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Urs Jenny: „Vom großen Morden“


„Der `kommerziell erfolgreichste Regisseur der Filmgeschichte´ (The New York Times) ist Steven Spielberg schon seit langem, der unschlagbare Unterhaltungsvirtuose mit Kindergemüt und Midas-Touch. Doch das Doppelereignis, das er dem amerikanischen Kinojahr 1993 bescherte, ist beispiellos, auch für seine Begriffe: Erst hat er mit `Jurassic Park´ ein Abenteuerspektakel herausgebracht, das inzwischen rund um die Welt annähernd eine Milliarde Dollar einspielte und so endlich den Kassenrekord brach, den Spielberg selbst seit elf Jahren mit `E.T.´ hielt.


Dann, mit nur einem Jahr Abstand, setzte er diesem dinosaurischen Vergnügen `Schindlers Liste´ entgegen, die Geschichte des lebenslustigen Oskar Schindler, der in den Krieg zog, um Millionen zu scheffeln, und statt dessen zum Beschützer der Juden wurde – zu einer Zeit und an einem Ort, wo es als Verbrechen galt, Jude zu sein, bei Strafe des Todes, sogar für Kinder.
Den Kassenrekorden, die `Jurassic Park´ allenthalben aufstellte, treten seit der US-Premiere von ´Schindlers Liste´ Superlative ganz anderer Art gegenüber: Es sei der überraschendste, kühnste, künstlerisch reichste, erschütterndste Film weit und breit, eich epochales Meisterwerk, Spielbergs Durchbruch zu wirklicher Größe.


Über das ungenierte Nebeneinander der Saurier-Show und des Holocaust-Dramas die Nase zu rümpfen würde den Bedingungen ihrer Produktion nicht gerecht: Dieselbe erzählerische Intelligenz hat beide Filme hervorgebracht; ohne den einen gäbe es den anderen nicht; erst der phänomenale Erfolg mit dem, was in Hollywood alle von ihm wollten, hat Spielberg die Macht und die Mittel verschafft zu verwirklichen, was in gewissem Sinn niemand wollte.
Nun gehen unentwegt Auszeichnungen, Nominierungen, Ehrungen auf ihn nieder, während er selbst sich quer durch Europa um Benefiz-Galapremieren kümmert, so am 1. März in Frankfurt, zwei Tage vor dem deutschen Kinostart. Sein ganzer Profit aus dem Film soll an karitative Einrichtungen gehen. Seit vielen Jahren hat es keinen so unbestrittenen Favoriten für viele Oscars gegeben wie nun `Schindlers Liste´. Sogar Präsident Clinton rief sein Volk auf: `Go see it!´


Spielberg hat den Film groß gewollt, von Anfang an: episch, figurenreich, über drei Stunden lang im Schwarzweiß alter Wochenschauen. Er wollte, da es um eine wahre Geschichte ging, ohne Details auskommen, die nicht belegt wären, ohne Star in der Titelrolle, ohne Kamera-Bravourstücke, die auf sich selbst aufmerksam machten, und mit wenig Musik. Er wollte sich in die Ereignisse hineinbegeben, oft die Kamera auf der Schulter, rasch reagierend, den Gesichtern nah – so sollte sich die Geschichte gewissermaßen selbst erzählen.
Spielberg hat sein Ziel hoch gesteckt, und weniger wäre ihm zuwenig gewesen, auch für sein Publikum. Der Film soll Normen sprengen: das übliche Abspultempo von Kinovorstellungen im Zweistundentakt oder die gefällige Feierabendsgestaltung mit anschließendem Essen. Wer `Schindlers Liste´ sieht, soll nicht irgendwie zufällig hineingeraten sein, sondern das wirklich gewollt haben, mit Entschiedenheit: Nur so ist der Film zu ertragen, und so werden seine Bilder sich lange nicht aus dem Gedächtnis verflüchtigen.


`Schindlers Liste´ ist groß über alle Erwartung hinaus. Kein Buch, keine Chronik, kein Film kann die Unbegreiflichkeit und das Entsetzen des Holocaust fassen. `Schindlers Liste´ aber – der erste große Kinofilm, der den bürokratisch geplanten und fabrikmäßig durchgeführten Massenmord wirklich zu seinem Thema macht – zeigt, was doch möglich ist: Mann kann davon erzählen.


Das heißt: Spielberg, der Kinozauberer, wirft sich nicht in Sack und Asche, weil die Sache so ernst ist, er erliegt nicht jeder Berührungsscheu, die sich für Pietät hält, nein – er erzählt so genau und brillant wie noch nie, so lebendig in jedem Detail, so voller Lust und ebendeshalb so eindringlich, so dicht, dass dem Zuschauer der Atem stockt.
Spielberg gelingt, was er vorhat, weil er sich traut und nie daran zweifelt, dass man das inszenieren kann. Man kann vorführen, wie eine Gruppe nackter, geschorener Frauen in Auschwitz in einen jener Duschräume getrieben wird, die zugleich Gaskammern waren, und man kann, mit der Kamera eingepfercht zwischen den Opfern, deren Panik und Todesangst festhalten. Dies in einem Spielfilm zu zeigen ist keine Frage von Geschmack oder Diskretion, sondern von Mut und Kunst.


Listen sind wie Litaneien, Namen um Namen: Das Aufrufen, Abfragen, Aussondern von Namen gibt dem Film ein Grundmotiv. Er beginnt mit der Registrierung der Krakauer Juden, mit Gesichtern, mit Familien, mit Gruppen, mit Scharen von Menschen, die auf die Kamera zukommen. Und in Appellen, in Aufmärschen, in Transportkolonnen ruft der Film diesen Fluß von Menschengesichtern immer wieder heraus, Namen um Namen. Die Mörder sind Bürokraten, der Tod geht nach Listen vor, doch irgendwo gibt es jene andere, rettende: Schindlers Liste. Diese Namen und diese Gesichter sind stets gegenwärtig: es ist ihre Geschichte, die Spielberg erzählt, nicht irgendeine andere irgendwo über ihren Köpfen.


(...)
Es hat auch Deutsche gegeben, die stolz darauf waren, einen Totenkopf an Mütze und Revers zu tragen, und das war kein Abdeckertrupp, sondern die Elite des Landes. Ein junger Mann wie Amon Göth zum Beispiel, Kommandant des Arbeitslagers Plaszów, in das 1943 alle Krakauer Juden, soweit man sie nicht gleich ermordete, eingesperrt wurden: Er liebte es, nach dem Frühstück mit dem Jagdgewehr auf den Balkon seiner Villa zu treten und ein paar Gefangene, die ihm zufällig vors Visier kamen, zu erschießen.
Amon Göth war Schindlers fanatischster, amoralischster, darum korrumpierbarster Gegenspieler, und das innere Drama in Spielbergs Film, ein hochgespanntes Psycho-Duell, spielt sich zwischen diesen beiden ab (Liam Neeson und Ralph Fiennes), im trügerischen Zwielicht von Besäufnis und Intrige.


Es ist der Kampf zwischen Gut und Böse. Doch nicht nach vorgefertigtem Schema; er hat seine eigene Dialektik. Denn die beiden jungen Männer, gleichaltrig, beide aus katholisch-bürgerlichem Haus, sind sich in ihren Lebensvoraussetzungen ähnlicher, als ihnen lieb sein mag: zwei Glücksritter in einem frischen, beuteverheißenden Krieg, beide gierig, leichtsinnig, rücksichtslos. Wie der eine sich, Schritt um Schritt, zum Regimegegner wandelt, auch wenn er nach außen hin weiter mit dem Parteiabzeichen auftrumpft, erzählt der Film. Doch welche innere Differenz den anderen zum pathologischen Killer macht, bleibt beunruhigend unerklärlich. Das Böse ist banal.
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Gewiß sind die Lagerszenen auch dieses Filmes in bestimmter Weise geschönt, gewiß kann man die physische Qual und das nackte physische Elend der KZ-Realität nur andeuten, nicht exzessiv darstellen, und gewiß gibt es eine Kinoerfahrungs-Schmerzgrenze, die Spielberg nicht überschreitet, da er doch will, dass man hört und schaut.
Niemand hat hören und schauen wollen, als das alles geschah, und deshalb war auch nach dem Krieg das Verdrängen und Totschweigen so beliebt. (...)
Ein Film ist ein Film. Eine lange Geschichte, ein Wechselspiel von glücklichen Zufällen hat dazu geführt, dass aus dem Schicksal der Schindlerjuden überhaupt ein Film geworden ist und eben jetzt. (...) `Schindler Liste´ wird wohl lange ohnegleichen bleiben. Für den Rest, also für das sogenannte wirkliche Leben, gilt: Was einmal geschah, kann wieder geschehen.

- Der Spiegel 8/1994.