Diese Seite drucken

Billy Wilder: „Man sah überall nur Taschentücher“


„Gestern habe ich `Schindlers Liste´ zum dritten Mal gesehen, und nächste Woche werde ich noch mal hingehen, zusammen mit meiner Frau. Sie mag Kriegsfilme eigentlich nicht, aber dieser Film, mein Gott, das ist kein Film, das ist ein Erlebnis. Ein Dokument der Wahrheit. Ich war danach so erschüttert, dass ich eine Stunde lang kein einziges Wort rauskriegen konnte. Den anderen im Kino ging es genauso, man sah überall nur Taschentücher.


Schon nach den ersten zehn Minuten hatte ich vergessen, dass es sich um einen Film handelt. Ich achtete nicht mehr auf den Winkel der Kamera und all das technische Zeug – ich war nur gebannt von diesem totalen Realismus. Es fängt an wie eine Wochenschau damals – sehr schwer zu inszenieren, dass das wirklich wahr wirkt. Und glauben Sie mir, diese Szenen sind so authentisch, es läuft einem kalt den Rücken herunter. Ich habe einen großen Teil meiner Familie in Auschwitz verloren, meine Mutter, meinen Stiefvater, meine Großmutter – das ganze Elend kam wieder in mir hoch. Ich saß da und sah auf der Leinwand, wie die Juden zusammengetrieben wurden, rein in die Züge, die sie zur Vergasung deportierten – und meine Augen richteten sich auf die Menschenschlange, irgendwo in der Menge muß meine Mutter sein, aber ich konnte sie nicht finden. Ich hatte längst vergessen, dass es ja bloß ein Film ist. Und es ist ja tatsächlich mehr als bloß ein Film: `Schindlers Liste´ ist ein Meilenstein.


Es gibt nur wenige Filme, die eine solche Wucht haben, dass es mich regelrecht aus dem Kinosessel katapultiert – so mitgenommen ist man, so aufgerüttelt, dass man aufspringen möchte. Ich kann in dieser Größenordnung nur drei Filme nennen: `Panzerkreuzer Potemkin´, `Die Schlacht um Algier´ und `Schindlers Liste´.


Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, aber ursprünglich war ich es, der `Schindlers Liste´ drehen wollte. Als der Roman herauskam, dachte ich sofort, den muss man unbedingt verfilmen. Ich sprach mit Universal, aber das Studio hatte die Rechte bereits für Spielberg gekauft. Eine Zeitlang überlegte Spielberg, ob ich Regie führen sollte und er wäre Produzent. Aber dann zerschlug sich das, und Spielberg wollte alles selbst machen. Er hat ja zudem noch – während der Dreharbeiten zu `Schindlers Liste´ - am Schnitt von `Jurassic Park´ gearbeitet.
Man stelle sich das mal vor: Abends, nach Drehschluß, kamen via Satellit von Hollywood nach Polen die Dinosaurierszenen, und er montierte sie – zwei gigantische Filme gleichzeitig. Der Mann ist sehr außergewöhnlich. Ich halte ihn für den größten Regisseur unserer Zeit. Den Erlös aus den Einspielergebnissen von `Schindlers Liste´ will er für einen guten Zweck spenden. Wirklich sehr außergewöhnlich.


Ich bin überzeugt, er wird in diesem Jahr endlich den Oscar kriegen. Ich habe schon immer für ihn votiert, aber diesmal kommt keiner darum herum. (...) Spielberg trifft uns mitten ins Herz, noch Monate später kann man den Film nicht vergessen. Und das ist selten heute. Meistens erinnert man sich doch schon am Mittwoch nicht mehr an den Film, den man am Montag gesehen hat. Ich habe das Spielberg auch genauso geschrieben. Ich habe ihm ein Fax geschickt, und er hat mit einem sehr netten Brief geantwortet. Ich habe geschrieben: Ich habe keine Ahnung, wie ich den Film gemacht hätte, aber ich weiß, dass man ihn nicht besser hätte machen können. Das Gefühl, das ich am seltensten habe, ist Respekt. Und für `Schindlers Liste´ habe ich Respekt.


Ich bin jetzt sehr gespannt, wie der Film im Land der Glatzköpfe ankommt. In Deutschland, in Österreich, in Orten wie Karlsruhe oder Linz. Werden Neonazis die Vorführung torpedieren? Werden überhaupt Leute hingehen und sich damit konfrontieren wollen? Oder wird dieses Kapitel lieber verdrängt?


Wissen Sie, die wichtigste Funktion dieses Filmes ist: Er hält für alle Zeiten fest, dass diese unfassbaren Greuel wirklich geschehen sind. Wir dürfen das nicht vergessen. Mit den Jahren legt sich Staub über die Geschichte, sie wird verdrängt, sie wird vergessen – die jungen Leute, die heute ohne das Bewusstsein aufwachsen, zweifeln bereits an, dass so etwas Grauenhaftes im kultivierten Goethe-Land wirklich geschehen ist. Die Auschwitz-Lüge. Ach was, sagen immer mehr Leute, Konzentrationslager, Vergasung, das existiert bloß in der Phantasie der Juden. Ich erlaube mir da jeweils die Frage: Wenn die Konzentrationslager und die Gaskammern alles Einbildung waren, dann sagen Sie mir bitte, wo ist meine Mutter? Wo finde ich sie?“

Billy Wilder: „Man sah überall nur Taschentücher“. In: Süddeutsche Zeitung MAGAZIN. 18.12.1994.