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Jim Hoberman: „`Shoah´: Zeugnis der Vernichtung“


„Claude Lanzmanns `Shoah´ ist nicht nur der anspruchsvollste Film, der jemals über die Judenvernichtung gedreht wurde, sondern auch ein Werk, das von dem alttestamentarischen Gebot, sich keine Abbilder zu schaffen, inspiriert gewesen sein könnte, so gewissenhaft geht der Film mit dem Problem der Darstellung um. `Der Holocaust ist insofern beispiellos, als er einen Flammenkreis um sich herum errichtet, eine Schranke, die nicht überschritten werden kann, weil ein bestimmtes absolutes Entsetzen nicht vermittelt werden kann´, schrieb Lanzmann 1979 in einem Essay über die Fernsehserie `Holocaust´. `Wer vorgibt, diese Linie zu überschreiten, macht sich eines schweren Vergehens schuldig.´

`Shoah´, dessen Titel sich von dem hebräischen Wort für `Vernichtung´ herleitet, überschreitet diese Linie nicht, sondern definiert sie. Über weite Strecken seiner Spieldauer von neuneinhalb Stunden erscheint der Film formlos und repetitiv. Vom allgemeinen zum besonderen hin und herwechselnd, bestimmte Themen umkreisend, überwältigt `Shoah´ den Zuschauer mit einer Fülle von Details. Für diejenigen, die nach linearem Fortschreiten verlangen, mag Lanzmanns Methode pervers erscheinen – die Entwicklung des Films vollzieht sich nicht in der Dimension der Zeit. `Die sechs Millionen Juden starben nicht in ihrer eigenen Zeit, und darum muss heutzutage jedes Werk, das dem Holocaust gerecht werden will, die Chronologie zertrümmern´, schrieb Lanzmann. Obwohl `Shoah´ durch seine inneren Entsprechungen strukturiert wird, muss man am Ende selbst die Schlussfolgerungen ziehen. Dieser Film wirft jeden auf sein eigenes Vermögen zurück. Er zwingt den Zuschauer, sich das Unvorstellbare vorzustellen.

Lässt man die Länge des Films einmal beiseite, so ist `Shoah´ bemerkenswert durch die Strenge der Lanzmannschen Methode: (...) `Der Film musste aus Spuren von Spuren von Spuren gemacht werden´, sagte Lanzmann einem Interviewer. Wie dem schwedischen `Chain Rumkowski und die Juden von Lodz´ oder der ungarischen `Gruppenreise´, zwei Dokumentarfilmen aus der jüngsten Zeit mit einer weniger umfassenden Perspektive vom Krieg gegen die Juden liegt `Shoah´ eine starke und prinzipielle Zurückhaltung zugrunde. Wie Syderbergs `Hitler, ein Film aus Deutschland´ weigert sich auch dieser Film, die Vergangenheit zu ´rekonstruieren´, wodurch eine konventionelle Reaktion unmöglich gemacht und der Zuschauer auf den Ursprung seiner eigenen Faszination verwiesen wird.

Lanzmann ist jedoch kaum so theatralisch wie Syderberg. In mancher Hinsicht erinnert seine Strategie an die von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet. Deren 1976 entstandener Film `Fortini-Cani´ z.B. unterstreicht die Lesung des italienisch-jüdisch-kommunistischen Dichters Franco Fortini durch lange, nachdenkliche Einstellungen von Waldlandschaften, wo die Nazis vor ungefähr 30 Jahren eine Gruppe italienischer Partisanen massakrierten. Lanzmann ist der gleichen Auffassung: dass die Vergangenheit uns umgibt, dass die Geschichte (und sei es nur durch ihre Auslöschung) in der Gegenwart eingeschrieben ist. In seinem Artikel über `Holocaust´ zitierte er den Philosophen Emil Fackelheim: `Die massakrierten europäischen Juden gehören nicht nur der Vergangenheit an, sie sind die Anwesenheit einer Abwesenheit.´ Das ist der Grund, weshalb `Shoah´ sich nicht so sehr auf Auschwitz (...), sondern auf Treblinka konzentriert, ein Lager, das nur dazu errichtet wurde, um Juden zu vergasen; ein Stück Hinterland, das von den Nazis selbst wieder abgerissen und umgepflügt wurde, in dem Versuch, alle Spuren der 800.000 Morde zu verwischen.

Die Landschaften in `Shoah´ sind nicht minder beschaulich als die in `Fortini/Cani´, doch so viel gespenstischer als diese, dass man es nicht nachvollziehen kann: unter Tannenwäldern und Sumpfgebieten verbergen sich Massengräber, und auf dem Grund eines schlammigen Sees ruht die Asche von Hunderttausenden von Opfern. (...)
Was diese Landschaften miteinander verbindet, sind die Züge, die aus allen Richtungen Europas nach Polen oder in Richtung Osten rattern. Lanzmann gelang es sogar, einen Lokomotivführer aufzufinden, der die jüdischen Transporte fuhr. Eines der wiederkehrenden Bilder des Films zeigt einen Zug, der durch polnische Landschaften fährt oder im Bahnhof Treblinka ankommt, wobei derselbe Lokomotivführer, jetzt faltig und knochig wie ein mittelalterlicher Tod, auf seine unsichtbare Fracht zurückschaut. Diese Züge, so heißt es in `Shoah´, verdeutlichen das Ausmaß an bürokratischer Organisation, dessen es zum Völkermord bedurfte, die augenfällige Tatsache der Transporte und nicht zuletzt den existentiellen Schrecken der Reise. (...)

Was die Landschaften `Shoah´ an Gewicht verleihen, geben ihm die Interviews an Dramatik. Über und kontrastierend zu diesen Bildern aus dem heutigen Polen und Deutschland wird das Zeugnis der jüdischen Überlebenden vernehmlich, von polnischen Augenzeugen und deutschen Nazikommandanten. Doch der Film ist gleichermaßen angefüllt mit Schweigen wie mit Sprechen. Neun Stunden Untertitel ergeben ein Buch von kaum 200 Seiten mit einem breiten Rand. Die Pausen, das Zögern sind manchmal vielsagender als Worte. (...)

Man hat mich oft mit einer gewissen schuldbewussten Neugier, die ich gut verstehe, gefragt, ob man `Shoah´ wirklich ansehen müsse. Ein Gefühl der moralischen Verpflichtung verbindet sich unvermeidlich mit solch einem Film. Wer kann sagen, ob `Shoah´ gut für einen ist? (Man hofft, aber wahrscheinlich vergebens, dass die Rezensenten ein Moratorium des schon herabgesunkenen Slangs von Werbesprüchen erklären werden.) Während ich den Film ansah, kam ich mir manchmal vor wie bei einer Pflichtarbeit; und dennoch stelle ich fest, noch Wochen später, dass mir Landschaften, Gesichtsausdrücke, Klangfarben von Stimmen – die Essenz und das Rohmaterial, aus dem Kino besteht – nicht aus dem Sinn gehen. Der publizierte Text kann in keiner Weise den Film ersetzen; den `Text´ von `Shoah´ kann man nur auf der Leinwand erfahren. Auf der anderen Seite ist das Buch hilfreich, um Lanzmanns Struktur zu begreifen. Denn wenn `Shoah´ zu Beginn auch porös und aufgebläht erscheint, so ist dies gleichwohl ein Film, der sich erst in der Erinnerung wirklich zusammenfügt: erst allmählich werden seine subtilen Querbezüge und seine monumentale Form evident. Es widerstrebt einem, `Shoah´ als Kunst zu betrachten – zu recht, so kunstvoll der Film auch ist.

`Shoah´ lässt den Zuschauer erstarren, er überwältigt ihn, und schließlich – mit unendlicher Zartheit und Behutsamkeit, hinterlässt er bei ihm eine Verletzung, eine Narbe. Es gibt Augenblicke in diesem Film, in denen man es nicht mehr ertragen kann, einen anderen Menschen zu sehen; diese Momente muss man allein erleben. `Shoah´ lehrt uns die Bedeutung des Wortes `untröstlich´. (...)
Beim Verlassen des Kinos mag sich der Zuschauer an den Bericht eines Überlebenden von einem geheimen Ausflug in das `arische´ Warschau am Vorabend des Ghettoaufstandes erinnert fühlen: `Plötzlich befanden wir uns zu unserer Verblüffung auf einer Straße im hellen Tageslicht, mitten unter normalen Menschen. Es war, als wären wir von einem anderen Planeten gekommen.´ Das Schreckliche daran ist: dieser Planet ist der unsere.“

Jim Hoberman: „`Shoah´: Zeugnis der Vernichtung“. In: The Village Voice, New York, 29.10.1985. Zitiert nach: Informationsblatt zu `Shoah´, herausgegeben von dem internationalen Forum des jungen Films / Freunde der deutschen Kinemathek. S. 10/11.