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Heike Kühn: „Das Märchen als Glaubensfrage: Eugène Ionesco im Hinterkopf: Radu Mihaileanus tragikomischer Film `Zug des Lebens´“


„`Es war einmal´, sagt der Erzähler, aber wie es ist, am Ursprung der Erzählung, das liegt im Dunkeln. Die Märchenworte schleudern Schlomo, den Faxen- und Geschichtenmacher, zurück ins Jahr 1941: `Ich bin geflohen, weil ich dachte, man könnte fliehen vor dem, was ich schon zu oft gesehen habe.´ Wie programmatisch dieser Anfang ist für einen Film, der gleich Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ nicht den Tod in den Vernichtungslagern zeigt, sondern das Leben, das dort getötet wurde, wird sich erst spät erschließen.


(...) `Im Hinterkopf´, so Radu Mihaileanu, der von ahnungslosen Produzenten schon mal als `antisemitischer´ Irrer beschimpft wurde, weil niemand den spezifischen jiddischen (und rumänischen) Witz seines tragikomischen Projekts verstand, `hatte ich auch immer das Genie des Absurden: Eugène Ionesco´. Der Geist der Umkehr, die Einsicht ins Verrückte beflügelt auch den vorgeblich weltfremden Schlomo. Einen Zug wird das schtetl sich von den Spenden der verschworenen Gemeinde kaufen, eine Lokomotive, die fast auseinanderfällt, mit viel Farbe wieder zusammenkleben, Hakenkreuze an die Viehwaggons nageln, den auserwählten `Nazis´ Uniformen schneidern. Via Russland ins gelobte Land – eingelegte Essgürkelen und Purimplätzchen für die Kinder im Gepäck.


Doch während Lubitschs Helden in `Sein oder Nichtsein´ den polnischen Untergrund mit ihrer Kunst der Verstellung gefährden, weil sie aus gekränkter Eitelkeit oder künstlerischem Übermut aus ihren Nazi-Rollen fallen, werden es sich die falschen Nazis bei Mihaileanu nach anfänglichen Protesten über die zugedachte Rolle in ihrem neuen Dasein als Deutsche erstaunlich gemütlich machen. Wie ledergepolsterte Offizierswaggons und die Befehlsgewalt über die schtetl-Honoratioren auch fromme Juden in Versuchung bringen kann, gehört zu den Kabinettstückchen eines Films, dem es an entlarvend komischen Einfällen nicht mangelt. (...)
Warum er der Verrückte sein müsse, wird der prophetische Schlomo einmal gefragt. `Ich wollte Rabbi werden, aber die Stelle war schon besetzt´, ist die einzig denkbare Antwort. Miahaileanus Märchen ist eine Glaubensfrage. Der Schabbes wird auch auf der Flucht geheiligt, der Zug für den Lichtersegen auf offenem Feld angehalten. `Der Wahnwitz solcher Systeme´, schrieb Hannah Arendt in Israel, Palästina und der Antisemitismus über den Nationalsozialismus, `besteht natürlich nicht nur in ihren Ausgangsprämissen, sondern vor allem in der ehernen Logik, die sich durchsetzt, und zwar ohne Rücksicht auf die Tatsachen – und ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit.´ Der monströsen Irrationalität der Konzentrationslager, der systematischen Umwandlung von Unsinn in Sinn, die samt der Sinnfrage das Betroffenheitsgerede vom `sinnlosen Töten´ unmöglich gemacht hat, begegnet Mihaileanu mit der Ratio eines Glaubens, der sich seines Aberwitzes bewusst ist. Am Ende wird nur das Märchen weiterleben – hinter den Stacheldrahtzäunen eines KZs. Dass es erzählt worden ist, ist kein Trost, sondern eine Revolte. Ein Versuch, dem Buch Niegewesen wenigstens ein paar leere Seiten abzutrotzen.“

Heike Kühn: „Das Märchen als Glaubensfrage: Eugène Ionesco im Hinterkopf: Radu Mihaileanus tragikomischer Film `Zug des Lebens´“. In: Frankfurter Rundschau, 27.3.2000.