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Lüneburger Heide

 

"Die Heide, die weite, einsame, über die der Sturm schreitet und das Heer tintenblauer Gespensterwolken, wandernd von Ewigkeit zu Ewigkeit, die weite nordische Heide mit ihrem eintönigen zerzausten Gestrüpp, (...) sie weiß Geschichten zu erzählen, süße, leidenschaftliche, dämonisch-unheimliche, dem, der sie zu belauschen vermag."

So kündigt der Illustrierte Filmkurier 1925 den ersten Spielfilm an, der nachweislich in der Lüneburger Heide gedreht wird: Zur Chronik von Grieshuus. Belauscht hat die Heide Theodor Storm, nach dessen Novelle der Film unter der Regie von Arthur von Gerlach entsteht. Die Handlung ist im 17. Jahrhundert angesiedelt: Auf Schloss Grieshuus verliebt sich Junker Hinrich (Paul Hartmann) in das ,einfache' Heidemädchen Barbara (Lil Dagover), doch ihre Verbindung ist tragisch. Vier Tote gehen in die düstere Familienchronik ein.

Ähnlich dramatisch beginnt der 1927 von Martin Berger gedrehte Stummfilm Die Ausgestoßenen - Heimkehr des Herzens. Auch hier entspinnt sich ein Familiendrama. Heidebauer Nadt (Hans Stüwe) ist wegen Totschlags angeklagt, weil er auf einem Dorffest seine Frau (Maly Delschaft) verteidigt hat. Nach Jahrzehnten der Trennung findet die Familie wieder zusammen.

Ein weitaus fröhlicherer Grundton wird in Grün ist die Heide angestimmt. Er eröffnet den Reigen der Heide-Tonfilme: Von nun an spielen Musikanten eine maßgebliche Rolle. Hans Behrendt inszeniert Grün ist die Heide 1932 nach Motiven von Hermann Löns. Die "grüne" Heide macht ein geheimnisvoller Wilddieb unsicher. Förster Walter (Peter Voss) ist ihm auf der Spur. Er lernt dabei die Tierärztin Grete (Camilla Spira) kennen und - mit musikalischer Untermalung - auch lieben.

Die Heide, die Liebe und die Musik spielen auch ein Jahr später in Carl Heinz Wolffs Heideschulmeister Uwe Karsten die Hauptrolle. Uwe Karsten (Hans Schlenck) und seine Jugendliebe Ursula (Marianne Hoppe) gehen zunächst getrennte Wege, bis sie in der Heide ihr Glück finden. 1954 wird der Stoff von Hans Deppe neu verfilmt.

Die Ausgestoßenen

Die Ausgestoßenen

 

1932, bei der ersten Version von Grün ist die Heide, ist der Begriff des "Heimatfilms" noch unbekannt. Erst Hans Deppes "Frischluftfilme" Schwarzwaldmädel (1950) und Grün ist die Heide (1951) werden zu Pionieren einer neuen Heimat-Welle.
Das Remake des Heide-Stoffes entwickelt sich zum (finanziell) erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm: Bis 1959 sehen ihn 19 Millionen Bundesbürger. Auch im Ausland ist der Film ein Kassenschlager. Das "Traumpaar" aus dem Schwarzwaldmädel, Sonja Ziemann und Rudolf Prack, steht auch hier wieder vor der Kamera (siehe Foto oben links auf dieser Seite). Das Kinopublikum nennt die beiden bald nur noch "Zieprack" und: "Jeder Backfisch ist ein Prackfisch!"

Die Neuverfilmung von Grün ist die Heide erzählt die bekannte Geschichte mit zeitgemäßen Variationen: "Grete" heißt jetzt "Helga" (Sonja Ziemann), Förster "Walter" bekommt den Nachnamen "Rainer" (Rudolf Prack). Die wichtigste Änderung nimmt das Drehbuch bei Helgas Vater Lüder Lüdersen (Hans Stüwe) vor: 1951 ist aus dem mittellosen Gutsbesitzer ein Heimatvertriebener aus Schlesien geworden. "Riesengebirge, deutsches Gebirge, meine liebe Heimat, du!" singt die Dorfgemeinschaft bei einem Schützenfest. Da die Lüneburger Heide im Zweiten Weltkrieg erheblich gelitten hat, lässt Regisseur Deppe kurzerhand "Kraut-Kulissen" in die Landschaft stellen. Zu den Dreharbeiten auf dem Schützenplatz von Bleckede sind auch "richtige" Heidjer eingeladen: "Wer mitgefilmt werden will, komme in Sonntagskleidung", fordert ein Schild der Berolinafilm aus Berlin auf.

Die dritte Verfilmung von Grün ist die Heide (1972) hat mit ihren Vorgängern nur noch das Wesentliche gemein: Heidelandschaft, Musik und Liebe. Die Story dreht sich hier um Norbert, Bernie und Möps, die als Städter auf dem Land dem Alkohol, dem Nikotin und den Frauen entsagen wollen. Die guten Vorsätze sind jedoch bald vergessen.

Grün ist die Heide (1951) Grün ist die Heide (1972)

Grün ist die Heide (1951) Grün ist die Heide (1972)

 

Der Erfolg von Grün ist die Heide löst in den fünfziger Jahren einen bisher ungekannten Heimatfilm-Boom aus: "Es wurden Heidefilme gedreht, dass die Heide wackelte. Und nicht nur das! War die Jahreszeit zu weit fortgeschritten, sprühte man das Heidekraut rasch mit grüner Farbe an, bevor die Kamera surrte." (Manfred Barthel)

Die Lüneburger Heide wird zur meistgefilmten Landschaft Niedersachsens. Die Filme kreisen routiniert um die immergleichen Komponenten Heide, Musik und Liebe. Drehbuchautoren sind angehalten, die Konflikte "immer erst nach dem Trachtenumzug" (Kurt Ulrich) aufzulösen. So gibt es ein Wiedersehen mit Rudolf Prack als Heideurlauber in Wenn abends die Heide träumt (1952, Regie: Paul Martin). Auch Regisseur Hans Deppe kehrt wieder, um 1954 das schon erwähnte Remake von Heideschulmeister Uwe Karsten und 1960 Wenn die Heide blüht zu drehen.

Regisseur Ulrich Erfurth inszeniert 1956 gleich zwei Filme: Drei Birken auf der Heide und Heidemelodie. Karl Hartl stellt im selben Jahr fest, dass die Heide nicht nur grün, sondern die Liebe auch rot ist. In Rot ist die Liebe verfilmt er eine Episode aus dem Leben von Hermann Löns. Der Heidedichter wird von Dieter Borsche dargestellt.

Auch der "Neue Deutsche Film" findet den Weg in die Heide. In seinem Regiedebüt Nachtschatten (1971) entwirft Niklaus Schilling jedoch ein völlig anderes Heidebild. Angesiedelt zwischen Realität und Traum, erinnert der Film seine Kritiker nicht umsonst an Stummfilme von Friedrich W. Murnau.

Das Erstlingswerk von Heidi Genée entsteht ebenfalls in der Heide. Grete Minde (1976/77), nach einer Novelle von Theodor Fontane, spielt kurz vor Ausbruch des 30jährigen Krieges. Die Titelheldin geht an der Intoleranz ihrer puritanischen Umgebung zugrunde.

Wenn die Heide blüht Nachtschatten Grete Minde

Wenn die Heide blüht Nachtschatten Grete Minde