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Wolfram Schütte: „Agonien und Gegenwart der Erinnerung“



„Der 1925 geborene Franzose Lanzmann versucht in seiner 9 ½-stündigen epischen Dokumentation `Shoah´ die Vernichtung der europäischen Juden an den Orten der Verbrechen und durch die Aussage von Zeugen dem Vergessen und Verschweigen, mehr noch: der Geschichte zu entwinden.

Treblinka: der Name des dörflichen Gemeinwesens im südlichen Polen ist auf der ganzen Welt bekannt wie Auschwitz, das nahebei liegt. Es waren Zielbahnhöfe für Todeszüge, die aus ganz Europa unter dem Hakenkreuz nach dorthin geleitet wurden. Die `Todesfabriken´ hat Claude Lanzmann aufgesucht: Chelmno, Belzec, Treblinka, Auschwitz. Dort begannen die Vergasungen, dort wurden sie perfektioniert. Die heute idyllischen Orte, die heute verstreuten Täter, die Augenzeugen an den Orten und die wenigen Opfer, die der spurenlosen Vernichtung ihrer Leidensgenossen entkamen: sie alle hat Lanzmann zum Sprechen gebracht. In 14 Ländern hat er rund dreieinhalb Jahre recherchiert, während 5 Jahren gedreht, und sein Material von 350 Stunden hat er in 4 Jahren geschnitten. Lanzmanns `Shoah´ ist mit 9 ½ Stunden Länge das eindrucksvollste, nachwirkendste Zeugnis einer Erinnerungsarbeit, die bisher über System und Praxis der nazistischen `Endlösung´ versucht wurde.
(...) `Unvorstellbar´ heißt in der Sprache, was die individuelle Phantasie sich zwar vorstellt, aber den Worten vorenthält. Paradoxerweise sind es aber in Lanzmanns `Shoah´ einzig die Worte, ist es die Sprache, sind es die heutigen Menschen, die jetzigen Orte, die allein das `Unvorstellbare´ und `Unfassbare´ so heraufzubeschwören vermögen, dass das Geschehen ein innerlicher Teil der Zuschauer und Zuhörer wird, ohne dass ihnen etwas gezeigt würde; und nur so hält das Medium Film, das immer dazu tendiert, unsere Phantasie zu enteignen, unsere Blicke zu lenken, unsere Gefühle zu dressieren und die Realität zuzurichten, eine Distanz zum Schrecken der wirklichen Tat, - eine Distanz, welche die Würde der Opfer bewahrt ineins mit der Scham der Überlebenden und Nachgeborenen.

(...) `Die Idee, die Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzuheben´, erklärte Lanzmann zu `Shoah´, `war die Basis für die Wahl der Orte und der Charaktere des Films. In Treblinka sprechen die Erde, der Fluss Bug, der Wald, die Männer und Frauen alle vom Holocaust. Sie lassen ihn wiederauferstehen; sie wiederbeleben ihn soweit, dass wir sogar vergessen, dass dreiundvierzig Jahre vergangen sind seit 1942. Die Erinnerungen der Männer und Frauen sind nicht nur wahrheitsgetreu, sondern etwas viel Weitergehendes: sie erinnern jedes einzelne Detail mit einer alarmierenden Exaktheit, und wenn sie sprechen, sprechen sie nicht von ihren Erinnerungen, sondern sie vermitteln den Eindruck, als durchlebten sie diese Erfahrungen jetzt. Die Dampflokomotive, die durch die Nacht fährt und die Brücke über den Bug zwischen Malkinia und Treblinka überquert, ist eine TT2, genau derselbe Zug, der 1942 Güterwagen, gefüllt mit Juden, von Bialystock und Warschau brachte. Da gibt es immer noch dieses schrille Pfeifen, dieselbe Bahnstation, dieselben Gebäude, dieselben Nebenwege entlang der Gleise, dieselben Zuführer und Augenzeugen. Nichts hat sich verändert – dort muss niemand eine Fiktion rekonstruieren oder wiederbeleben. Die Destruktion wird uns visuell geliefert´ - indem Claude Lanzmann die Orte und das Bewusstsein der einmal an ihnen dem Tod entkommenen Menschen (...) miteinander konfrontiert.

(...) Das Kino als ein Ort der Vergegenwärtigung, der Geistesgegenwart und der individuellen Phantasieteilhabe benötigt nicht die exaltierte Ästhetisierung der Realität. Das Kino, das auf die Kraft der menschlichen Wahrnehmung und Erfahrung setzt, kann seinen Adressaten die eigene Beschäftigung, die emotionale und geistige Phantasiearbeit nicht abnehmen. Das Kino, das das Vergangene nicht ins Historische verbannt, verlangt von denen, die es sehen und ihm zuhören, dass sie seine Gegenwärtigkeit selbst produzieren: seine vergessenen Spuren, seine erstickten Schreie, seine Verzweiflungen und seine Hoffnungen, kurz: seine Bilder & Töne. Nur ein Kino, das seinem Zuschauer und –hörer diese Freiheit lässt und zugleich zumutet, kann dem inhärenten Drang des Mediums zum eigenen Totalitarismus entgehen.“

Wolfram Schütte: „Agonien und Gegenwart der Erinnerung“. In: Frankfurter Rundschau, 14.9.1985. Zitiert nach: Informationsblatt zu `Shoah´, herausgegeben von dem internationalen Forum des jungen Films / Freunde der deutschen Kinemathek. S. 11