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Thomas Brussig: „Das Leben ist schön. Eine Empfehlung, ins Kino zu gehen.“

 
„(...) Was, eine KZ-Komödie? Geht das überhaupt? Ganz neu ist die Idee nicht. Das deutsche (Lese-)Publikum sah sich bereits mit der Meinung des Holocaust-Überlebenden Imre Kertész konfrontiert, von den grauenhaften Geschehnissen unbedingt auch das Lachhafte zu bewahren. In seinem `Roman eines Schicksallosen´ weigert sich der Ich-Erzähler konsequent, den Holocaust mit den heutigen, eingeübten Begriffen zu erzählen. Stattdessen schildert er mit einem naiven Blick, wie ihm allerlei Absonderliches widerfuhr, alles nicht schön, aber doch unspektakulär.


Jüngst hat Imre Kertész die Zerrissenheit der wenigen noch lebenden Holocaust-Zeitzeugen beschrieben: Einerseits ist es `ihr´ Holocaust, von dem nur sie wissen, was sich tatsächlich abgespielt hat, und jeder Beitrag Nichtbeteiligter, ob als Film, Buch, Reportage oder bloße Gesprächspartnerschaft, mischt Halbwissen in die `pure´ Erfahrung, die sich durch nichts ersetzen lässt. Andererseits erschwert dieser Anspruch auf Exklusivität den Generationswechsel in der Holocaust-Auseinandersetzung. Und der ist nötig: Zeitzeugen wird es bald nicht mehr geben, und auch die Fakten sind bekannt,
Das Diktum `Der Holocaust darf nie vergessen werden!´ hat die Kehrseite: Der Holocaust kann vergessen werden. Und wer mahnt, dass die Erinnerung daran wachgehalten werden muss, der ahnt zumindest, dass sie schon eingeschlafen ist. Die Formel des Bundespräsidenten, dass eine lebendige Form des Erinnerns noch nicht gefunden wurde, beschreibt die Situation. Und nun haben wir diesen Film, den man sich, mit Verlaub gesagt, sogar freiwillig ansehen kann.
Die erste Hälfte, die bereits im Faschismus spielt, ist Slapstick wie bei Laurel & Hardy: Es wird gerannt, gepurzelt, geohrfeigt, geküsst, versteckt, stibitzt, geschwindelt, getrickst, angebetet und verkleidet, es geht um rohe Eier, defekte Bremsen und scheppernde Tabletts. Die Leute fallen auf den Arsch und gucken dumm aus der Wäsche, und Guido, ein putzmunterer jüdischer Kellner (gespielt von Roberto Benigni) zieht sich immer trick- und ideenreich aus der Affäre. Im Konzentrationslager, wo die zweite Hälfte des Films spielt, setzt Guido verzweifelt all seinen Einfallsreichtum und seine Improvisationskunst ein, um seinem Sohn Giosuè das Leben zu retten. Zu welchen Mitteln er greift, auf was für Ideen er kommt und wie er sich immer wieder selbst übertrifft – das fand ich unglaublich komisch. (...)


Was mich auch sehr für diesen Film einnimmt, ist, dass er im Gegensatz zu `Schindlers Liste´ seinen Zuschauern die Wahl lässt, für oder gegen ihn zu sein. Man darf  `Das Leben ist schön´ nicht mögen. Zum Beispiel, weil man nicht über Slapstick lachen kann oder weil das Cineastische zu kurz kommt. Steven Spielberg überwältigte mit einer allseits anerkannten moralischen Botschaft, und seine Zuschauer haben keine Chance, sich dem zu entziehen. Spielbergs Film wird vor allem den Opfern gerecht, Benignis Film dem Anspruch, `lebendige Formen des Gedenkens´ zu finden.


Wo keine Komik ist, droht Moral sehr schnell moralin zu schmecken. Schon Erich Kästner sprach von einem symbiotischen Verhältnis zwischen Unterhaltung und Moral: Das Unterhaltende macht das Moralische erträglich, und je moralischer man zu werden beabsichtigt, desto unterhaltender muss man sein. Umgekehrt braucht auch das Unterhaltende eine echte Moral. Soll das heißen, dass uns in Zukunft Komödien die Beschäftigung mit dem Holocaust versüßen? Daran ist nichts Schlechtes zu erkennen – solange die Kunst nicht versucht, sich selbst als das Faktische zu maskieren. In Benignis Film sind die Kulissen immer als Kulissen erkennbar. Sowohl die Geschichte als auch das Interieur lassen nie einen Zweifel daran aufkommen, dass das, was wir sehen, nicht so war.


Die Kunst hat es nicht leicht, sich gegenüber diesem Thema zu behaupten (...). Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust, scheint mir, will sich immer wieder durch Authentizität aufwerten. (...) Benigni hat viel riskiert, denn er ist einen Schritt weiter `in die Kunst´ gegangen. `Mit dem KZ spielt man nicht´, hieß die Formel nach den Corino Enthüllung über die `geschönte´ `Autobiographie´ Stefan Hermlins und seiner unwahren Existenz im Konzentrationslager. Benigni hat nicht `mit dem KZ gespielt´, er hat nicht herumgestümpert, sondern er hat als Filmkomiker eine Sache hervorragend gemacht. (...)


Ein neuer Stil des Wachhaltens der Erinnerung an das Menschheitsverbrechen schlechthin vermag die reflexhaft geführten Diskussionen, die öden politischen Korrektheiten, die verkrampften Bekenntnisrituale gleichsam zu durchlüften. Es ist schon ein Glücksfall, dass `Das Leben ist schön´ gerade jetzt in die deutschen Kinos gekommen ist.
Deutsche, seht `Das Leben ist schön´! Sie werden diesmal nicht mit dem beruhigenden Gefühl aus dem Kino gehen, nunmehr ihrer Bürgerpflicht nachgekommen zu sein, sondern Sie werden einen bewegenden, komischen und weisen Film gesehen haben.“

Thomas Brussig: „Das Leben ist schön. Eine Empfehlung, ins Kino zu gehen.“ FAZ 31.12.1998.