Diese Seite drucken

Bewertung und didaktisch-methodische Hinweise


`Nacht und Nebel´ ist eine französische Filmdokumentation über die Konzentrationslager des nationalsozialistischen Regimes, die eine tiefgehende und nachhaltige Betroffenheit beim Betrachter auslöst. Die aussergewöhnliche Wirkung ist darauf zurückzuführen, dass erschütternde Bilddokumente mit einer stark poetisch gestalteten sprachlichen Kommentierung (...) und einer ebenso zurückhaltenden wie eindrucksstarken Untermalung durch die Musik von Hanns Eisler zu einer kompositorischen Einheit von großer Geschlossenheit verschmolzen sind. Indem sich der Film an den Ablauf der Ereignisse anlehnt, gewinnt er seinen dramaturgischen Höhepunkt mit der sich zur systematischen Menschenvernichtung steigernden Verfolgung.
Ungeachtet der reichen Ausbreitung dokumentarischen Materials über Konzentrationslager werden folgende Sachzusammenhänge nicht angesprochen:

  1. Der Film enthält keine exakten Informationen über die Geschichte der Konzentrationslager, den Abbau des Rechtsstaates in Deutschland, die Phasen der Vernichtung, die Gruppen der Verfolgten, die Typen und die Verbreitung der Konzentrationslager, ihre Funktion im Rahmen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Vielmehr werden im Film Bilder aus unterschiedlichen Phasen und Lagern zu einer Gesamtschau der Verfolgung und Vernichtung zusammengestellt.
  2. Der Film verzichtet darauf, Ursachen- und Motivationszusammenhänge anzusprechen; er will in der Darstellung des Vollzugs unmenschlicher Handlungsweisen dokumentieren, was Menschen anderen gegenüber zu tun imstande sind.

Der Film möchte die historische Erfahrung menschlichen Handelns und menschlichen Leidens zur Grundlage moralischer Besinnung und politischer Wachsamkeit machen. Der Kommentar ist entsprechend viel weniger um genaue Beschreibung oder weiterführende Klärung des Dargestellten bemüht; er versteht sich eher als Gestaltungsmittel dieses zukunftsgerichteten Appells. Die leitende Intention des Films wird besonders in den Schlusspassagen deutlich (...), in denen der moralische Appell von der geschichtlichen Erfahrung in der `nur einen Zeit´ und dem `nur einen Land´ aufgehoben und verallgemeinert wird. Allerdings verengen die Schlussworte die viel allgemeinere Problematik der Entrechtung und Vernichtung von Menschen als Volksfeinde auf den Rassenwahn (im Film selbst stehen jedoch Juden als Hauptgruppe der Verfolgten nicht im Mittelpunkt).

Entsprechend der Intention und der Gestaltung des Films ist seine Wirkung im Bereich des Emotionalen verankert. Er löst tiefe Betroffenheit aus, der die bedrängenden Bilder immer wieder ins Bewusstsein hebt. (...) Dieses Bildmaterial, aber auch die künstlerische Gestaltung des Kommentars lassen es kaum zu, den Film vor dem 9. Schuljahr Schülern zu zeigen. Empfehlenswert ist er besonders für die Erwachsenenbildung.

Didaktisch-methodische Hinweise:

Die in der Bewertung genannten Merkmale schränken solche methodisch-didaktischen Verwendungsabsichten ein, die primär auf Kenntniserweiterung über Konzentrationslager oder den Nationalsozialismus hinzielen. Nicht Zuwachs an Wissen, sondern anteilnehmende und stellungbeziehende Auseinandersetzung mit dem Geschehen beabsichtigt der Film. Allerdings bietet er – auch dadurch, dass er nicht in erster Linie auf Information abzielt – reichlich Anlässe für weiterführende Sachfragen. Die vom Film ausgelöste Erschütterung kann jedoch dazu führen, dass in der Betrachtergruppe zunächst keine Fragen gestellt werden, sondern das Bedürfnis besteht, zu schweigen und den bedrängenden Eindruck nicht zu zerreden.
Der Film kann deshalb am besten an zwei Stellen im Rahmen einer Unterrichtseinheit `Deutscher Faschismus´ oder `Antisemitismus´ im historisch-politischen Unterricht der Sekundarstufe I (ab 9. Klasse), eines Kurses in der Sekundarstufe II sowie in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden.

1. In der Motivationsphase

Vermutlich richten sich in der Motivationsphase die Fragen der Schüler auf folgende elementare Probleme:

  1. Wie konnte das geschehen?
  2. Wer trug dafür die Verantwortung?
  3. Wer ist schuld?
  4. Was hätte man tun können, um diese Verbrechen zu verhindern?
  5. Was kann man tun, um ähnliche Verbrechen in Zukunft auszuschließen?

Dabei ist denkbar, dass diese Fragen weniger deshalb gestellt werden, um damit Schuldige auszumachen, anzuklagen und zu verurteilen, als vielmehr um sich bewusst zu werden, was Menschen bewegt haben kann, sich anderen Menschen gegenüber so zu verhalten, ihnen das Mensch-Sein abzusprechen. Darüber hinaus können Sachfragen im engeren Sinne aufgeworfen werden:

  1. Aus welchen Gründen errichteten die Nationalsozialisten Konzentrationslager?
  2. Wie ist ihre Entwicklung bis hin zu planmäßig betriebenen Vernichtungslagern abgelaufen und wie ist sie zu erklären?
  3. Welche Menschengruppen wurden in die Konzentrationslager eingesperrt und aus welchem Grund?
  4. Wie lief der Alltag in einem Konzentrationslager ab (für die Häftlinge – für die KZ-Bewacher?)
  5. Was ist unter `produktiver´ Vernichtung zu verstehen?
  6. Wie äusserten sich Widerstand und Selbstbehauptungswille bei den Häftlingen?
  7. Was wurde aus den befreiten Häftlingen?
  8. Was passierte mit den KZ-Bewachern nach dem Kriege?
  9. Haben die Bewacher und andere Mitverantwortliche ihre Schuld später eingestanden?
  10. Wie wurde die Schuld gesühnt?


2. Am Schluss der Unterrichtseinheit

(...) Besonders der unüberhörbare Appell in der letzten Sequenz mit seinen Hinweisen auf die noch sichtbare personelle Kontinuität von Verantwortlichen und Mitwissern sowie auf die latente Gefahr einer Wiederholung des Geschehens mit anderen Methoden ist geeignet, den Betrachter zu weiterführenden Fragen nach der Haftung für die `Schuld der Väter´ sowie der eigenen Verantwortung für die Abwehr politischer Gefährdungen der Gegenwart und der Zukunft zu veranlassen.
Da der Film den Betrachter mit kaum vorstellbaren Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten konfrontiert, müssten vor jeder Vorstellung folgende Fragen geklärt werden:

  1. Ist der Film für die gedachte Adressatengruppe zumutbar? Die Frage kann nur dann beantwortet werden, wenn der Lehrer den Film vorher darauf überprüft hat.
  2. Welche Hinweise vor der Filmvorführung sind erforderlich, um den zu erwartenden Schock aufzufangen? (...)

Im Bereich der Erwachsenenbildung sollte besonders den in der letzten Sequenz aufgeworfenen Fragen nachgegangen werden. (...)

Aus: Filme zur politischen Bildung. Beschreibungen und Begleitmaterial. Heft Nr. 4.7: Nacht und Nebel. Von Wolfgang Marienfeld, Hans-Dietrich Schmid, Gerhard Schneider und Wilhelm Sommer. Hrsg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hannover 1981. S. 4-6.