Diese Seite drucken

Peter Körte: „Komödie und KZ. Roberto Benignis Film `Das Leben ist schön´ findet nicht die richtige Tonlage“



„Weil das Leben nicht nur grausam ist, sondern auch keine fertigen Drehbücher abzuliefern pflegt, müssen Filme, die sich ostentativ-ironisch `La vita è bella´, `Das Leben ist schön´, nennen, Märchen sein, auch wenn sie von Massenvernichtung, Politik und Zeitgeschichte handeln. Roberto Benignis Film, der in Italien ein großer Kassenerfolg zur Jahreswende 1997/98 war und in Cannes den Regiepreis gewann, möchte uns sein Märchen als nachtschwarze Komödie erzählen, an deren Ende die Macht der guten Phantasie den bösen Schergen ein Schnippchen geschlagen hat. (...) Dass Benignis Film in Italien so erfolgreich war, liegt an der Glaubwürdigkeit und Integrität des Komikers. (...) Und die Geschichte vom Juden Guido (Benigni selbst), der mit seinem fünfjährigen Sohn ins KZ deportiert wird und dem Jungen dort weismachen will, alles sei nur ein Spiel, bei dem es gelte, möglichst viele Punkte zu machen, ist alles andere als spielerisch. Sie ist aber auch kein Tabubruch, über den die Hüter der Moral zu Gericht sitzen müssten. Noch ist es jedenfalls kein Tabubruch, schlechte Filme zu machen.


(...) Benigni müht sich sehr, er stürzt bei seiner Gratwanderung auch nicht ab, doch der Versuch, die Balance zu halten, lässt ihn auch verkrampfen. Und vielleicht liegt das auch daran, dass da kein Abgrund gähnt, in den einer fallen könnte, so harmlos und einfallslos kommt der Film daher. Als Regisseur ist sich der Komiker nicht gewachsen, und entsprechend zäh schleppt sich der Film dahin. Die beiden Teile wirken arg aneinandergepappt, wenn es in der italienischen Kleinstadt zunächst um Brautwerbung und darum geht, ein paar Faschisten-Karikaturen lächerlich zu machen, was Benigni Gelegenheit bietet, ein paar klamottige Solo-Nummern abzuliefern. Neben seinem Guido wirken die übrigen Rollen flach und konturlos, die Musik zieht Fäden wie Sirup. Und der finale Sieg der Einbildungskraft über das Grauen ist nur eine jener gutgemeinten Behauptungen, die sich auch auf den Nenner `pro bono, contra malum´ oder `Die Phantasie an die Macht´ bringen ließe. Als wäre die Phantasie von jeher so glücklich mit dem Guten verheiratet wie Benigni mit Nicoletta Braschi im Leben wie auf der Leinwand.


Sein Sujet kann `Das Leben ist schön´ gar nicht verfehlen, weil er es nie so recht in den Blick bekommt. Das Standard-Argument, der Film verharmlose den Holocaust, bleibt ohne Adressaten. Benigni hat es gut gemeint, doch seine Mittel reichen nicht. Man hat eher ein wenig Mühe, sich zu erinnern, worum es denn nun speziell ging, und nur der Stabreim von KZ und Komödie hält es zusammen. Er sichert dem Film auch jene Aufmerksamkeit, die mit Kino wenig und mit symbolischer Präsenz sehr viel zu tun hat.


Bei der Pressekonferenz in Cannes, wo sich der Regisseur erwartungsgemäß heftig attackiert sah, konterte Benigni mit einer Anekdote über Kafka, die wiedererzählt zu werden lohnt, weil sie klüger und ahnungsvoller ist als der Film selbst. Als der Schriftsteller einmal bei einem Bekannten übernachtete, weckte er beim Schlafwandeln seinen Gastgeber.
Er entschuldigte sich mit den Worten, man solle sich bitte nicht stören lassen und ihn doch einfach als Gespenst betrachten. Es sind genau diese Tonlage, dieser besondere Humor, die der Film nie trifft.“

Peter Körte: „Komödie und KZ. Roberto Benignis Film `Das Leben ist schön´ findet nicht die richtige Tonlage“. FR 12.11.1998.