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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Afrikabild » Völkerschauen

Völkerschauen

von Inga Bein und Ronald Pokoyski

Besonders in den Jahren von 1874 - 1931 kamen die Bewohner vieler europäischer Großstädte in den "Genuss" der Zurschaustellung von Menschen anderer Kontinente. Die "Völkerschauen" firmierten in Europa und Deutschland nicht unter einheitlichem Namen und waren unterschiedlich in Form und Inhalt.

Das Interesse an einer Zurschaustellung "exotisch" wahrgenommener Menschen ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts Neues. Bereits in den vorhergehenden Jahrhunderten wurden Menschen bisher unbekannter Völkergruppen zum Beispiel auf Jahrmärkten gezeigt. Was sich zum damaligen Zeitpunkt jedoch änderte ist die Art der Präsentation. Stand zuvor die Darbietung einer "Kuriosität" im Vordergrund, so schrieben sich viele Veranstalter ab 1874 einen Bildungsanspruch auf ihre Fahnen. Ihre Intention war es, dem Besucher fremde Völker sowie deren Sitten und Gebräuche näher zu bringen. Organisatoren wie der hamburgische Tierhändler Carl Hagenbeck legten Wert auf eine - ihrer Ansicht nach - detailgetreue Darstellung der jeweiligen Lebensverhältnisse. So entstanden Freilanddioramen, in denen die "Völkerschau"-Teilnehmer Musik machten, tanzten, kämpften. Für die Europäer manifestierte sich dadurch ein bestimmtes, einseitiges Bild. Die "Völkerschauen" zeigten nicht etwas völlig Neues, sondern versuchten die zum Beispiel durch Kolonialromane geprägten Phantasiebilder der Besucher mit "lebenden Bildern" zu untermauern. Warum aber kam es gerade in der angesprochenen Zeit zu einem Wandel der Darstellung von den Europäern fremden Völkern? Und warum übten diese Zurschaustellungen auf die Bürger so eine große Faszination aus?

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Nicht von der Hand zu weisen sein dürfte die Verbindung zwischen "Völkerschauen" und den in Deutschland vorherrschenden imperialistischen und kolonialistischen Ideologien, die sich auch rassistischer Elemente bedienten, dienten die Schauen doch oft der Darstellung kolonialer Macht. Vermutlich aber sahen die Besucher in den "Fremden" mehr als die "unzivilisierten" Bewohner europäischer Kolonien. Für viele verkörperten sie eine Freiheit, die sie selbst längst eingebüßt hatten: So suggerierten die Vorstellungen der verschiedenen Völkergruppen ein Leben fern jeder Norm und zeitlichen Verpflichtungen. Die Schauen zeigten nicht nur Menschen, sondern Körper, wie Werner Michael Schwarz unterstreicht.[1] Und gerade der Körper war Thema im ausklingenden 19. Jahrhundert An ihm versuchte man Unterscheidungsmerkmale zu finden. Seien sie nun sozialer, moralischer, geschlechtlicher oder rassistischer Natur. Die anthropologischen sowie ethnologischen Forschungen, denen die Schauen u.a. dienen sollten, wurden des öfteren, vor allem von Männern dazu genutzt, in den Genuss "nackter" Tatsachen zu kommen, was ansonsten im prüden Europa unvorstellbar war. Unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft konnten Gelüste jeglicher Art ausgelebt werden.

Wo fanden die "Völkerschauen" vorwiegend statt?

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So gut wie überall. Es kam auf den Veranstalter an und ob er eher beim Althergebrachten blieb und auf Effekte wie "Exotik" setzte, oder es lieber ethnographisch genau hatte. Die Spannbreite der Veranstaltungsorte reichte somit vom Jahrmarkt über die Gaststätte und das Kabarette bis hin zu großen Freigeländen, Parks und zoologischen Gärten.

Auch in Hannover diente das Gelände des zoologischen Gartens in den Jahren 1878 bis 1932 als Bühne verschiedener Schauen. Im ersten Jahr der hannoverschen "Völkerschau"-Geschichte gaben sich gleich drei Ausstellungen die Klinke in die Hand. Die erste Schau, gezeigt wurden "Hindus", führte zu einem Massenandrang. Nicht weniger als fünfzehntausend Besucher zählte man an einem Tag. Das war Rekord und sollte nicht wieder erreicht werden.

Alle drei Schauen organisierte Carl Hagenbeck, dessen Tierhandel zur damaligen Zeit schlecht lief und dem die Idee, den Europäern "Wilde" zu präsentieren, das wirtschaftliche Überleben sicherte. Es brauchte nicht lang und die Konkurrenz trat auf den Plan, denn schnell war ersichtlich, das sich mit Völkerschauen gut Geld verdienen ließ.

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In Hannover war es die Firma Reiche, wie Hagenbeck ebenfalls ein Tierhandelsunternehmen, die insgesamt fünf Schauen in der Zeit von 1879 bis 1886 veranstaltete. Darunter 1886 nicht näher spezifizierte "Angehörige verschiedener Stämme Süd- und Westafrikas".[2] Jede Schau war vom Programm her ähnlich konzipiert und die Darsteller/innen der Schau von 1886 hatten laut eines Veranstaltungsplakates einen vollen Zeitplan. Täglich fünf "Vorführungen ihrer Spiele, Tänze, Gefechte" hatten sie zu absolvieren. Beginnend morgens um neun und endend abends um halb acht.

Nichtsdestoweniger besaß jede Schau ihre Besonderheit. Sei es nun ein aus gegorener Milch hergestellter Schnaps oder die Gelegenheit für Besucher auf einem Elefanten zu reiten. Die Veranstaltungen lösten bei ihren Besuchern unterschiedliche Gefühlsregungen aus. Einerseits faszinierte sie das "Fremde", die andere Kultur, die als primitiv empfundene und als primitiv dargestellte Lebensweise. Andererseits machten sie ihnen Angst.

Waren Hagenbecks Schauen vom Anspruch einer gewissen Authentizität und dem Versuch, eine Einheit von Mensch und Natur zu präsentieren geprägt, so waren andere Veranstalter an spektakulären Shows interessiert. So musste sich zum Beispiel ein bankrotter Amerikaner aus Baltimore in einem Zirkus als "Hottentott" ausgeben und Tauben die Köpfe abbeißen. Eine Darstellung die mitnichten dazu beitrug, die Ethnien der neuen deutschen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, wie die Khoi, kennen und verstehen zu lernen. Bei solchen Beispielen, von denen es zahlreiche mehr gibt, ist es nicht weiter verwunderlich, dass Völkerschauen ab 1885 in Verruf gerieten. In Hannover fanden ab diesem Zeitpunkt, mit Ausnahme der erwähnten Schau 1886, bis zum Jahre 1898 keine weiteren Schauen statt. Und auch das Jahr 1898 brachte in Hannover keine Neuauflage des Völkerschautyps. Gerade mal eine "ethnographische Sonderausstellung", bei der "Kirgisen und Tataren" gezeigt wurden, unterbrach den daniederliegenden "Völkerschau"-Boom.

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Erst die 20er Jahre brachten die Wende, was auf den Kolonialrevionismus der Zeit zurückzuführen ist . 1921 veranstalte Hagenbeck eine große Afrikaschau, in deren Umfeld der Afrikafilm "Die Tigerin" gedreht wurde. Nachdem der Zoo aufgrund finanzieller Engpässe in den Jahren 1922 bis 1924 geschlossen und dank tatkräftiger Hilfe der Firma Ruhe wiedereröffnet werden konnte, kam es in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zu zwei weiteren großen "Völkerschauen". Veranstalter war abermals Carl Hagenbeck mit einer "Inderschau" 1925 und ein Jahr später die Firma Ruhe, die den damaligen Zoodirektor Otto Müller auf Expedition nach Afrika schickte, um sich selbst vor Ort um, wie es im internen Briefwechsel heisst, "brauchbares Menschenmaterial" zu kümmern. Von seiner Reise brachte er 61 Somali mit nach Hannover. Noch im selben Jahr veröffentlichte er sein Buch "Rings um den Tschertscher", in dem er seine Reiseerlebnisse verarbeitete.

Anfang der 30er Jahre kam es zu den letzten beiden "Völkerschauen" im Zoo Hannover. 1931 zeigte man "Südseeinsulaner" und im folgenden Jahr "Tellerlippennegerinnen" und "Buschmänner".

Während sich die "Völkerschauen" im 19. Jahrhundert als regelrechte Besuchermagnete herausstellten, war dies bei den späteren Schauen nicht mehr der Fall. Wie die neuere Forschung zeigt, hat der Tonfilm, mit dessen Hilfe man sich die Länder und Kulturen der Welt jetzt ins Kino holen konnte, die "Völkerschau"-Ära ausklingen lassen.

Ein weiterer Grund für das Ende der Schauen war die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Sie sahen in diesen Schauen "eine Bedrohung für das Volk, welches […] selbst auf dem höchsten Ast der Evolution zu sitzen glaubte".[3]

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Ist man nun aber der Ansicht, das Interesse an dem Exotischen, den "Völkerschauen" und dem Betrachten anderer Menschen hätte sich ebenfalls mit dem Ende der Schauen in Wohlgefallen aufgelöst, so irrt man. Lediglich die Möglichkeiten, diesem Interesse zu frönen, änderten sich. Neben dem erwähnten Tonfilm und dem aufkommenden Fernsehen machte es bald auch der Tourismus möglich, fremde Länder und deren Bevölkerung zu besuchen. Dieses Interesse ist bis heute nicht abgeklungen. Ausstellungen wie zum Beispiel die » EXPO 2000 oder Besuche deutscher Politiker in "exotischen" Ländern, wie der Staatsbesuch des Bundeskanzlers im Januar 2004 in Afrika, den man mit "afrikatypischen" Tänzen zu erfreuen suchte, zeigen, dass auch heute noch Stereotype fremder Kulturen übermittelt werden. Interessant im Zusammenhang von Tourismus und Völkerschau ist auch die Überlegung Reinhold Messners, in seiner Museumskette "Messner Mountain Museum" Bergvölker auszustellen.[4]

 

Fußnoten

[1] Schwarz 2001, S.15.
[2] Dittrich und Rieke-Müller 1990, S. 46.
[3] » http://www.zoohamburg.de/deu/index.php?option=content&task=view&id=18&Itemid=41
[4] » http://www.tourism-watch.de/dt/28dt/28.volkerschauen/

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