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Ottomar Anschütz (1846 - 1907)

 

Im späten 19. Jahrhundert existiert bereits eine Vielzahl von Erfindungen auf dem Gebiet der Photographie, die den Zweck verfolgen, die Wirklichkeit möglichst naturgetreu wiederzugeben. In den siebziger Jahren entwickeln der Engländer Eadweard Muybridge und der Franzose Etienne-Jules Marey einen speziellen Zweig der Photographie: die Chronophotographie. Ziel dieses Verfahrens ist es, natürliche Bewegungsabläufe zu erfassen, sie in Phasen zu zerlegen und schließlich sichtbar zu machen. Der Photograph macht hierzu eine Vielzahl von Aufnahmen in sehr kurzen Abständen. Dies war vorher, bei der Momentphotographie aufgrund der langen Belichtungszeiten, nicht möglich gewesen.

Der 1846 in Lissa geborene Photograph Ottomar Anschütz ist in Fachkreisen bereits seit 1882 bekannt für die hervorragende Qualität seiner Portraitaufnahmen und Vergrößerungen. Noch im gleichen Jahr wendet er sich der Momentphotographie zu, bei der individuelle Aufnahmen einzelner Bewegungsstadien festgehalten werden. Obwohl es sich hierbei also noch nicht um Chronophotographien handelt, mit denen er erst ab 1884 experimentiert, werden seine Arbeiten bereits mit denen Muybridges und Mareys verglichen. Im Sommer 1886 reist Anschütz nach Hannover, um an der dortigen Königlichen Militärreitakademie Aufnahmen zu machen. Im Auftrag des Kriegsministeriums und finanziert vom Kultusminister installiert Anschütz eine Reihe von 24 elektrisch miteinander verbundene Kameras. Mittels dieser verbesserten chronophotographischen Apparatur entstehen Bilder von Pferden, die deren Bewegungsabläufe exakt wiedergeben.

Anschütz geht jetzt den naheliegenden nächsten Schritt und arbeitet an einem Gerät zur Projektion seiner Reihenbilder. Es entsteht der "Schnellseher", dessen erste öffentliche Vorführung im Kultusministerium in Berlin im März 1887 zur Sensation gerät. Die Firma Siemens und Halske, Berlin, fertigt seinen Elektrischen Schnellseher als Münzautomat, welcher auf der Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt im Mai 1891 große Aufmerksamkeit erregt.

Ende November 1894 projiziert Anschütz mit dem von ihm entwickelten Elektrotachyscope lebensgroße, sich bewegende Bilder auf eine 6 x 8 m große Leinwand. Diese Vorführung im Hörsaal des Postgebäudes in der Berliner Artilleriestraße gilt weltweit als erste öffentliche Projektion der "lebenden Bilder".