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Hannover nach dem Zweiten Weltkrieg

 

Die zerstörte Stadt

Der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer war Anfang 1945 für einige Wochen als Offizier der Wehrmacht in Hannover stationiert. In seinem Tagebuch beschrieb er seine Eindrücke von der zerstörten Stadt:

[...] Ein Spaziergang führte uns – einen Hamburger Oberstabsarzt und mich – durch die weiten Ruinenfelder und Ruinenstraßen der einstmaligen Stadt. [...] Ein Spaziergang im Vollmond des frühen Abends: abscheuliche Ruinen-Romantik, so weit der Blick nur gehen kann: Bauteile, die, ihres Zusammenhangs beraubt, sich übermäßig in den mondhellen Himmel strecken, hektisch, gewächsartig, so Stiegenhaus wie Schornstein wie einzeln stehengebliebene Mauer mit dem Giebel oben in gefährlicher Balance. Auf weite Strecken erscheinen die Gebäude gleichsam zerstampft, nur Schutt, man sieht nicht die Grundmauern mehr. In Wien waren der Stadt schwere und nicht wenige Wunden geschlagen, an den Rändern gehöht und markiert durch die noch aufrecht und geordnet stehende heile Substanz: hier, in diesem einzigen großen Wundkrater, sieht man mit Erstaunen da und dort und selten genug ein einzelnes Haus, das noch nicht völlig darniederliegt. Ein solches ist’s auch, in welchem wir wohnen.

(Eintrag vom 22. Januar 1945, zitiert nach: Henning Rischbieter, Hannoversches Lesebuch, oder: Was in Hannover und über Hannover geschrieben, gedruckt und gelesen wurde, Velber 1978, S. 325)

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Der britische Journalist und Militärberichterstatter Leonard O. Mosley vermittelt in seinem „Bericht aus Deutschland“ einen Eindruck von der Zerstörung Hannovers:

„Bei Hannover bogen wir von der Autobahn ab. [...] Von der kleinen Anhöhe, auf der wir uns befanden, blickten wir herab auf die Stadt, und der Anblick war furchtbar; wir mochten unsere Augen über den ganzen Gesichtskreis schweifen lassen, - nicht ein einziges unbeschädigtes Dach war zu erkennen. Hannover sah eher wie eine Verwundung im Erdboden aus als wie eine Stadt. Als wir näher kamen, hielt ich Ausschau nach dem mir vertrauten, aus früheren Zeiten bekannten Wahrzeichen der Stadt, aber die Veränderungen, die durch die Bombenangriffe hervorgerufen waren, schienen gründlich und vollständig zu sein: nicht das Geringste war wiederzuerkennen! Ganze Straßen waren verschwunden, zusammen mit ihnen Plätze, Gärten und Bäche; alles war verschüttet und bedeckt mit wüsten Haufen von Ziegeln, Steinen und Mörtel [...]“

(zitiert nach:Anpacken und Vollenden. Hannovers Wiederaufbau in den 50er Jahren. Ein Quellenlesebuch. Bearbeitet von Waldemar R. Röhrbein und Andreas Urban unter Mitarbeit von Wilhelm Karmann (= Schriften des Historischen Museums Hannover Heft 5), Hannover 1993, S. 12)

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Auch ein Jahr nach Kriegsende war der Anblick der zerstörten Stadt sehr erschütternd. Bei seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft empfand Wolfram von Erffa folgendes:

Als ich im Mai 1946 aus der Kriegsgefangenschaft wieder nach Hannover zurückkehrte, waren meine Sinne aufs äußerste gespannt auf das, was ich dort wiederfinden – oder eben vermissen – würde. Aber die Phantasie war noch nicht mächtig genug gewesen, um sich ein Bild der fast völlig ausradierten Innenstadt vorzustellen. Es gibt verschiedene Städte, die trotz schwerster Zerstörung noch einen Rest ihres Gesichtes bewahrt haben, wo ausgebrannte Ruinen wie eine Totenmaske das bekannte Straßenbild wiedergeben. Hier in Hannover war aber auch davon nichts zu spüren. Ein kilometerlanges Trümmerfeld zog sich vom Klagesmarkt über die Georgstraße, dem Hauptverkehrsstrom folgend, bis zum Döhrener Turm in der Südstadt. Besonders in der Innenstadt waren außer der Mehrzahl der historischen Gebäude fast achthundert der alten niederdeutschen Fachwerkbauen verschwunden, nur zwölf, nicht einmal die schönsten, blieben erhalten.

(zitiert nach: Annette von Boetticher: Provinz und Land Hannover, in: von Boetticher/Fesche/Kohlstedt/Schröder: Niedersachsen zwischen Kriegsende und Landesgründung, Hannover 2004, S. 60f.)