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Claudia Lenssen: „Lachen am Abgrund“


„(...) Faschisten sind zwanghaft, manisch, hysterisch, kurz: sie sind komisch, das weiß man seit Chaplin, Lubitsch, Mel Brooks und Lina Wertmüller. Hört der Schauspielerspaß an den Uniformen, zackigen Bewegungen, geifernden Kommandos und angeklebten Bärtchen auf, wenn die wirklichen Greuel der Faschisten zum Thema werden? Roberto Benigni hat italienische KZ-Überlebende befragt, bevor er mit dem Drehbuch begann. Komik schien seinen beratenden Zeitzeugen ein gutes Heilmittel gegen das Grauen und die Verzweiflung zu sein, die heute noch bei ihnen nachwirkt. Benigni hat es gewagt, einen Film über italienische KZ-Deportierte zu machen, indem er seiner grotesk-zappeligen Kunstfigur – seit zwanzig Jahren auf der Bühne, im Fernsehen und in Filmen ausgefeilt – den Hauptpart auf den Leib schrieb und seinem neuen Werk zu allem noch den Titel `Das Leben ist schön´ verpasste.


Herausgekommen ist ein Film, der die Zwiespältigkeit und Befangenheit vor dem Thema faschistischer Gewalt in der Erzählform offen legt. Benigni verklammert zwei Geschichten: Ein schwadronierender, ewig optimistischer Lebenskünstler will in der Stadt einen Buchladen aufmachen, kellnert bei seinem jüdischen Onkel im Grand Hotel, kämpft mit den Mitteln listig inszenierter Überraschungen um seine Traumfrau und ist schließlich glücklicher Familienvater. Ein assimilierter Jude, der die Widrigkeiten des Lebens nicht als politische Repression, sondern als schlechte Scherze unterspielt. Die Atmosphäre dieser Eröffnungsgeschichte erinnert an die extrovertierte Körpersprache der alten italienischen Komödien, im Tempo, den Running Gags und einem unerschütterlichen Glauben ans Happy-Ending aber auch an Chaplins kurze Filme.
Dann der Bruch, die Deportation, die Überlebensgeschichte der Familie im KZ.


In `Der große Diktator´ von Chaplin oder in `Sein oder Nichtsein´ von Lubitsch gibt es jeweils die humanistische Gegenwelt zu den Faschisten. Chaplin verkörpert dieses Widerstandspotential in seiner Doppelrolle – neben Hitler spielt er auch den kleinen jüdischen Friseur. Bei Lubitsch findet sich die subversive Komik im Maskenspiel einer Schauspieltruppe, die die Nazis mit ihren eigenen Mitteln schlägt, indem sie ihr Imponiergehabe nachahmt. Benigni scheint sich an solche frühen, vor dem Holocaust gedrehten Vorbilder angelehnt zu haben, um Zynismus und Pessimismus in seiner KZ-Geschichte zu vermeiden.
Er gibt nicht vor, den Schrecken abzubilden. Bei der Einfahrt ins Lager wirken Zug und Gleise attrappenhaft, die Backsteingebäude der alten Fabrik scheinen eher entferntes Zitat der berüchtigten Lagergebäude. Dennoch markieren einige wenige Einstellungen – so die Schornsteine – unmissverständlich, wo man sich befindet. So zu tun, als sei alles ein Spiel, ein abgefeimtes Hindernisrennen um tausend Punkte, für die ein echter Panzer als Gewinn winkt – das ist die verzweifelte Tarngeschichte, die sich Benignis Filmfigur Guido hier für seinen kleinen Sohn Giosuè ausdenkt. Das Kind und sein Vater sind die Hauptfiguren in diesem Teil der Geschichte; und ganz ähnlich wie in Chaplins `The Kid´, an dessen Kind Jacky Coogan Benignis Filmsohn Giosuè entfernt erinnert, funktionieren die kindlichen Marotten zwischen ihnen als Chance, sich dem Zugriff der Mächtigen so lange wie möglich zu entziehen.


(...) Wenn Guido, sein Sohn, der Onkel und auch – freiwillig – seine Frau Dora (Nicoletta Braschi) im KZ angekommen sind, gibt es nur noch den ungebrochenen Kinderglauben an die Wirksamkeit des Spiels, der die Handlung bis zum Ende trägt. Die Suche der Drehbuchautoren Vincenzo Cerami und Roberto Benigni nach dramaturgischen Ideen zur fantastischen, aber plausiblen Rettung des Kindes liegt wie ein Gewicht auf dem zweiten Teil. Manche Details vom Anfang entpuppen sich dann als ausgedachte dramaturgische Brücken. (...) Der unheimlichste der vielen guten Nebenfiguren ist der deutsche Arzt Lessing, gespielt von Horst Buchholz, eine perfekte Fassade der Empfindungslosigkeit. Lessing liebt nichts so sehr wie philosophische Rätsel und profitiert von der Klugheit des Juden Guido bei deren Lösung – ein Spiel, das er  auch im KZ einfordert.


Benigni nennt seinen Film eine Fabel, keine reale Begebenheit. Mit diesem schwierigen Stoff, der sich in Komödien- und Tragödien-Episoden teilt, gibt er seiner Komik ein politisches Profil. In Jim Jarmuschs `Down by law´ und `Night on Earth´, in Fellinis `Die Stimme des Mondes´ und in seinen eigenen Filmen seit 1982 verhaspelte er sich mit manchmal anarchischer Lebenslust und hemmungslosen Wortkaskaden dabei, eine kaputte, repressive Welt aus den Angeln zu heben. In `Night on Earth´ redet er sogar einen an Beichten gewöhnten Priester zu Tode.


In `Das Leben ist schön´ ist er ein Komiker, der andere, auch wenn es ihn das Leben kostet, mit seinen Tricks, seinen Späßen und seinem märchenhaften Schönreden vor Traumata schützen will. Am Ende weiß man nicht, ob der kleine Sohn dem schützenden Humor des Vaters glaubte oder ob er die Wahrheit durchschaute. Die Komik dieses kathartischen Missverständnisses wirkt bis zum Schluss: Als der Vater erwischt wird, zwinkert er dem Sohn in seinem Versteck fröhlich zu und imitiert wie ein Kasper den zackigen Schritt des Soldaten. Sogar dem Ende, das wir alle kennen, setzt Benigni trotzig eine absurde Hoffnung entgegen.“

Claudia Lenssen: „Lachen am Abgrund“. Tip 24/98. S. 60f.