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H.G. Pflaum: „Wo hört der Spaß auf?“



„(...) Als Lubitsch und Chaplin von der Verfolgung der Juden erzählten, 1940 der eine, 1942 der andere, konnten sie auch deshalb unbelasteter vorgehen, weil sie das volle Ausmaß des Grauens noch nicht kannten. Einen Sicherheitsabstand haben sie dennoch eingehalten. Roberto Benigni ignoriert ihn. Vielleicht ist es an der Zeit, so unbefangen vom Holocaust zu erzählen, wie es der italienische Komiker mit `Das Leben ist schön´ riskiert: nicht analytisch, sondern emotional. Benigni geht es weit mehr darum, sein Publikum zum Fühlen zu zwingen als zum Denken anzuregen. Bewegend und ergreifend komisch ist sein Film allemal. Groß ist er nicht.


Der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller mag seine guten Gründe haben, den Film in zwei Teile zerfallen zu lassen; der erste erzählt in wunderschönen, von Licht durchfluteten und schwerelosen Bildern, wie Guido und sein Freund Feruccio nach Arezzo kommen, um in dem toscanischen Städtchen ein neues Leben zu beginnen. Die Bremsen ihres Autos sind defekt, doch die leichte Tonart der Inszenierung mit ihren Slapstick-Gags verspricht: Nichts kann schief gehen. Dies bleibt über weite Strecken das Prinzip des Films, auf das sich auch sein Held lange verlassen kann.


Guido erobert mit seinen komischen Auftritten sogar die schöne Dora und brennt mit ihr durch, als ein faschistischer Bürokrat mit ihr Verlobung feiern will. Die Zeit, in der alles umkippt, weil es plötzlich zur Frage von Leben und Tod wird, ob Guido Jude ist, übergehen Benigni und sein Coautor Vincenzo Cerami; als würde das Tempo der Komödie die Schilderung von Entwicklungen nicht vertragen, ignoriert der Film ein paar Jahre des Zweiten Weltkriegs.
(...) Die Deutschen sind es, die alles zu verantworten haben, die Güterwaggons, den Terror im Lager, die Ermordung der Kinder und der Alten. Die Täter sprechen deutsch, die Opfer italienisch. Das macht die Geschichte für Italiener einfacher.


Guido muss den kleinen Giosuè verstecken, um ihm das Leben zu retten. Weil er ihn vor dem Grauen schützen will, flunkert er dem Kind vor, alles sei nur ein Spiel, in dem man Punkte sammeln und am Ende einen Panzer gewinnen könne. Diese irrwitzige Konstruktion durchzuhalten bedarf der unglaublichsten tragikomischen Anstrengungen, zumal der Junge schon gehört hat, dass man aus ihnen `Knöpfe und Seife´ machen würde.


Im Grunde verbindet Benigni hier zwei Motive aus Frank Beyers Defa-Filmen `Nackt unter Wölfen´ und `Jakob der Lügner´, beide nach Vorlagen entstanden, deren Autoren Bruno Apitz und Jurek Becker zu den Überlebenden des Holocaust gehören. Dass Benigni nicht über eigene Erfahrung verfügt, kann man ihm nicht anlasten. Nur hängt damit das Grundproblem seines Filmes zusammen: Keine Erinnerung kann den Regisseur daran hindern, sein Potential als Komiker auszureizen und die Geschichte seiner eigenen Virtuosität zu unterwerfen. Die hinreißend komischen Nummern, die Benigni hier erfindet, machen auch vor der zweiten Hälfte nicht halt. Guidos Bewerbung als Kellner oder sein Auftritt als römischer Schulinspektor funktionieren nach dem gleichen komischen Prinzip wie seine fingierte Übersetzung der Anweisungen eines deutschen Wachsoldaten.


`Das Leben ist schön´ ist mindestens so sehr ein Film über den Komiker Benigni wie über den Holocaust, ein durch und durch egozentrisches Werk, das selbst die anderen Opfer im KZ zu Statisten erklärt. Alles sei nur Fiktion, ein Märchen, hat der Regisseur erklärt und genau das zum Prinzip erhoben, was der Schriftsteller Leon de Winter als `Fiktionalisierung des Holocaust´ beklagt hat. Mag der Titel `La vita è bella´ auf Frank Capra verweisen – Benigni kann den Schwebezustand zwischen Phantasie und Wirklichkeit nicht durchhalten, weil er ständig Gefahr läuft, sich den Holocaust als Metapher dienstbar zu machen. Wenn Guido und sein Kind bei Nacht und Nebel vor einem schemenhaften Leichenberg stehen, ein fast halluzinatorisches Bild, entrückt der Film den Genozid in die Regionen eines Alptraums.
In Details imitiert Benigni dann doch die Wirklichkeit: die Einfahrt des Zugs im Konzentrationslager, die Garderoben vor den Gaskammern. Märchenhaft verfährt der Regisseur vor allem dann, wenn es den eigenen Auftritten dient und den tragikomischen Spielraum seines Filmepos erweitert. (...)“

H.G. Pflaum: „Wo hört der Spaß auf?“ SZ 12.11.1998.