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Peter Körte: „Sterns Liste oder: Die vergebliche Erinnerung“


„In `Indiana Jones und der letzte Kreuzzug´ verschlägt es Sean Connery und Harrison Ford ins Berlin der Bücherverbrennung. Der Führer kritzelt seine Unterschrift ins hingehaltene Buch, doch für die Autogrammjäger gibt es Wichtigeres zu tun, als die Welt zu retten: Der Heilige Gral wartet. Nicht Schurken und Schergen, an Uniformschnitt und Mimik als Inbegriff des Bösen erkennbar, noch ein blondes BDM-Gift namens Elsa Schneider können sie aufhalten. Steven Spielberg, wie er den Faschismus sah.


Knapp fünf Jahre später ist alles anders. Fast alles. Die Saurier aus dem `Jurassic Park´ wälzen sich noch durch die Kinos, die letzten Dollars, bisher 800 Millionen weltweit, sind noch nicht gezählt, da rollt eine neue PR-Kampagne an: diskreter, gedämpfter, doch nicht minder effizient. Oscar Schindler, der Unternehmer und Kriegsprofiteur, der im letzten Kriegsjahr 1200 Juden vor der Gaskammer bewahrte, ist, obschon tot, ein Medienheld. Der Witwe in Argentinien wird nachgespürt, Augenzeugen werden von Reportern einvernommen, Wohnorte nach Spuren durchkämmt, und alle Medien, dieses eingeschlossen, suchen fieberhaft nach dem Distinktionsgewinn auf dem Markt.


Was Henryk Broder 1993 anlässlich der Eröffnung der Holocaust-Museen in Los Angeles und Washington das `Shoa Business´ nannte, es lockt nun auch das deutsche schlechte Gewissen. Die Vergangenheit, die trotz eifrigen Bemühungen von Historikerstreitern wie Ernst Nolte nicht vergehen will, wird zum Medienevent. Im Kino zelebriert man die Wiederkehr des Verdrängten als politische Veranstaltung. Bill Clinton hat `dringlich´ dazu aufgefordert, sich den Film anzusehen, der Bundespräsident hat die Schirmherrschaft der heutigen Deutschlandpremiere von `Schindlers Liste´ im Frankfurter Schauspielhaus übernommen, einer Benefizveranstaltung, deren Erlös dem Erhalt der Gedenkstätte im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zufließen wird.


Das ist nicht nur redlich, sondern auch nötig – so nötig wie der institutionell gestützte Druck der Moral, der indirekt auf die weitgehende Unfreiwilligkeit des öffentlichen Gedenkens verweist. Die Kinokarte dient ab Donnerstag auch als Ablaßzettel: Gedenken für 12 Mark, ein Gedenken zumeist ohne Erinnerung? Ein wortreiches Gedenken, damit das Schweigen im Reden nicht vernehmbar wird. Die Abgründe der Erinnerung werden zugeschüttet durch den wohlfeilen Appell, in Zeiten keimenden Neonazismus sei der Film `wichtig´.


Der Film wird so nicht instrumentalisiert, in ihm steckt als weltweit beworbene und gehandelte Ware bereits seine eigene Instrumentalisierung. Er wird eins mit seiner Botschaft, er wird zur Antwort des erfolgreichsten Regisseurs in Hollywoods Geschichte. Verschwunden sind die Fragen, auf die der Film eine Antwort sucht, wo er fast unmerklich stockt und wo dieses Zögern Spuren hinterlässt. Dieses Verschwinden kann man umgekehrt an den öffentlichen Fragen (die ihre Antworten schon vorher wissen) ablesen: Was in Spielberg gefahren sein mag, dass er innerhalb eines halben Jahres zwei derart verschiedene Filme herausbringt? Spielberg selbst `erklärt´ es, in unzähligen, nahezu wortidentischen Interviews. Ob nicht eher eine Öffentlichkeit an Amnesie und Bewusstseinsspaltung leiden muß, die innerhalb eines halben Jahres mit derselben Faszination von Sauriern wie vom Holocaust gebannt ist; die im `Stern´ daherplappert, Spielberg habe Saurier und Holocaust wiedererweckt? Ob dieser Befund vielleicht damit zu tun hat, dass hierzulande manchem die Entfernung von 65 Millionen Jahren näher scheint als die `tausend Jahre´ von 1933-45?


Die beredte Schweigsamkeit, die Leerstellen sind schon vorab markiert. Die New York Times schrieb, Spielberg habe 1993 `den erstaunlichsten Doppelschlag in der Geschichte des amerikanischen Kinos gelandet´: `Jurassic Park´ habe Milliarden eingespielt, `Schindlers Liste´ werde `etwas Besseres verdienen´. Nur was? Vielleicht das Bekenntnis eines Björn Engholm, der jüngst in einer Illustrierten kundtat, `Jurassic Park´ sei für ihn der schlechteste Film des Jahres 1993, und der Ende 1994, wenn ihn dann überhaupt noch einer fragen mag, womöglich versichern wird, `Schindlers Liste´ habe ihn am ´betroffensten´ gemacht? Ist es das Engagement eines Thomas Gottschalk, der schon im Januar in einer Atempause zwischen Titten und Tratsch Spielbergs `großen und wichtigen Film´ lobte, ist es Clintons Statement, `Schindlers Liste´ habe die Installierung der Bosnien-Luftbrücke beeinflusst? Oder ist es am Ende doch nur die deftig-deutsche Geschmacklosigkeit der Frankfurter Stadtregenten, die sich nebst `hochstehenden Persönlichkeiten´ heute abend vor der Filmvorführung zu einem Essen im Römer versammeln?

(...) Gewiß, es hat auch Einwände gegen `Schindlers Liste´ gegeben. Amerikanische Juden haben die Fixierung der jüdischen Erinnerung auf Leiden, Erniedrigung und Tod bemängelt (...) und damit zugleich eine seltsame Dialektik des Films freigelegt. Schindlers Buchhalter Itzhak Stern ist es, der im Moment der höchsten Gefahr die Namen der Arbeiter aus seinem Gedächtnis niederschreibt. 1200 Namen, aus der Erinnerung geholt. So ist Schindlers Liste genau genommen: `Sterns Liste´, die sogenannten `Schindlerjuden´ sind `Sternjuden´.
Wie selbstverständlich diese Verwechslung ist, zeigt die dezente Kritik in den USA. Was sie lobt, sind narrative Minimalstandards: dass der Film Schindlers Motive nicht wortreich erkläre, dass er ihn ebenso wie seinen sadistischen Widerpart, den SS-Kommandanten Goeth, als Figur voller Widersprüche porträtiere, als Frauenheld und schillernde Gestalt, die mit hohen Nazis kungelte. Was sie dagegen vorsichtig moniert: Dass Spielberg Schindler mitunter aus den Augen verliere, dass die Erzählung ausfasere, indem sie den christlichen Retter jüdischer Leben nicht, wie branchenüblich, in jeder Einstellung zeige, sondern sich Abschweifungen erlaube.


Diese Gewichtsverlagerungen, die inmitten einer konventionellen Erzählweise Risse erzeugen, weil sie Schauplätze und Ereignisse nicht unter-, sondern gleichordnen, weil sie die Perspektive Schindlers aufgeben, diese Verschiebungen sind die wunden Stellen des Films. (...)
Wenn in langen Sequenzen einfach nur die Namen von Lagerinsassen verlesen werden und sich mit diesen Namen Gesichter verbinden, so ist das wie ein schwacher Nachhall der jüdischen Tradition, `wo das Band zwischen Name und Sein anerkannt (bleibt) durch das Verbot, den Gottesnamen auszusprechen´ (Adorno), durch das Bilderverbot. Wenngleich für den Holocaust und seine Vorgeschichte kein Bilderverbot gilt, so führen sie doch an die Grenzen der bildlichen (und schriftlichen) Darstellbarkeit. Wie sollte man sich ein Bild machen von den Worten eines Überlebenden, in Auschwitz habe es keine Morgendämmerung gegeben, die Sonne, die aufging, sei schwarz und der Mond nicht der Mond gewesen?
Die prinzipielle Unzulänglichkeit aller Darstellung hat Spielberg auf seine Weise markiert. Die brutale Evakuierung des Krakauer Gettos beobachtet Schindler von einem Hügel beim morgendlichen Ausritt. Aus dem grünstichigen Schwarzweißmaterial löst sich ein schwaches Rot, ein kleines Mädchen im roten Mantel. Ein technischer Gimmick. Zugleich die Kristallisation eines Wunsches: diese eine möge davonkommen, ein Wunder möge geschehen. Das Mädchen schlüpft in einen Eingang. Später wird sie auf einem Karren liegen, ein kleiner, verwaschener roter Fleck inmitten eines Leichenberges.


Dieser Moment ist wie eine Erschütterung, die rückwirkend den ganzen Film erfasst. Alain Finkelkraut hat ihren Ursprung in dem Buch `Die vergebliche Erinnerung´ beschrieben. Der einzelne war Teil einer industriellen Vernichtungsapparatur: abstrakt, anonym, als Individuum kaum abbildbar, d.h. auch: kaum erinnerbar. Darin steckt das unlösbare Dilemma der Erinnerung: dass in der Individualisierung die Massenhaftigkeit des Verbrechens verschwimmt wie der Hintergrund bei einer langen Brennweite; dass im weitwinkligen Panoramablick Täter wie Opfer ins Abnorme sinken.


Die latente Vergeblichkeit der Erinnerungsbilder und –symbole ist vielleicht die schmerzhafteste Erfahrung in Spielbergs Film. In seinen Brüchen und Ausschweifungen unterläuft er die einfachen Appelle gegen das Vergessen; dort wird erfahrbar, was Freud `entstellte Darstellung´ genannt hat: Spuren der Erinnerung, keine Abbilder, sondern Ergebnisse einer Bearbeitung; das Bild als Schrift, die verlangt, `gelesen´ zu werden. Dagegen erscheint nebensächlich, dass der Schluss die bekannte Hollywood-Signatur trägt: Die letzte Rede Schindlers an `seine´ Arbeiter, die nie stattgefunden hat; die Beglaubigung, dass dies eine `wahre Geschichte´ sei, indem Spielberg am Ende die Überlebenden mit ihren Darstellern an Schindlers Grab treten lässt und das Bild auf einmal farbig wird.


`Schindlers Liste´ ist ein Kampf: (...) ein öffentlicher Kampf um die Erinnerung, ihre Besetzbarkeit und Kanalisierung, ein Kampf, der, wie 1980 die Schubwirkung der US-Fernsehserie `Holocaust´ zeigte, nicht zu gewinnen noch zu verlieren ist. Niemand wird verhindern, dass der Film zu einem jener `Erinnerungsartefakte´ wird, von denen der Philosoph Peter Furth gesprochen hat, niemand wird aufhalten können, dass das Artefakt irgendwann bröckelt wie die gebaute Butzenscheibenromantik auf dem Frankfurter Römerberg.
Das mediale Arrangement, die Inszenierung einer Inszenierung, weicht die Erinnerung ein im gewebeschonenden Bad des Gedenkens und seiner Rituale. Wo diese Lauge sich als zu schwach erweist, da stößt der alte Betrieb das nicht zu erweichende Erinnerungsgestein instinktiv ab. Die raue, scharfkantige, fragmentierte Beschaffenheit von Claude Lanzmanns Dokumentarfilm `Shoah´ (1974-85) machte ihn (damals noch?) resistent. Weshalb er auch nicht im ersten Kino am Platze lief, sondern im Off, in kommunalen Kinos und dritten Fernsehprogrammen. Eine alte Geschichte. Dennoch wäre es so banal wie sinnlos zu sagen, `Shoah´ sei der `bessere Film´. In ihm geht es ebenso wenig ums Kino wie in `Schindlers Liste´.“

Peter Körte: „Sterns Liste oder: Die vergebliche Erinnerung. Über Steven Spielbergs neuen Film `Schindlers Liste´ und dessen beredte Aufnahme in der deutschen Öffentlichkeit.“ Frankfurter Rundschau 1.3. 1994.