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Lars-Olav Beier: „Bis zur letzten Saite. Dem Grauen mit Humor die Stirn bieten"


„Da steht er nun, der Narr des Dorfes, Shlomo, dem Rat der Weisen gegenüber. Eben noch rannte er im Wald um sein Leben, mit Augen, die vor Angst geweitet waren, weil sie mit ansehen mussten, wie die deutschen Truppen das benachbarte Shtetl dem Erdboden gleichmachten und marodierend weiterzogen. Tod und Vernichtung rücken stündlich näher. Doch Shlomo hat einen Plan: Der Narr rät den Weisen, die Bewohner seines Dorfes sollten sich selbst deportieren, einen Zug zusammenstellen und versuchen, über Russland ins Gelobte Land zu gelangen. Shlomo steht mitten im Dorf und malt die Zukunft, die eben noch völlig hoffnungslos schien, mit großen Worten und Gesten aus. Hinter ihm, über dem Dach eines Hauses, leuchtet die rötliche Sonne, von der wir nicht wissen, ob sie gerade auf- oder untergeht. Sie sendet ihre wärmenden Strahlen über die Szenerie – ein echter Hoffnungsschimmer oder nur der falsche Schein?


Fast dreißig Jahre früher: ein anderer Film, ein ganz ähnliches Bild. Ebenfalls in Cinemascope, jenem Format, in dem Lebenslust und Todesangst Platz genug haben, sich nebeneinander auszubreiten, sehen wir einen Hochzeitszug durch ein Shtetl ziehen. Genau dort, wo in dem Film `Zug des Lebens´ das Haus steht, befindet sich in `Fiddler on the roof´ (Anatevka, 1971) noch ein Baum. Durch die Zweige bricht das Licht der Abendsonne, und wir wissen, dass hier weit mehr dämmert als der Tag: Während die Hochzeit gefeiert wird, kommen die Soldaten des Zaren als Vorhut des Pogroms immer näher. Der Geiger, der in der ersten Sequenz im Licht der Morgensonne auf dem Giebel eines Hauses die Balance zu halten versucht, fährt auch im `Zug des Lebens´ mit: Er steht auf dem Dach des Waggons, die Arme ausgebreitet, die Violine in der einen Hand, sich dem Wind entgegen stemmend. Am Ende des Films wird auf der letzten noch verbliebenen Saite gespielt.


Ungefähr die gleiche Anzahl der Jahre, die beide Filme voneinander trennt, liegt auch zwischen den Zeiten, in denen sie spielen: `Fiddler on the roof´ versetzt uns ins vorrevolutionäre Russland, `Zug des Lebens´ erzählt von den Bewohnern eines nicht näher bestimmten osteuropäischen Shtetls im Jahr 1941. Doch Norman Jewisons überaus erfolgreiches Musical, das wie kein zweiter Film das Bild von jüdischer Kultur im Kino prägte, ist die erste Station, an der der aus Rumänien stammende Regisseur Radu Mihaileanu Halt macht. Eine Sequenz, in der die Einwohner zu musikalischer Begleitung alle handwerklichen Fähigkeiten aufbieten, ist eine Reminiszenz an die legendäre `Tradition´-Nummer in `Fiddler on the roof´, in der im Rhythmus der Musik Fleisch geklopft, Teig gerollt und Eisen geschmiedet wird. Gleitet die Kamera bei Jewison von einem Soldaten auf seinem Pferd hinab zu den Menschen auf der Straße und bahnt sich dann einen Weg zu zwei Schachspielern, die alle Zeit der Welt zu haben scheinen, so setzt auch Mihaileanu das Geschehen in langen Einstellungen in Szene: Nur hat die Kamera bei ihm keineswegs die Ruhe weg, sondern wendet sich hektisch hin und her, weil sie keine Sekunde zu verlieren hat. Wie die Bewohner scheint auch sie zu ahnen, dass jeder Schritt eine Fluchtbewegung sein muss.


War das Leben nicht schön? Diese Frage, die `Fiddler on the roof´ in der ersten Hälfte stellt, bevor die Vertreibung beginnt, ist in `Zug des Lebens´ obsolet: Mihaileanu zeigt die Folklore von Anfang an am Rande ihres Untergangs. Doch er will die Vitalität und Phantasie der Bewohner des Shtetls gegen die Brutalität und Rohheit ihrer Verfolger setzen, dem Grauen mit Humor die Stirn bieten (...). Mihaileanu bedient sich einer ausgeprägten Typage, um seine Figuren zu zeichnen: Der Buchhalter des Shtetls (Bruno Abraham-Kremer) ist kaum mehr als ein kleiner Mann vor einer Wand voller Akten. Der Kommunist (Michel Muller) ist bebrillt und beschränkt, die Dorfschöne (Agathe De La Fontaine) niedlich und liebeshungrig. Der Rat der Weisen wird fast immer als Einheit ins Bild gesetzt – Cinemascope ist hierfür wie geschaffen –, zu selten gönnt es uns der Film, die einzelnen Gesichter in Ruhe betrachten zu dürfen.
Mihaileanu weigert sich letztlich, seinen Figuren soviel Individualität zu geben, dass sie ins Leben treten können. Es scheint, als wollte er schon vor Beginn der Fahrt die Emotionalität abkoppeln. Auch die Begegnungen mit den Deutschen wirken nie wirklich furchteinflößend. Ein paar Uniformen und ein bisschen Laienschauspielerei genügen, und schon gehen die Juden als stramme Nazis durch. Zwar ist es eine hübsche Idee, dass sie ihre ureigenen handwerklichen Fähigkeiten lebensrettend einsetzen und den Uniformen im Handumdrehen einen höheren Dienstgrad aufnähen, doch bringt uns Mihaileanu mit all diesen Szenen in Zugzwang: Wir kommen nicht umhin, sie an den Camouflagen zu messen, die wir seit Lubitschs `Sein oder Nichtsein´ aus dem Kino kennen, und stellen fest, dass es ihnen in `Zug des Lebens´ an der notwendigen Schärfe, Originalität und Bedrohlichkeit, die dem Humor erst ihre Kraft gibt, mangelt. Die Nazis sind in diesem Film Pappkameraden, die man nur umpusten muss. Den wahren Schrecken verbannt Mihaileanu komplett in ein Schlussbild, das alles Vorherige in einem gänzlich anderen Licht zeigt und uns nicht nur das Lachen im Halse stecken bleiben lässt, sondern geradezu die Kehle zuschnüren soll. Aber dieses Ende wirkt aufgesetzt: Ergeben dreißig Sekunden Tragödie nach hundert Minuten Komödie eine Tragikomödie?
Die Balance von Albernheit und Grausamkeit, die Roberto Benignis Film `Das Leben ist schön´ auszeichnet, glückt Mihaileanu nicht. (...) wenn jene Juden, die in die Uniformen der Nazis geschlüpft sind, auf einmal Herrenmenschengehabe annehmen, dann wird uns demonstriert, dass Kleider unter bestimmten Bedingungen Leute machen können. Aber dies erscheint nur wie ein Klischee, das sich der Film schnell überstreift, statt wie eine Erkenntnis, die er mit Leben füllen kann.“

Lars-Olav Beier: „Bis zur letzten Saite. Dem Grauen mit Humor die Stirn bieten: In Radu Mihailenaus Film `Zug des Lebens´ weiß nur der Narr guten Rat.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.3.2000.