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Thilo Wydra: „Zug des Lebens“

„Ein Vergleich mit Roberto Benignis Oscar-gekrönter Tragikomöide `Das Leben ist schön´ mag sich hier geradezu aufdrängen, doch sollte Radu Mihaileanus zweiter Spielfilm, der vielfach ausgezeichnete `Zug des Lebens´, völlig eigenständig betrachtet werden. Es wäre auch unfair, den wesentlich höher budgetierten Film von Italiens Starkomiker einem dafür deutlich engagierteren Projekt gegenüberzustellen, zumal Mihaileanus Road-Movie den Kern jüdischen Humors trifft und wohlüberlegt in den übergeordneten Kontext des Krieges einbaut.

Osteuropa 1941, in einem jüdischen Schtetl. Dorfnarr Schlomo hat erfahren, dass die Bewohner anderer jüdischer Dörfer deportiert und umgebracht werden. Was tun? Die Gemeinschaft entscheidet sich für eine ungewöhnliche Lösung: Sie deportieren sich einfach selbst! Um den Deutschen vorgaukeln zu können, dass es sich hier um eine echte Deportation handelt, muss zunächst ein Zug organisiert werden, müssen diejenigen, die für die undankbaren Rollen der Nazis auserkoren wurden, akzentfreies Deutsch lernen, müssen SS-Anzüge und Gefangenenkleidung besorgt werden. Schließlich ist der rettende Zug startklar. Doch die Fahrt ist risikoreich, immer besteht die Gefahr, von den Deutschen entdeckt zu werden, zudem verfolgen Partisanen den vermeintlichen Nazi-Transport. (...)
`Zug des Lebens´ ist ein kleines Meisterwerk, das nach einem wahren Preissegen auf diversen Festivals nun einen deutschen Verleih gefunden hat. Vor allem ist es ein Film über die skurrilen und liebenswerten Eigenschaften jüdischer Kultur, und nur selten wurde in einem Film der jüdische Humor derart erdig und greifbar inszeniert, sowohl amüsant als auch nachdenklich stimmend. (...) `Zug des Lebens´ enthält auch Momente der Verzweiflung, der Todesangst, und stellt diese paritätisch neben jene von ausgelassener Fröhlichkeit und uneingeschränkter Hoffnung. Dabei gelingt es Mihaileanu, diese Gratwanderung von Anfang bis Ende durchzuhalten, ohne einem der beiden Pole zu sehr nachzugeben.


Man wünscht diesen sich selbst Deportierenden nur das Beste, wünscht auch, dass sie mit ihrem Humor dazu beitragen, dass man zwar übereinander lacht, dabei jedoch den Respekt vor dem jeweils Anderen bewahrt. So ist `Zug des Lebens´ ein zutiefst humanistischer Film, ein stilles, herzliches Plädoyer für mehr Zwischenmenschlichkeit, für beiderseitige Akzeptanz, so sehr sich das Gegenüber auch von einem selbst unterscheiden mag. Wie schwer es der gebürtige Rumäne, der 1980 vor der Diktatur Ceaucescus nach Paris emigrierte, hatte, diesen Film überhaupt zu realisieren, ist jedoch ein Zeichen dafür, dass die unsichtbaren Grenzen in den Köpfen der Menschen noch immer weniger einfach zu überwinden sind als die geografischen.“

Thilo Wydra. In: Filmecho/Filmwoche 10/2000, S. 28.