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Jan Schulz-Ojala: „Spiel ohne Grenzen. Contra.“

 

„In Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ sehen die KZ-Häftlinge alle irgendwie schön aus: die Männer wie eine Fußballmannschaft auf Diät, die Frauen nicht kahlrasiert, sondern mit grauen Kopftüchern überm Wallehaar, und darunter große, traurige Augen in nur wenig verhärmten Gesichtern. Die Baracken sind trockene Räume mit schön solide gezimmerten, wenn auch harten Dreistockbetten, die Verbrennungsöfen rauchen, aber nur ein bisschen, und sogar das KZ-Wetter ist schön: blauer Himmel über Kreidefelsen. Kurzum: das Wissen um die Lager, selbst das rudimentärste – unkenntlich gemacht. Stattdessen fast Goethes Italien.
Ein Operetten-KZ? Ja, wenn es wenigstens eins wäre, eins, das die Farcenlust eines Lubitsch oder Chaplin, des Philosophen unter den Clowns, widerspiegelte! Oder will sich Benigni gar über die Lager selbst lustig machen? Das wäre immerhin politisch. Benigni hat eher ein ästhetisches Problem. Er muss sein Kintopp-KZ so harmlos inszenieren, weil seine humoristisch gemeinte Parabel auf Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung sonst nicht funktioniert. Er muss schönen, beschönigen, lügen – nur so entwickelt die One-Man-Show von der aus Vaterliebe geleugneten Wirklichkeit jenes Parfüm, das nach den Lach- die Freudentränen in die Augen treibt. Benigni ist schon ein Kunststück gelungen: Er schmäht die Opfer und nimmt sie zugleich als Geiseln für die gute Sache.


Schon über `Schindlers Liste´ sagten KZ-Überlebende in sanfter Doppeldeutigkeit, es sei genau so und zugleich noch viel schlimmer gewesen. Durfte Spielberg diese Bilder inszenieren, wurde damals gefragt – und es war der Dokumentarfilmer Claude Lanzmann, der die Frage, ob man den Holocaust überhaupt nachstellen könnte, am entschiedensten mit `nein´ beantwortete. Spätestens seit Benignis lustig-listiger Trittbrettfahrt bin ich versucht, den Lanzmannschen Fundamentalismus für einzig anwendbar zu halten. Dabei inszenierte Spielberg das Lager noch aus einem im Ansatz dokumentarischen Impetus. Benigni dagegen benutzt die Bildwelt des KZ nur als Kontrastmittel für eine Story, die es sich zunächst in der Klamotte zum Erbrechen bequem macht, um dann die Pointen allenfalls ein wenig vorsichtiger zu setzen. Fast heuchlerisch wirkt diese Pietät, nachdem erst einmal die Schändung vollzogen ist. Aber stört das den erfolgsverwöhnten Clown Benigni, wenn nur der Beifall groß genug bleibt – von der richtigen und von der falschen Seite?


(...) `Zug des Lebens´ heißt ein wunderbarer Film des Rumänen Radu Mihaileanu, der dieses Jahr in Venedig vorgestellt wurde und hoffentlich bald auch in unsere Kinos kommt. Fast ein subtiler Gegenentwurf zu Benigni, erzählt er in schönster Lubitsch-Tradition, wie sich die Bewohner eines osteuropäischen Shtetl selbst in einem Güterzug deportieren. (...) Die Schärfe des Humors und das tiefe Wissen darum, wann der Spaß aufhört – eine Gabe des Juden Mihaileanu, die dem Nichtjuden Benigni abgeht? Der Rest ist der Alptraum dieses Jahrhunderts. Auch wenn wir uns manchmal nicht zu erinnern meinen: Wir träumen ihn alle.“

Jan Schulz-Ojala: „Spiel ohne Grenzen. Contra.“ Tsp 12.11.1998.