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Der Off-Kommentar von Heinz Koberg, der 1969 bei der Hannoverschen Presse tätig war und selbst viele Filme über Hannover hergestellt hat:

„Der Begriff „Rote-Punkt-Aktion“ hat weit über Hannover hinaus weltweite Bedeutung. Der „Rote Punkt“ ist ein Symbol, das Symbol für einen Widerstand gegen willkürliche Fahrpreiserhöhungen bei der Üstra in Hannover, das zu einer umfassenden Solidarität zwischen den Benutzern öffentlicher Verkehrsmittel und den Autofahrern ingesamt geführt hat. Der „Rote Punkt“ – auch danach als Titelbild auf der „Hannoverschen Presse“ zum Ausschneiden veröffentlicht, zum Befestigen an der Windschutzscheibe deutlich sichtbar – deutete an, dass der betreffende Autofahrer nicht etwa böse wäre auf die vielen Leute, die winkten und mitfahren wollten, sondern dass er bereit wäre, jederzeit jemanden mitzunehmen. Die „außerparlamentarische Opposition“ hat für eine perfekte Ordnung gesorgt, an den ehemaligen Straßenbahnhaltestellen, die jetzt verwaist waren und Autohaltestellen geworden waren, standen überall Ordner und soweit ich mich erinnere - ich war in der Zeit ständig mit dem Auto unterwegs - haben die Autofahrer von sich aus und immer wieder diese Stellen aufgesucht, haben gehalten, und die Ordner riefen aus:“Ein Platz nach Stöcken!“ „Ein Platz nach Kirchrode!“, „Zwei Plätze zur Messe!“ und so weiter, und so weiter. Das hat alles reibungslos funktioniert, bis auf eine Tatsache: Es hat einige sehr extreme Rote-Punkt-Gegner sogar gegeben, die haben Straßenbahnschienen mit Beton ausgegossen. Das war ein schwerer Fehler, weil dann viele Autofahrer böse wurden und sagten: „Nein, dann spiele ich nicht mehr mit!“ – Im Großen und Ganzen war aber an den Hauptabfertigungsstellen, wie zum Beispiel hier in der Marktstraße oder am Steintor, am Kröpcke, am Aegi, ständig ein dreispuriger Autohaltbetrieb – freiwillig und immer wieder selbständig. Ich erinnere mich, dass ich auch von Burgwedel aus, wo ich damals wohnte, wenn ich nach Hannover fuhr, schon in Burgwedel an der Bushaltestelle wartende Bewohner gefunden habe, die dann mit mir `reingefahren sind, und nicht nur mit mir. Auch die außerhalb der Stadt im Stadtrandgebiet lebenden Autofahrer waren jederzeit bereit anzuhalten und jemanden mitzunehmen. Ich habe kaum – nur in zwei oder drei Fällen – unwirsche Reaktionen von Autofahrern erlebt, dass jemand sagte, nein, das nicht! Im Übrigen hat auch die Polizeit „mitgespielt“. Sie hat den Verkehr geregelt. Nachdem alles eingelaufen war, funktionierte das so gut, dass in den elf Tagen, die diese Blockade gedauert hat, praktisch jeder dahin gekommen ist, wo er hin wolllte.

Eine gelbe „Ente“, das ist ein „Einsatzfahrzeug“ der, um es in „Gänsefüßchen“ zu sagen: der „Streikleitung“, der 68er Streikleitung der ganzen Gesellschaft, die sich da zusammengefunden hatte, um nun wirklich solidarisch immer wieder dafür gesorgt hat, dass alles lief und lief und lief.

Am Bahnhof ergaben sich ein bisschen Schwierigkeiten. Das war die Zeit, in der gleichzeitig hier ein Schlesiertreffen in Hannover angesetzt war, und da ist es durchaus vorgekommen, dass am Bahnhof sich Gruppen von Menschen gesammelt haben, die nun nicht recht weiter wussten, bis aber auch hier das gelbe Auto kam bzw. einige Ordner kamen, die dafür sorgten, dass auch diese Menschen weiterkamen zu ihren Versammlungsorten, zu den erforderlichen Sitzungsräumen.

Im Übrigen war gleichzeitig Heinrich Lübcke mit Frau in Hannover zu einem Staatsbesuch in Niedersachsen. Er hat einige Tage gedauert und hat von Seiten der Bevölkerung zu durchaus positiven Reaktionen geführt.“

Herr Koberg hat 79-jährig diesen Kommentar nach einmaligem Anschauen des Films spontan zu der gleichzeitig laufenden Projektion – ohne sich Notizen gemacht zu haben – gesprochen.