein verpasstes Jahrhundert aufholen: Ohne Rücksicht auf das beinahe noch mittelalterliche Stadtgebilde plant er am Königsworther Platz den Neubau eines monumentalen Residenzschlosses, das als neues Zentrum die Stadt mit den Herrenhäuser Gärten verbinden soll. Die unrealistische Vision des absolutistischen Luftschlosses ist bald vom Tisch. Denn bis 1837 sitzt sein Auftraggeber weiterhin in London und interessiert sich nicht sonderlich für den „Satellitenstaat“ Hannover. Zeitlebens darf Laves kein repräsentatives Schloss errichten, muss vielmehr die Fachwerkbauten bestehender Residenzen instand setzen und dem Zeitgeschmack anpassen. Seine wichtigste Aufgabe wird der unbefriedigende Umbau eines ehemaligen Minoritenklosters zum Leineschloss, der nach über 40 Jahren schließlich unvollendet eingestellt wird. In Herrenhausen kann Laves zwar einen Komplex klassizistischer Bauten realisieren, muss aber auch hier die barocken Baukörper von Schloss und Orangerie klassizistisch verblenden. Seine drei Herrenhäuser Neubauten, der Bibliothekspavillon, das Mausoleum und das Palmenhaus, müssen als behutsame bauliche Ergänzungen wiederum Rücksicht auf das barocke Gesamtkunstwerk Herrenhausen nehmen.

Weit wichtiger als die Erneuerung des Stadtschlosses und der Sommerresidenz ist für Laves der Ausbau Hannovers zu einer großzügig angelegten Residenzstadt. Mit der Anlage von Boulevards und raffiniert inszenierten Platzfolgen bereitet er nun Hannovers Sprung zur modernen Großstadt vor. Zentrales Element des neuen Stadtgrundrisses ist die sogenannte Lavesachse, die in ihrer letzten Konsequenz nie ausgeführt wird, die hannoversche Stadtplanung jedoch bis heute bestimmt. Sie soll quer durch die Altstadt führen und das Leineschloss als Bezugspunkt eines absolutistischen Ordnungssystems wirkungsvoll in Szene setzen. Mit dem gigantischen, fast 400 m langen und 150 m breiten Waterlooplatz realisiert er 1830 das eine Ende dieser Achse. Die Anlage seiner Ernst-August-Stadt, eine nordöstliche Stadterweiterung im Anschluss an die Georgstraße, soll sogar den Umfang der Altstadt annehmen, das Stadtgebiet regelrecht verdoppeln. Der Anschluss Hannovers an das Eisenbahnnetz ermöglicht 1843 die Realisierung einer reduzierten Stadterweiterung. Mit dem Bahnhofsplatz schafft Laves 1843 ein Pendant zum Waterlooplatz, ein großzügiges Entree zur Innenstadt. Obwohl heute nur noch ein Gebäude der ursprünglichen Bebauung existiert, hat sich der harmonische Eindruck des hannoverschen „Empfangssalons“ weitgehend erhalten. Mit seiner ungewöhnlichen polygonalen Form und den fünf Straßen, die hier fächerförmig münden, kann Laves ein letztes Mal eine barocke Platzanlage verwirklichen. 

Mit dem Waterloo- und dem Bahnhofsplatz kann er zwar die Eckpunkte seiner Achse festlegen, sie aber nicht durch einen Straßenzug verbinden - dies gelingt unter anderen Vorzeichen erst kurz vor 1900. Laves lässt daher die Altstadt im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und wendet sich nun ganz seiner östlich gelegenen Ernst-August-Stadt zu. Auf dem zentralen Opernplatz mit seiner ungewöhnlichen Dreiecksform entsteht 1845-52 sein Hauptwerk und der krönende Abschluss seines Lebens: das nicht mehr stilreine, beinahe anachronistische Opernhaus. Anstelle des Leineschlosses macht Laves jetzt das Opernhaus zum Kraftzentrum seines städtebaulichen Systems. Damit bezieht er eine ganze Stadt nicht auf den Sitz der Macht, sondern auf einen Bau der Künste. 

Kann Laves anfangs einen gewissen Einfluss auf die hannoversche Bebauung ausüben, so schwindet dieser mit dem Bedeutungsverlust des Adels zusehends, der Hof als Hauptauftraggeber tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Während er für die Krone in den 1840er Jahren mit dem Herrenhäuser Mausoleum und dem Opernhaus noch einmal Großbauten und Hauptwerke realisieren kann, so beginnt seine intensive Bautätigkeit für private Auftraggeber schlagartig nachzulassen. Nach kaum 15 Jahren ist sein Stil nicht mehr gefragt, die neuen Bauaufgaben des aufstrebenden Bürgertums sind mit einem Stilwandel verbunden. 1857, 40 Jahre nach der ersten Planung und wenige Jahre vor seinem Tod, wird der Bau seines Residenzschlosses zwar doch noch in Angriff genommen. Als das Welfenschloss schließlich gebaut wird, ist der Stil des Klassizismus jedoch seit langem überholt, sein Schüler Christian Heinrich Tramm errichtet es im zeitgemäßen Rundbogenstil. 

Ist Laves als „Spätgeburt“ und „Stiefkind“ des Klassizismus auch kein Glück für den ganz großen Wurf beschieden, so begegnet er seinen klassizistischen Kollegen Karl Friedrich Schinkel und Leo von Klenze durchaus auf Augenhöhe. Auch wenn ihm nicht vergönnt ist, seine Stadt von Grund auf neu zu formen, so ist doch bemerkenswert, wie Laves die eher bescheidenen Bauaufgaben der Restaurationszeit ausführt, dabei die verbliebenen Spielräume nutzt und eigene gestalterische Intentionen in einer ganz persönlichen, unverwechselbaren Handschrift umsetzt. Was seine Bauwerke letztlich auszeichnet, sind ein humaner, nahezu intimer Maßstab, ein subtiles Gespür für klare Gliederung und harmonische Proportionen, nicht zuletzt die Noblesse und Anmut seiner Schöpfungen, die er durch vornehmen Bauschmuck an exponierter Stelle adelt. Die Rotunde des Bibliothekspavillons, sein zweites Wohnhaus, der Wintergarten des Wangenheimpalais, der Portikus des Leineschlosses, das Opernhaus, der Teetempel und die Grabpyramide in Derneburg, die Villa Walshausen bei Hildesheim und eine Handvoll eleganter Parkbrücken in Herrenhausen und Lenthe zählen zu den schönsten Baulösungen des deutschen Klassizismus. Der vorliegende Film zeigt in aufwendigen Kranfahrten und Detailaufnahmen an Giebeln und Friesen alle Facetten und Schmuckformen des Lavesschen Spätklassizismus und vermittelt ein anschauliches Bild von der zeitlosen Schönheit seiner Bauwerke.

Dr. Peter Struck