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Fritz Göttler: „Bilder töten die Imagination. `Schindlers Liste´ in Claude Lanzmanns Sicht.“

 
„(...) Hollywood und der Holocaust, Spielbergs großes Unternehmen hat auch Bedenken provoziert, Unverständnis und Zorn. Nun hat sich einer zu Wort gemeldet, auf dessen Meinung viele gewartet haben dürften. Am Donnerstag nahm, anlässlich der Pariser Premiere, in der Zeitung Le Monde Claude Lanzmann Stellung zu Spielberg, durchaus im sicheren Gefühl, dazu berufen zu sein: Über ein Jahrzehnt lang hatte Lanzmann seit den Siebzigern die Überlebenden des Holocaust vor seiner Kamera befragt, für den vielstündigen Film `Shoah´, der auch bei uns starke Beachtung fand (wenn auch sicher weniger Zuschauer als nunmehr Spielberg). `Shoah´ ist das absolute Gegenstück zu Spielbergs Projekt. Lanzmann verzichtet auf das geringste fiktive Element, er macht, was der Holocaust bedeutet hat und heute immer noch bedeutet, erfahrbar durch die Leere in den Landschaften um die polnischen Vernichtungslager, und in den Gesichtern derer, die er zwingt, sich zu erinnern.

Fiktion und Überschreitung

`Shoah´ war der große Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. `Ich dachte wirklich´, schreibt Lanzmann nun, `mit Demut und Stolz, es gäbe ein Vor und ein Nach `Shoah´, und ich dachte, nach `Shoah´ könnte man bestimmte Sachen nicht mehr machen. Spielberg hat sie nun gemacht.´ Es ist kein Vorurteil gegen Hollywood an sich, das da zum Ausdruck kommt. (...) Aber `die Fiktion ist eine Überschreitung, ich glaube zutiefst, dass es bestimmte Dinge gibt, die der Darstellung untersagt sind´. Mit `Schindlers Liste´ hat Spielberg sich über dieses Verbot hinweggesetzt.


`Holocaust, la représentation impossible´ hat Lanzmann seinen Artikel überschrieben: Holocaust, die unmögliche Darstellung. Es geht ihm um das (nicht nur in jüdischer Tradition und Kultur wesentliche) Problem des Bildes, der Darstellung in einer Welt, wo das Schreckliche – der Tod, die Maschinerie der Auslöschung – zur Normalität geworden ist. Was an der Massenvernichtung vorstellbar, was darstellbar ist, lässt sich eben nicht reduzieren auf die Frage der Authentizität: `Nichts von dem, was da geschehen ist, ähnelt dem (im Film), auch wenn es authentisch ist.´ Die Deutschen waren nicht so, und die KZ-Insassen, nach Monaten der Erniedrigung und der Angst, kann Lanzmann nicht von Schauspielern verkörpert sehen. Und Schindler funktioniert für ihn nicht als einer der deutschen `Gerechten´. Lanzmanns eigener Film `Shoah´ ist denn auch ein Film über den Tod, nicht über die Rettung. `In `Shoah´ gibt es keine persönliche Geschichte... Keiner der Überlebenden von `Shoah´ sagt Ich. Keiner erzählt seine persönliche Geschichte.´


`Schindlers Liste´, das sieht auch Lanzmann, ist pures Melodram, will nichts anderes sein. `Man weint, wenn man Schindlers Liste sieht? Mag sein. Aber Tränen sind auch eine Art von Genießen, Tränen, das ist eine Art Genuss, eine Katharsis. Viele Leute haben mir gesagt: ich kann Ihren Film nicht sehen, denn womöglich kann man, wenn man `Shoah´ sieht, nicht mehr weinen.´


Repräsentation, der Begriff spielt die entscheidende Rolle in den ästhetischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte in Frankreich, zwischen Marxismus und Strukturalismus. Die deutsche Entsprechung, Darstellung, erfasst nur andeutungsweise die Nuancen dieses Begriffs. Der Holocaust ist nicht darstellbar für Lanzmann, ist eine schwarze Sonne, die blind macht. Und jeder Versuch, auch der von Spielberg, wird `Dekor´. Lanzmanns Text ist ein notwendiges Korrektiv zu jener Stimmung zwischen Erlösung und Euphorie um Spielbergs Film. Denn das Kino ist kein Medium für Antworten, es war immer schon am stärksten, wenn es Fragen stellte. Und jedes Melodram geht an die Schmerzgrenze: weil es mit existentiellem Material operiert, mit allen Gefühlen, Angst, Verzweiflung, Schmerz. Auch im Melo ist das Bildermachen eine Frage der Moral, auch Spielbergs Film stellt erneut den Mechanismus des Identifikationskinos in Frage, erforscht seine Möglichkeiten und Befugnisse.


Lanzmann ist kein Radikaler, er weiß, er kann seine Position nur kundtun, begründen kann er sie nicht. `Man versteht es oder man versteht es nicht. Das ist ein wenig wie das cartesianische Cogito...´ Sein `Shoah´ war ein Film der Verweigerung: `Die Bilder töten die Imagination´, sagt Lanzmann. Wenn er einen Film gefunden hätte bei seinen Recherchen, der den Tod Tausender von Juden in der Gaskammer dokumentierte (heimlich aufgenommen natürlich, von der SS, denn das Filmen, die Abbildung des Todes im KZ war absolut verboten): `Ich hätte ihn nicht nur nicht gezeigt, ich hätte ihn zerstört.´“

Fritz Göttler: Bilder töten die Imagination. Schindlers Liste in Claude Lanzmanns Sicht. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 53, 5. März 1994. S. 17.