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Rezension im „Evangelischen Film-Beobachter“, 2. August 1956

 

„Ein französischer Versuch, Örtlichkeiten und Geschehnisse der deutschen Konzentrationslager im Laufbild festzuhalten, eine Ahnung vom Leiden der Opfer zu vermitteln, vielleicht auch das Wesen dieser Menschenquäler und Massenmörder zu erklären. Die längsten Teile dieses Streifens sind farbig und nachträgliche Aufnahmen der Ruinen (...). Hier ist in Bild und Begleitwort mitunter eine seltsame, fast poetische Abgeklärtheit zu verspüren. Der zeitliche Abstand scheint schon so groß, dass der Mitschuldige sich in Sicherheit glaubt wähnen zu können. Dann aber kommen entsetzliche Originalaufnahmen von den Opfern und ihren Henkern dazu, von einer unvorstellbaren Hölle, die Teufel in Menschengestalt mitten unter uns zubereitet haben. Schließlich fährt die Räummaschine ins Bild und schiebt die unmenschlich entstellten und geschändeten Leichen vor sich her, irgendeinem Abgrund, einer Schuttgrube zu. Spätestens hier verschwindet jeder Gedanke an eine Flucht aus der Mitverantwortung, zumindest jedem Zuschauer, in dem sich noch ein Gewissen rührt.

Der Versuch, die Furchtbarkeit des grausigen Massenmordes zu dokumentieren, ist in Bild und Wort entsetzlich gut gelungen. Erstaunlich ist dabei, dass kaum ein Wort oder ein Bild des Hasses zu bemerken ist. Nur Entsetzen und Erschütterung herrschen vor darüber, wie hier Menschen an Menschen sich vergangen haben. Noch ist die Probe aufs Exempel nicht gemacht. Aber es ist kaum denkbar, dass nur ein Bruchteil derjenigen Zeitgenossen, die im Kino an Sensationen und Brutalitäten sich nicht satt sehen können, diesen Tatsachenbericht wird zur Kenntnis nehmen wollen. Hier ist kein prickelnder Genuss aus der Distanz möglich. Hier wird die Existenz des Teufels bewiesen. Hier geht es, zuvörderst für uns Deutsche, um Sünde und Schuld.

Dies legt den Wunsch nahe, dieser Streifen möchte weder der kommerziellen Filmwirtschaft, noch politischen oder auch humanitären Vereinigungen überlassen bleiben, sondern den Kirchen als zuverlässigsten Treuhänder überantwortet werden, als Anschauungsmittel und als immerwährende Zuchtrute zur Buße. Zum Thema selbst wäre noch viel zu sagen. Auch dies geschieht am besten unter den erwachsenen Gliedern einer christlichen Gemeinde.
(Auch wir sind der Meinung, dass dieser Film nicht nach Cannes gehörte, aus ganz anderen Gründen allerdings als das Regime von Bonn. Für Reporter und für Snobs ist er nicht gemacht. Wir Deutschen aber sind die letzten, die um eine Nichtaufführung dieses Streifens auch nur bitten dürften.) –
Französischer Dokumentarfilm über die deutschen Konzentrationslager, hasslos, gerecht, tief erschütternd. Für Jugendliche unter 18 und für empfindliche Frauen völlig ungeeignet. Männer müssten ihn gesehen haben. Von hohem Wert für kirchliche Gemeindeveranstaltungen, hauptsächlich in der Passionszeit und am Bußtag.“

ck. Im „Evangelischen Film-Beobachter“, 2. August 1956. 8. Jahrgang 1956. S. 366