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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Afrikabild » Drittes Reich

Kolonialausstellungen im Dritten Reich

von Erich Grosse und Inga-Dorothee Rost

"Koloniale Erinnerungskultur" in Form von Feierstunden, Fahnenweihen, Gedenksteinen oder Kolonialliteratur sowie -kunst erfolgte bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten vorwiegend von privater Hand bzw. auf deren Initiative hin: von kolonialen Vereinigungen wie der Deutschen Kolonialgesellschaft, dem Deutschen Afrika-Korps e.V. oder von Privatpersonen, die der deutschen Expansionspolitik begeistert gegenüberstanden. Private Interessen mischten sich jedoch mit denen des Staates, indem diese "Kolonialkultur" eine ähnliche ideologische Konnotation wie die Kolonialpolitik besaß, die die Überlegenheit der Deutschen und westlichen Kultur allgemein unterstrich.

Im Dritten Reich dagegen übernahm zunehmend die Regierung selbst die Lenkung erneuter Kolonialbestrebungen und kolonialrevisionistischer Forderungen. Im Jahr 1933 wurde der Reichskolonialbund gegründet, in dem drei Jahre später die Deutsche Kolonialgesellschaft und andere Kolonialverbände gleichgeschaltet wurden. Dessen Zielsetzung fand sich auf jedem Mitgliedsaufnahmeantrag: "Die Herausgabe der Kolonien ist eine Lebensfrage für die deutsche Nation. Der Reichskolonialbund hat vom Führer die Aufgabe erhalten, das Verständnis für den kolonialen Gedanken zum Gemeingut des ganzen deutschen Volkes zu machen."[1]

Hitler selber legte relativ wenig Wert auf die "Zurückeroberung" ehemaliger Kolonialgebiete oder überhaupt ein politisch-wirtschaftliches Engagement in Afrika, wie es z.B. der Leiter des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP und spätere Präsident des Reichskolonialbundes, Franz Xaver Ritter von Epp, forderte. Hitlers Augenmerk lag auf der Ostexpansion. Aber indem er eine kolonialrevisionistische Propaganda und Politik befürwortete, konnte er umgekehrt auf die Unterstützung dieser Kräfte für seine eigentlichen Ziele setzen.

In Hannover bestand bis zum Kriegsende 1945 eine Unterorganisation des Reichskolonialbundes, im Gauverband Süd-Hannover-Braunschweig zusammengeschlossen. Zusammen mit den vor Ort ansässigen Kolonialverbänden und im Auftrag der NSDAP-Kreisleitung der Stadt Hannover organisierte die Unterorganisation zum 50. Jahrestag des ersten "Schutzvertragsabkommen mit Deutsch-Südwestafrika" im März 1934 erstmals eine "Koloniale Feierstunde" in Hannover. Mit der Feier verbunden war eine Kolonialschau, die vom 7.-11. März 1934 im Walter Schumann Heim (Nikolaistr. 10), abgehalten wurde. Die zweite Schau folgte erst im April 1938, wahrscheinlich weil das Publikumsinteresse an einer solchen Veranstaltung nicht hoch war. Dies war auch der Fall für die erste Kolonialausstellung des Landesmuseum im hannoverschen Leineschloss (heutiger Landtag) am 26.10.1935, die anläßlich der Feierlichkeiten zur Einweihung des » C(K)arl-Peters-Denkmals stattfand. Das Motto der Schau stand über dem Eingang und sollte die Besucherinnern und Besucher auf eine koloniale Expansion einschwören: "Wir brauchen Kolonien genau so nötig wie irgendeine andere Macht!"[2] Die Ausstellung selbst präsentierte vor allem "Erinnerungsstücke", die von Hannoveranern/innen in den Kolonialgebieten erworben worden waren: Darunter von Personen wie » Rudolf von Bennigsen, junior, der Finanzdirektor in Deutsch-Ostafrika sowie Gouverneur in Deutsch-Neuguinea gewesen war, Bernhard von Bothmer, Leutnant in Deutsch-Ostafrika, Gustav Cohrs, der als Gouverneurssekretär am Bau der Tanganjika-Eisenbahn in Deutsch-Ostafrika verantwortlich war oder Leutnant von Frese, der in Kamerun diente. Während sich die Carl-Peters-Feierlichkeiten eines großen Zulaufs erfreuten, mangelte es der Kolonialausstellung an Besuchern/innen, so dass die Ausstellung in den Wintermonaten 1937/38 geschlossen wurde, um Heizkosten zu sparen. Außerdem wurde das Konzept überarbeitet und die Ausstellung am 12. Januar 1939 in neuer Anordnung präsentiert, die Wert auf die Rohstoffentwicklung der ehemaligen deutschen Kolonien legte.

Erfolgreicher dagegen war ein anderes hannoversches Projekt: Auf Initiative der Abteilung II für "Koloniale Schulung", dessen lokale Leitung G. Thiemann-Groeg oblag, konnte im April 1939 das "Dr. H.E. Göring-Kolonialhaus" in der Jägerstr. 4 eingeweiht werden. Dieses wurde nach dem Vater von Hermann Göring benannt, der 1885-1889 Reichskommissar in Deutsch-Südwestafrika war. Die "Koloniale Lehrschau" konnte im Kolonialhaus nun bis 1945 als Dauerausstellung präsentiert werden. Doch nicht nur "interessantes Material in aufklärendem und belehrendem Sinne"[3] - Gebrauchs- und Kunstgegenstände, Bilddokumente, die insbesondere Aufschluss zu den ehemals in den Kolonien gewonnenen Rohstoffen und deren Verarbeitung gaben, sowie Vorträge und Diaschauen - stellte das Kolonialhaus aus, das das erste dieser Art in Deutschland war. Hauptsächlich diente es als Ausbildungsstätte für zukünftige Kolonialbeamte und Siedler. Um erfolgreich "...draußen auf Vorposten zu stehen und den neuen deutschen Aufbau in den Kolonien zu übernehmen", verfügte das Kolonialhaus über einen "Lehrraum für Tropenmedizin und Hygiene", einen Schulungssaal für 186 Hörer, in dem in allen "... Spezialfächern, wie Sprachen, Kultur, Moral und Rechtsbegriffen der Eingeborenen ausgebildet"[4] wurde sowie über ein Kolonialarchiv. Thiemann-Groeg (1881-1953) übernahm die Leitung des Kolonialhauses. Die dominierende Person im hannoverschen Reichskolonialbund hatte selbst von 1899-1919 sowie 1928-1933 in Deutsch-Südwestafrika gelebt und versuchte das Überleben des Hauses mit allen Kräften zu sichern, auch nachdem es 1943 durch Bomben teilweise zerstört worden war. Hitlers endgültige "Aufgabe" von Afrika zugunsten von Südosteuropa bereitete deshalb auch Thiemann-Groeg mit vor. Schon im Herbst 1942 richtete er seine Schulung auf die Ukraine-Krim-Kaukasus-Region aus und legte detaillierte Pläne für die koloniale Besiedlung vor, zu der auch eine Liste an potentiellen Schulungskräften vor Ort gehörte. Wie viele Personen bis 1945 im hannoverschen Kolonialhaus ausgebildet wurden, ist nicht bekannt. Aber da sich das Schulungszentrum bis Kriegsende halten konnte, kann von einer profitablen Nutzung ausgegangen werden. Das Interesse für Afrika florierte anscheinend auch nach 1945, was sich Thiemann-Groeg zu nutze machte: In der Jägerstraße richtete er nach dem Krieg eine private Auswanderer-Agentur für Südafrika ein.[5]

 

Fußnoten

[1] Stadtarchiv Hannover, HR 10/1032.
[2] Nds. Landesarchiv, Hann. 153 Acc 53/84 Nr. 9.
[3] Hannoversches Tageblatt, Nr. 177, 29.06.1939.
[4] Hannoversches Tageblatt, Nr. 177, 29.06.1939.
[5] NHSta Nds 171 Hann 17872.

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