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Michael Girke: „Die schönsten Kurzfilme der Welt. Filmische Momente bei den 50. Kurzfilmtagen von Oberhausen.“


„(...) `Nacht und Nebel´ lief auch dieses Jahr in Oberhausen. Im Rahmen der von Angela Haardt zusammengestellten Reihe zur Festivalgeschichte. Das Programm zum Thema Erinnerungsbilder, der dazu von Christina von Braun gehaltene Vortrag hatten nur wenige Besucher. Das ist ein Symptom. Es ist eine Folge davon, dass Kino in Deutschland heruntergekommen ist zu einem Kampfbegriff gegen das Lernen.

Wer wollte bestreiten, dass der Fall der Mauer im Jahre 1989 Folgen hat, die bis heute jeden deutschen Tag prägen? Luthers Aufstand gegen die zu seiner Zeit offizielle Version christlicher Religion; die Entdeckung Amerikas - 500 Jahre alte Ereignisse, die Teil der Gegenwart sind, in sie hineinwirken. Kein Medium kann wie das Kino, mit seinen bewegten Bildern und Montagen, sichtbar machen, wie Zeit sich zusammensetzt, wie viel Altes im angeblich Neuen steckt. Aber lernen muss man wollen. Ohne einen in der Filmkultur verankerten positiven Lernbegriff muss Geschichte im Kino kitschiges Spektakel bleiben.

`Weil die Filmkultur am Gymnasium ganz lautlos diejenigen, die 'Nacht und Nebel' nicht mehr vergaßen, von den anderen sonderte. Ich gehörte nicht zu den anderen´. Das sind Sätze des französischen Filmkritikers Serge Daney darüber, wie für ihn Cinephilie entstand: In der Absetzung vom bewusstlosen Filmvergnügen. Cinephilie ist jene französische Kinoliebe, die ganz selbstverständlich das Lernen und die Reflexion nicht ausschließt. Oberhausen ist die Festivalgewordene deutsche Verbindung zu dieser Art Kinoliebe. Ob das weiterhin so ist oder nicht, allein daran sollte man das Festival messen. Dass der Kanzler und andere Stars herrschender Ereignissucht vorbeischauten, das Festival als Bühne nutzten und ihm so Überleben sicherten, davon musste der Cinephile keinerlei Aufhebens machen. Ihm bot Oberhausen Sensationen anderer Art. (...)

Was bringt es, einen alten Film wie Alain Resnais "Nacht und Nebel" auszugraben? In den 50ern griff dieser Film offizielle Tabus an, brach das auferlegte Schweigen zum Holocaust, klagte das Recht der Toten ein nicht verstummen zu müssen, zu zeugen von der ihnen zugefügten Gewalt. Resnais nähert sich Vergangenheit an mit Mitteln der Poesie, zugleich ist er sich den Grenzen des Dokumentarischen äußerst bewusst. Sein Film ist schamvoll. Er maßt sich nicht an, das unfassbare Leid der ermordeten Juden schauspielerisch nachstellen zu können. Und so besteht dieser 50jährige zerkratzte Film aus 40 immer aktuellen Einwänden pro Sekunde gegen Geschichtsfiktionen der Marken Steven Spielberg oder Heinrich Breloer. Diesen alten Film in Oberhausen zu sehen, das war eine Wiederkehr des vom heutigen Filmbetrieb Verdrängten. "Nacht und Nebel" handelt vom Mut des Kinos in die Wirklichkeit einzugreifen und sie gegen alle Widerstände zu verändern.“

Michael Girke. „Die schönsten Kurzfilme der Welt. Filmische Momente bei den 50. Kurzfilmtagen von Oberhausen.“
http://www.theomag.de/30/mg3.htm
Stand: März 2006.