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Franz Everschor: „Schindlers Liste“


„Es ist eine Sache, den Holocaust mit Worten zu beschreiben, eine ganz andere, ihn 50 Jahre später in Bildern und Szenen nachvollziehen zu wollen. Kann man Ereignisse von solch horrender Inhumanität überhaupt dramatisieren? Mehr noch, ist Steven Spielberg, der Meister kindlicher Abenteuerlichkeit und romantischer Jugendphantasien, der richtige Mann dafür? Man hörte von Spielbergs fast zwanghafter Besessenheit, als Jude der nachgewachsenen Generation gerade diese Geschichte auf die Leinwand bringen zu wollen. Man las von seiner unbeirrbaren Beharrlichkeit, mitten im Zeitalter der immer opulenteren, aber auch immer äußerlicheren Filme in Schwarzweiß zu drehen, ausgiebig die Handkamera zu verwenden und auf Studioaufnahmen soweit möglich zu verzichten. Doch konnte man dem Regisseur, dessen Ruhm mit `E.T.´ (...) und den `Indiana Jones´-Filmen begründet wurde, der zwischen `Die Farbe Lila´ (...) und dem `Reich der Sonne´ (...) durch seine Sentimentalisierung an jedem realistischen Sujet gescheitert ist, zutrauen, den schrecklichsten Massenmord des 20. Jahrhunderts fürs Kino nachzustellen?


Der fertige Film enthebt weiterer Spekulationen. Er ist besser als erwartet und schlechter als erhofft. Warum? Weil Spielberg auch mit Handkamera und Schwarzweißfilm (einem extrem hart kopierten Schwarzweißfilm übrigens) nicht in der Lage ist, etwas völlig anderes als einen Hollywoodfilm zu machen. Weil aber gleichzeitig in der Gigantomanie der Szenerien und Ereignisse die kleinen, scheinbar unwesentlichen, aber doch so bezeichnenden Details nicht untergehen. Als Kritiker, dem Alain Resnais’ `Nacht und Nebel´ (...) über Jahrzehnte hinweg nicht aus dem Gedächtnis geht, muß man sich `Schindlers Liste´ mit Vorsicht und Geduld nähern; denn für inzwischen zwei Generationen von Kinobesuchern ist er einer der intensivsten Kontakte mit einem Thema, dessen fortwirkendes Leid auf der einen und dessen unverdrängbare Schuld auf der anderen Seite historische Barrieren aufgerichtet haben, die weder mit Kompensationsgeldern noch mit dem Preis des schlechten Gewissens eingeebnet werden können.


Es ist nicht zu leugnen, dass jede noch so kurze und vom Zeitablauf getrübte Dokumentarszene, jedes halbvergilbte Foto aus den polnischen Ghettos die Unbegreiflichkeit und den Horror jener Jahre tausendfach stärker vermittelt als Spielbergs akribische, aber eben doch nicht authentische Nachgestaltung historischer Vorgänge. Das gilt deutlicher für die KZ-Sequenzen als für die halbwegs fassbaren Bilder aus Krakau. Glücklicherweise wird der gelegentlich durchbrechende Cecil-B.-De Mille-Stil von Spielberg immer wieder rechtzeitig in die Schranken gewiesen. Er muß instinktiv gespürt haben, dass jeder Dramatisierung des Holocausts Grenzen gesetzt sind, auf der Leinwand noch mehr als auf dem kleinen, ungenaueren Bildschirm. Deshalb konzentriert er den Blick des Zuschauers stets auf individuelle Ereignisse. Wahrheit und Wirkung seines Films liegen im Detail und nicht in der Totale. Es sind die alltäglichen Monstren vom Schlage des Kommandanten Amon Göth, die seelische Verwundung der jungen Jüdin, die er in seinem Haus als Dienstmädchen beschäftigt, das kleine, zu niemandem mehr gehörende Kind im allgemeinen Chaos, und der zu Tode erschrockene Junge, der sich im Kot einer Latrine versteckt, die die Schreckensgeschichte erzählen.


Vor allem aber ist es jener joviale, selbstbewusste Bär von einem Menschen, den der überlebende Poldek Pfefferberg heute seinen Jesus Christus nennt, dessen schwer erklärbare und noch schwerer darstellbare Wandlung zum selbstvergessenen Menschenretter die ideologische und sadistische Verführung so vieler Zeitgenossen entlarvt. (...) Für die überlebenden Schindler-Juden ist Oskar Schindler ein Held und ein Engel zugleich. Die Widersprüche seines ausschweifenden Lebens galt es darzustellen, und Spielberg triumphiert in dieser gewiß nicht leichten Aufgabe. Den komplexen Charakter dieses Mannes zu beschreiben, gelingt ihm mit großer Glaubwürdigkeit. Er lässt sich nicht darauf ein, etwa Stadien einer inneren Wandlung zu fixieren, sondern er lässt den großen, robusten, lebensfreudigen Mann durch den Albtraum einer immer mehr aus den Fugen geratenden, immer pervertierteren Welt gehen, scheinbar unbeirrt und doch gelegentlich innehaltend, äußerlich kaum verändert und doch inwendig aufgerissen. Die Menschen um ihn herum, gleich ob Nazis oder Juden, sind alle eher unterspielt in ihrem Sadismus oder in ihrem Schmerz. Sie gewinnen dadurch an Intensität und bieten ein glaubhaftes Umfeld für jene Figur, deren Menschlichkeit in einer Situation, die alle Wertbegriffe auf den Kopf gestellt hat, leicht als unbegreifliche Absurdität erscheinen könnte.


Wenn der Film zu Ende geht, muß man Spielberg zugute halten, dass er mehr, als man zuvor vermutet hätte, seiner Neigung zur Emotionalisierung entsagt hat. Umso mehr wundert es, dass er bei der Wahl der Musik wenig Sensibilität beweist und seinen Hauskomponisten John Williams genau jene Gefühligkeit mobilisieren lässt, die seine ehrgeizig quasi-dokumentarische Gestaltung zu vermeiden weiß. Mit einem der besten Drehbücher der jüngsten Hollywood-Geschichte ausgestattet, bemüht er sich, stets nicht mehr in Bilder umzusetzen, als die Geschichte ihm vorgibt. Einige Male verrennt er sich in Klischees (z.B. der klavierspielende SS-Offizier während einer `Säuberungsaktion´), doch im allgemeinen muß man ihm bescheinigen, dass er im Rahmen seines in Hollywood geprägten Denkens beharrlich versucht, bei der nackten Wahrheit zu bleiben, statt sie in eine melodramatische Legende umzumünzen. Nur einmal, kurz vor Schluß des über dreistündigen Films, geht sein Trieb zur Sentimentalisierung mit ihm durch – beim Abschied Schindlers von `seinen´ Juden. Man mag es ihm verzeihen angesichts der weitaus größeren Gefahren, die er zuvor gemeistert hat. (...)“
Franz Everschor: „Schindlers Liste“. Filmdienst 4/94.

„Die Dramatisierung eines dokumentarischen Romans über den nationalsozialistischen Industriellen Oskar Schindler, der in Polen mehr als 1100 Juden das Leben gerettet hat. In zurückhaltendem Schwarzweiß und vorwiegend an Originalschauplätzen gedreht, überzeugt der mehr als dreistündige Film vor allem in der Darstellung von Personen und Details, die sich zu einem bewegenden Zeugnis aktiver Menschlichkeit in einer unmenschlichen Umgebung verdichtet. Nicht ohne stilistische Mängel und Anleihen an den Hollywood-Stil, doch insgesamt auf hohem Niveau und von großer Eindringlichkeit. Angesichts von Neonazis und wieder aufflackerndem Antisemitismus ein Pflichtprogramm. – Sehenswert ab 16. Kinotip der Katholischen Filmkritik.“ Filmdienst 4/94.