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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Afrikabild » EXPO 2000

Die Präsentation Afrikas auf der EXPO 2000

von Gerald Lieske und Mark Holthoff

Im Verein mit den Darstellungen lateinamerikanischer und asiatischer Länder wurde die Repräsentation der afrikanischen Länder dazu benutzt, der Weltausstellung EXPO 2000 in der Provinzmetropole Hannover ein exotisches Flair zu verleihen. Damit spielten diese Länder eine wesentliche Rolle in der Werbestrategie der Veranstalter, die den EXPO-Besuch als gleichwertigen Ersatz für eine Urlaubsreise anpries. Dass zusätzlich mit dem Slogan, die ganze Welt in einem Tag besuchen zu können, geworben wurde, spricht nicht gerade für inhaltliche Tiefe.

Der Stellenwert, der den afrikanischen Ländern in ihrer Rolle als Werbefaktor zukam, spiegelt sich in der Größe des ihnen gewidmeten Raumes wieder: Ganz wie in der Reisewerbung wurden auch bei der EXPO 2000 Spaß und Abenteuer vor exotischer Kulisse betont. Man darf daran erinnern, dass mit der Preussag / TUI ein großes Reiseunternehmen zu den Organisatoren der EXPO gehörte, welches unter anderem monopolistisch die Führungen über das Ausstellungsgelände anbot.

Untersuchungen haben gezeigt, dass bestimmte Stereotypen, die ihren Ursprung in der Zeit des Kolonialismus und der Sklaverei haben, bis heute lebendig sind. Diese Kontinuität zeigt sich in den Expo-Medien.[1] Die Stereotypen der tanz- und musikbegeisterten Schwarzen sowie von Afrika als Naturparadies werden immer wieder repräsentiert. Die Vorstellung von der sexuellen Hyperaktivität der Afrikaner/innen spielt vor allem in den bildlichen Darstellungen eine Rolle, die insgesamt aber eher einem latenten Versprechen gleichen. Besonders häufig wird Afrika mit traditioneller Handwerkskunst in Verbindung gebracht, welche den Expo-Touristen die Möglichkeit bietet, sich selbst ein Stück Afrika anzueignen. Dabei wird der Kontinent auf ein Souvenir-Lager reduziert: Afrika als schöner bunter "Basar".

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Die Schilderungen afrikanischer Länder sind tendenziell schönfärberisch. Die tatsächlich vorhandenen Probleme werden verschwiegen, wenn sie für die Europäer unangenehm oder dem Reisedrang abträglich sind. Das "Positive", das dargestellt wird, ist jedoch eine an Stereotypen orientierte Verzerrung. Wirklich innovative Elemente und solche, die nicht ins stereotype Bild passen, finden in dieser Darstellung keinen Platz. Die Regelmäßigkeit, mit der auf Projekte zur alternativen Energiegewinnung - meist Solarenergie - und Wasserversorgungs- oder Umweltschutzprojekte hingewiesen wird, bestätigt die Vermutung der Journalisten Werner Balsen und Michel Mbida, dass auf der EXPO nicht zuletzt für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und seine Unternehmungen, das heißt für die deutsche so genannte Entwicklungspolitik, geworben wurde.[2]

Ob diese Ausrichtung mit den wohlfeilen Bekenntnissen und vollmundigen Versprechungen der Agenda 21 und Gerhard Schröders, die EXPO 2000 sei ein "Forum für alle Menschen", in Einklang steht, ist mehr als zweifelhaft. Einmal mehr wurden außereuropäische Länder zu den Zwecken einiger europäischer, in diesem Fall deutscher, Profiteure missbraucht. Dabei muss man sich allerdings bewusst sein, dass die afrikanischen Länder in ihrer Präsentation Anteil an der Reproduktion der sie betreffenden Stereotype haben. So war es zum Beispiel Ziel einiger Länder, durch den Verkauf der "typischen" Souvenirs die Teilnahme an der EXPO 2000 mit zu finanzieren.

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Mit ihrer Repräsentationsweise haben die EXPO-Medien dazu beigetragen, dass die Afrikahalle trotz inhaltlich guter Angebote in der Erinnerung der EXPO-Besucher immer wieder durch das gleiche Bild vertreten ist: Trommeln, Tanzen und wilde Tiere.

 

Fußnoten

[1] Untersucht wurden das EXPO-Journal und der EXPO-Guide.
[2] In zwei Artikeln der Frankfurter Rundschau vom 8. Mai 2000 ist von der Finanzierung der afrikanischen EXPO-Stände durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zu lesen. Es ist die Rede davon, welche Rolle die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) bei der Auswahl der vorgestellten Projekte spielte. Der Autor Werner Balsen stellt die Frage, ob die Afrikahalle nicht vielmehr ein Podium für das BMZ und seine Politik darstelle. Besonders in dem von ihm geführten Interview mit dem Journalisten Michel Mbida aus Kamerun wird deutlich, dass so unangenehme Themen wie die Ausbeutung Afrikas durch die Europäer zu Zeiten des Kolonialismus vermieden würden. Und sei es nur deswegen, weil "man nicht in die Hand spuckt, die einen ernährt".

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