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Jan Schulz-Ojala: „Das Fenster zum Schmerz.


Im Kino: Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ - eine fulminante Holocaust-Komödie“:

„Ziemlich gegen Ende geht dieser Film in die Musik über, die er, bei genauerem Hinhören, schon die ganze Zeit war – und eines der denkwürdigsten Konzerte der neueren Filmgeschichte hebt an. Sein Anfang: eine Geige, eine kaputte Geigensaite, jemand spielt eine Melodie auf nichts anderem als dieser Geigensaite. Andere Musiker hören der kurzen Tonfolge zu, und als sie ihr Seufzen begriffen haben, das ein Aufseufzen ist, fallen sie ein: mit der Geige, mit Zupf-, Schlag- und Blasinstrumenten. Sie deuten das Aufseufzen als Auftakt. Und der Tanz, ein wunderbarer, kurzer Tanz beginnt.


Man kann über diesen Film nicht wie über andere Filme schreiben. Vielleicht, weil er so ist wie dieses Halbdutzend Töne auf der kaputten Geigensaite. So schön, so schlicht, so verletzlich auch. Da kratzt jemand auf einem Stück Pferdehaar und entlockt ihm eine große Melodie. Und doch: Man kann ihm auch den Resonanzboden entziehen, und dann ist da nichts weiter als ein Kratzen, eine Katzenmusik. Kein Konzert und kein Tanz, kein Auftakt, nicht einmal ein Abgesang. Vielleicht muss man, um diesen Film zu lieben, wie im Inneren einer Geige sein.
Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ ist das, was man – spätestens seit Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ - eine Holocaust-Komödie nennt. Nun ja, fast. Sie spielt nicht im Lager, sondern erzählt von einer ungewöhnlichen Reise, die die Bewohner eines osteuropäischen Shtetls im Sommer 1941 unternehmen, um gerade nicht dort, im Lager, anzukommen. (...)
Um es gleich zu sagen: `Zug des Lebens´ ist ein sehr altmodischer Film. Den guten, alten Linken unter den Zuschauern wird missfallen, dass die Kommunisten in dem Film ziemliche Karikaturen sind. Ja, der Witz, der sich über sie ergießt, hat etwas Raues, das man sicher gut lernt, wenn man in einem Land wie Rumänien aufgewachsen ist. Aber ob das Thema einen stört aus alter Liebe oder einen alten Hass bedient: Von gestern wirkt es auf jeden Fall. Und erst das Frauenbild von Radu Mihaileanu: Nicht nur Zuschauerinnen finden es vermutlich von vorgestern. (...) Und schließlich: Die Unsentimentalen unter uns – und wer ist das nicht heutzutage – dürften den Film stellenweise ziemlich sentimental finden. Also in die Ecke mit der alten Geige?

Anti-Benigni-Märchen

Andererseits: `Zug des Lebens´ ist ein Märchen. Erstens ist eine Holocaust-Komödie immer ein Märchen, das lehrt schon unsere Nachgeborenheit. Und dann sind Märchen sowieso immer altmodisch. Oder ewig. Aber das ist bekanntlich genau so weit weg. Und hat man nicht schon Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ mit der Kategorie des Märchens in Schutz genommen – auch gegen den eigenen erwachsenen Vorbehalt? Bei Benigni, der seine jüdische Kino-Familie ins Todeslager schickte, musste man gewissermaßen auf Kinderkopfhöhe gehen, um die Abbildung, die Zurichtung, die Schönung des KZs – mit all jenen sportlich schlanken, irgendwie doch elegant gekleideten Todgeweihten unter mediterraner Sonne – auszuhalten. Wenn man sich ganz klein machte, wurde dieser Film riesengroß. Ein Kindertraum: Vom guten Papa Benigni bis ins Letzte exekutiert, damit die Wirklichkeit nicht durchdringen möge.
Radu Mihaileanus Film, ein bisschen früher gedreht als der Benignis, kommt lange nach dessen Welterfolg ins Kino. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Denn wer ihn sieht, sieht ihn vor dieser so scheinbar ähnlichen Folie – und sich selbst plötzlich vor dem gewaltigen Horizont, den der Humor im Menschen aufzureißen vermag. Augenblicksweise, in der Komik einzelner Situationen, mögen sich die Konzepte Benignis und Mihaileanus berühren. Nur: Wie kommt man dorthin? Und: Was macht man draus? Benigni benutzt Situationen, um das Äußerste – meist an Übertreibung – aus ihnen herauszuholen, Mihaileanu lässt seine Figuren ihnen eher entgegentreiben und überlässt die Entschlüsselung dem Zuschauer. Benigni blickt von außen, der rumänische Jude Mihaileanu von innen auf die Welt des Holocaust; der eine nähert sich über die Komik der Trauer, der andere über die Trauer der Komik. Explosion gegen Implosion: ja, bis in das Präsentieren ihrer Filme scheinen die beiden Regisseure Antipoden. Benigni nutzte die zahlreichen fernsehwirksamen Preis-Auftritte zu eben jenem sympathischen, mitunter schwer erträglichen Klamauk, dem er schon als Schauspieler entstammt. Mihaileanus Freude – auch sein Film wurde mit, nun ja, nicht ganz so populären Preisen überschüttet – bleibt gebändigt, ein Fenster zum Schmerz.


Ganz recht, ich habe wenig vom Film selbst erzählt. Vielleicht weil ich mir wünsche, jeder möge darin so viel Eigenes wie möglich entdecken. (...)“

Jan Schulz-Ojala: „Das Fenster zum Schmerz. Im Kino: Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ - eine fulminante Holocaust-Komödie“. In: Der Tagesspiegel, 22.3.2000.