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Zeitgenössische Filmkritiken


1. Walter Lenning betrachtet „Ehe im Schatten“ in der Berliner Zeitung als ein „Bekenntnis zur Verantwortlichkeit“, das deutlich macht, „was uns den Hass der Welt zugezogen hat“.

„Ein Film wie dieser zieht noch einmal den Vorhang zurück und zwingt die Unzähligen, die sich mit solcher Hingabe schon wieder selbst zu bemitleiden beginnen, klar darüber nachzudenken, was uns den Hass der Welt zugezogen hat und was einer Welt, die in einer anderen Seelenverfassung als wir lebt, das Vergessenkönnen so schwer macht...

Es ist die unerbittliche Handlung, die uns alle während der Vorführung zu Einbezogenen und Beteiligten werden lässt, und zwar geschieht das genau von dem Moment an, wo auf Hiddensee eine Tafel aufgestellt wird: `Juden unerwünscht´. (...) Es wäre (...) ein ganz abwegiges Unterfangen, diesem Werk mit vorwiegend ästhetischen Maßstäben zu Leibe zu rücken... Dieser Film packt die Deutschen nicht so sehr beim schlechten Gewissen, sondern bei den verdrängten Erinnerungen, sein unzweifelhaftes Verdienst ist es, dass er nicht mit dem billigen und falschen Eindruck entlässt: daran sind nur die bösen Nazis schuldig! Diese Distanzierung wird verhindert, und deshalb liegt dieser Film `richtig´, und jeder andere Einwand hat zu schweigen...

Eine Zahl guter und bemühter Kräfte stand bei diesem Defa-Film Kurt Maetzig für seinen Regieerstling zur Verfügung (...) Es war erfreulich, dass es gelang, bei der Uraufführung der `Ehe im Schatten´ die Sektorengrenzen einmal niederzulegen. Es gibt eine Einigkeit des Bekenntnisses zur Verantwortlichkeit, das uns viel mehr Sympathie in der Welt verschaffen kann als Beschönigung und Leugnung, Dieser Film aktiviert die Bereitschaft dazu, und deshalb ist er wichtig.“

Berliner Zeitung, 14.10.1947.



2. Der Evangelische Film-Beobachter sieht die Stärke von Maetzigs Film eben darin, dass er keine Anklage formuliert, sondern den Ruf nach „Vergeben und Verzeihen im christlichen Sinne“.

„Immer wieder hat die Nachkriegsproduktion um Filme gerungen, mit denen sie den Geschehnissen der jüngst vergangenen Zeitläufe gerecht werden, mit denen sie den Beschauer ergreifen und nachdenklich stimmen wollte, um ihn aus der Resignation und Blasiertheit dieser letzten Jahre zu lösen. Der Beschauer wurde über diesem Bemühen müde, gleichgültig und - was das Gefährlichste sein musste – er opponierte gegen diese Versuche, die ihm als gut gemeinte Filmwerke vorgesetzt wurden, in ihrer aufdringlichen Tendenz ihn aber immer wieder seiner großen Schuld bezichtigen. Der Ruf nach dem Abschluss einer nicht enden wollenden Anklage, nach einem Vergeben und Verzeihen im christlichen Sinne verhallte in der steigenden Produktion.

Fast zwei Jahre erst nach seiner Uraufführung (unverständlich erscheint uns dieses Versäumen) sehen wir den DEFA-Film `Ehe im Schatten´, der mit seinen echten Erschütterungen einen müden, nicht mehr aufgeschlossenen Beschauer antrifft. Der Film spricht den Besucher vom Menschlichen her an. Nicht der erhobene Finger, nicht die Anklage, sondern der Ruf nach der Menschlichkeit zeichnet ihn aus. Das tragische Schicksal einer Familie im Dritten Reich wird uns vor Augen geführt. Dass dieses Schicksal annähernd den Tatsachen entspricht, dürfte uns allen bekannt sein, und damit wird jedermanns Gewissen angerufen, der damals meist nur aus Furcht vor dem eigenen Schaden geschwiegen hat. (...)
Wahrheit und etwas Dichtung schufen einen Film, der das Menschliche dem Terror gegenüberstellt, bedrückend und befreiend zugleich. Wir sehen ihn mit dem Blick der Überlebenden. Auch der Geheilten?

Seine Mängel, eine nahezu sentimentale Sterbeszene und einen etwas missglückten Schluss, wollen wir nicht übersehen; sie fallen aber kaum ins Gewicht.

In der innerlichen Darstellung Paul Klingers lebt die Persönlichkeit Gottschalks neu auf und es scheint uns in manchen Szenen, als spiele Gottschalk selbst sein eigenes Leben. In weiteren Rollen Ilse Steppat als die Frau Gottschalks, Willi Prager als jüdischer Arzt, Alfred Balthoff als verfolgter jüdischer Schauspieler und Claus Holm als der vom Schicksal getriebene Typ eines Nationalsozialisten. `Ehe im Schatten´ ist ein Film, dem wir uns nicht verschließen können, als Christen nicht verschließen dürfen.“

H.H. in: Evangelischer Film-Beobachter Nr. 8, 16.4.1949.


3. Anhand einer Aufzählung von Filmmotiven unterstreicht der Nachtexpress aus Berlin die Realitätsnähe, die „Ehe im Schatten“ erreicht. Dem gegenüber gestellt wird die untrennbare Liebe des Ehepaars Wieland.

„Dieser Film von Hans Wieland, dem Schauspieler und Elisabeth Maurer, die er heiratet, ist dokumentarisch. (...) Und es ist vielfach eine Bilderchronik des Hakenkreuz-Berlin. In der Straßenszene nach der Reichstags-Brandstiftung. In den Aufnahmen von Etappen der vordringenden `rassischen Reinigung´ in den Filmstreifen der Scherbennacht, von Demolierung und Plünderung, nicht behindert durch die Schupo. Er überblendet ins Jahr 1943, in eine Bombennacht, in der abermals zertrümmertes Glas das Pflaster bedeckt. Klopfen im Radio: Hier ist England! Angst bei jedem Läuten. Gespenstischer Besuch eines Illegalen. Denunziantentum. Gestapo. Luftschutzloch an der Kellertreppe, für die Verfemten. Ein Verzweifelnder, der während des Angriffs draussen herumirrt. Selbstmord einer Zwangsarbeiterin in einer Rüstungsfabrik. Das NS-Kartenamt mit dem sachlichen Naziweib, das der Frau eines Gefallenen Verschickung diktiert. Die Psychose der anmaßenden Bosheit, der Grausamkeit schwelt. Der Oberregierungsrat (...), der an der Flucht des Ehepaars Wieland in den Tod die Schuld trägt, hat in seiner Schwäche und Feigheit ein Gesicht von bedrückender, erlebter Wahrheit. Er fordert von Wieland die Scheidung, und auch das ist ein aktenmäßiger Tatbestand. Aber der Film `Ehe im Schatten´ ist zugleich der Film eines seelischen Dramas, gesehen vom Schicksal der Opfer aus. (...) Elisabeth (...) ist nicht mehr die Berufskollegin ihres Mannes. Sie ist abgedrängt aus der Welt, der sie und er gemeinsam angehörten. Spannungen, die sofort beseitigt sind, als er sich an sein Gelöbnis, sie zu schützen, erinnert. Die Untrennbarkeit der beiden, je lastender die Not und Gefahr werden, sie ist die von `Ehe im Schatten´ mit erschütternder Kraft festgehaltene Melodie.“

P.W. in: Nacht-Express, Berlin, 4.10.1947.