Diese Seite drucken

Ch. Schultz-Gerstein: „Merkwürdige Distanz."


Claude Lanzmanns neunstündiger Dokumentarfilm `Shoah´ animierte die Rezensenten zum Dienst nach ästhetischer Vorschrift. Jetzt kommt das TV-Werk auch ins Kino“:

„Die öffentlichen Reaktionen waren gedämpft, man tat gerade eben seine Pflicht, den Film nicht einfach zu ignorieren. Schließlich geht es in Claude Lanzmanns auf der Berlinale gezeigten, zuletzt in den dritten Fernsehprogrammen ausgestrahlten Dokumentation `Shoah´ um die deutschen Verbrechen am europäischen Judentum: da mag man sich denn doch nicht Teilnahmslosigkeit nachsagen lassen.
Die Rezensionen gingen freilich merkwürdig auf Distanz, das heißt, sie behandelten `Shoah´ wie irgendein anderes cineastisches Kunstwerk und machten in aller Seelenruhe Dienst nach ästhetischer Vorschrift. `Die Poesie der Landschaft steht in striktem Gegensatz zu den Stimmen, die wir hören, und den Gesichtern, die wir sehen.´ Oder: `Noch nie ist in einem Film die wohlfeile Botschaft von der versöhnenden Kraft umgreifender bodenständiger Zusammenhänge, anmutiger Landschaften und malerischer Heimaten gründlicher demontiert worden.´

Während der `Spiegel´-Rezensent sich hinter dem Film versteckte, ließen sich alle, die noch vor Jahren bei der rauschenden `Holocaust´-Party das publizistische Tanzbein geschwungen hatten, diesmal gar nicht erst blicken. Die Chefs der öffentlichen Meinung fühlten sich durch `Shoah´ nicht angesprochen. Kein Augstein und keine Gräfin Dönhoff waren zu vernehmen.
Schon gut, man kann schließlich nicht alles und jedes kommentieren, und außerdem werden die Juden dadurch auch nicht wieder lebendig. Und, mal ganz ehrlich, ist es nicht langsam, da wir uns dem Jahr 2000 nähern, an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen? Was bringt es denn, die alte Geschichte immer noch einmal aufzurühren? Wir wissen doch nun alles schon. Sechs Millionen Juden sind in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgekommen, na gut, ermordet worden, wem denn so feinsinnige sprachliche Unterschiede wichtig sind. Wir wissen, wie es in den Lagern zuging. Wir haben in Schullehrfilmen die nackten Frauen auf dem Weg zu ihren Mördern, wir haben die Leichenberge und die unwürdigen Schlafstätten gesehen. Wir kennen die Psyche der Täter: seelenlose Bürokraten, für die der Mensch nur ein Aktenzeichen, für die Mord nur eine auszuführende Dienstanweisung war, Menschen wie du vielleicht, aber nicht wie ich.

(...) Während wir so mit der Vergangenheit abgeschlossen haben und sie mit schulbuchmäßigen Reflexen weit von uns weisen, während die Realität der Judenvernichtung sich längst zum abstrakten Anlass und zum Beweis unserer intakten Moral verselbstständigt hat, während es uns, mit einem Wort, in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen an den Juden immer nur um uns ging, werden wir von Lanzmanns `Shoah´-Dokumentation in unserer Eigenschaft als die moralischen Sieger der Nazi-Verbrechen grausam beschämt.
Statt Gelegenheit zur Empörung zu bekommen, müssen wir zuhören, statt die Nazi-Vergangenheit zu bewältigen, müssen wir ihre menschliche Gegenwärtigkeit zur Kenntnis nehmen. Da sitzen sie nun, im Anzug oder im bunten Freizeithemd, die wir nur schwarzweiß als stumme Leichenberge kannten und anders wohl auch gar nicht kennenlernen wollten: Juden, die den Vernichtungslagern lebend entkommen sind, Juden, mit denen wir für die Dauer des neunstündigen Films das Leben in den Vernichtungslagern zu teilen haben, das wir doch nicht mit ihnen teilen können.

(...) Je länger der Film dauert, je häufiger wird mit der Kamera auf den heutigen Gleisen durchs Tor ins (...) verlassene Lager Auschwitz einfahren müssen, während der Mann vom Sonderkommando berichtet, die Toten in den Gaskammern seien wie Steine gewesen, sie seien, wenn man die Tür geöffnet habe, wie Steine von einem Lastwagen gefallen, je länger sich diese Vergangenheit in der Gegenwart des Zuschauers zusammen, desto mehr nimmt auch das Bedürfnis zu, diesem Film zu entkommen und die Flucht zu ergreifen vor den anklagenden Opfer, die freilich wie Lanzmann so brutal sind, niemanden anzuklagen.

`Shoah´ ist ein Film, der, anders als wir oder das Rührstück `Holocaust´, die Schuldfrage nicht stellt, weil die ja auch, man fasst sich plötzlich entgeistert an den Kopf, von den Deutschen damals beantwortet wurde. Da haben wir jahrelang aufgebracht mit Fingern auf die Täter gezeigt, als bestünde irgendein Zweifel an ihrer Täterschaft. Lanzmann hört ihnen zu, er hört denen zu, die wir allemal niederbrüllen würden. Er hätte keine Schwierigkeit, eine Talkshow mit SS-Unterscharführern zu bestreiten. Wir hingegen sind zum Zeichen unserer antifaschistischen Mustergültigkeit empört, wenn, wie vor Jahren geschehen, der Nazi Michael Kühnen zu `III nach 9´ eingeladen, auf unseren Druck hin dann freilich wieder ausgeladen wird.

Nein, in `Shoah´ müssen wir uns das anhören, wie Herr Dr. Grassler, damals stellvertretender NS-Kommissar im Warschauer Getto, sich an diesen Zeitraum beim besten Willen nicht erinnern kann. Die schönen Bergtouren vor dem Krieg, ja, an die könne er sich erinnern, aber die Zeit in Warschau, nein. Ehe wir noch entrüstet dieses Nazischwein einen Lügner schimpfen können, von wegen nichts gewusst, nichts mitbekommen, sinniert er auch schon mit rührender Hilflosigkeit: `Sehen Sie, das Schöne behält man, und das Schlechte verdrängt man. So ist der Mensch. Und das ist doch auch gut so.´ Hat er nicht recht, der Herr Dr. Grassler?
Er hat nur deshalb nicht recht, weil die Juden in Lanzmanns Film, die das Vergessen bitter nötig hätten, es allen in den Gesprächen sichtbaren Anstrengungen der Verdrängung zum Trotz nicht fertig bringen. (...)“

Ch. Schultz-Gerstein: „Merkwürdige Distanz. Claude Lanzmanns neunstündiger Dokumentarfilm `Shoah´ animierte die Rezensenten zum Dienst nach ästhetischer Vorschrift. Jetzt kommt das TV-Werk auch ins Kino“. Szene Hamburg 4/1998. S. 64.