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Matthias N. Lorenz: „Der Holocaust als Zitat. Tendenzen im Holocaust-Spielfilm nach `Schindlers Liste´“


„Ein jüdisches Schtetl irgendwo in Osteuropa will sich vor den heranrückenden Deutschen retten, indem es sich selbst deportiert. Seine Komik bezieht der Film aus jüdischen Stereotypen, die teilweise mit antisemitischen deckungsgleich sind. So rennen in der Eingangssequenz die Männer des Ortes schreiend umher und fuchteln dabei wie beim Tanz mit den Händen in der Luft herum. Die drohende Gefahr wird chaotisch debattiert, es geht sprichwörtlich zu `wie in der Judenschul´. Als der eigene Deportationszug dann gebaut wird, bekommt der Verwalter der Gemeindekasse regelmäßig Herzattacken, weil er so mit seinem Geiz zu kämpfen hat.


Einige Juden müssen in dieser Verwechslungsgeschichte die deutschen Bewacher spielen und dazu ihren jiddischen Akzent ablegen. Der Deutschlehrer: `Das Deutsche ist sehr hart, Mordechai, präzise und traurig. Jiddisch ist eine Parodie des Deutschen, hat jedoch obendrein Humor. Ich verlange also nur von Ihnen, wenn Sie perfekt Deutsch sprechen wollen, ohne eine Spur von jiddischem Akzent, den Humor wegzulassen. Sonst nichts.´ Daraufhin Mordechai: `Wissen die Deitschen, das mir ihre Sproch parodieren? Vielleicht is dos der Grund für’n Krieg?´ Später kommen diese jüdischen Deutschendarsteller kaum mehr aus ihrer Rolle heraus, was wiederum für Heiterkeit sorgt. In `Zug des Lebens´ wird das Spiel – also die Umdeutung des Holocaust in etwas Harmloses – jedoch nicht mehr (wie bei Benigni) als eine von zwei Ebenen umgesetzt, die einander korrigieren, sondern als märchenhafte, geschlossene Erzählung. Diese Geschlossenheit wird erst in der Schluss-Szene – in der sich die ganze Geschichte als Fantasie des Dorftrottels im KZ herausstellt – mit der so völlig andersgearteten Realität konfrontiert. Dadurch, dass das eigene Filmexperiment erst rückblickend relativiert wird, erscheint `Zug des Lebens´ schwächer als `Das Leben ist schön´. Benigni denkt über seinen ganzen Film hinweg dessen eigentliche Unmöglichkeit mit, Mihaileanu dagegen hintergeht den Zuschauer.“

Matthias N. Lorenz: „Der Holocaust als Zitat. Tendenzen im Holocaust-Spielfilm nach `Schindlers Liste´.“ In: Die Shoah im Bild. Herausgegeben von Sven Kramer. München 2003. S. 270/71