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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Denkmäler » Carl Peters und Hannover

C(K)arl Peters und Hannover

von Felix Schürmann und Inga-Dorothee Rost

In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Erinnerungsorte für Carl Peters bzw. Karl Peters, wie sein Vorname ab den Zwanziger Jahren geschrieben wurde, wie in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Dabei wohnte er lediglich für einige Monate in Hannover. Peters wichtigste Verbindung zur Stadt war seine Freundschaft zum langjährigen Oberstadtdirektor » Heinrich Tramm. Es ist der Letztgenannte, der zusammen mit Peters Familie und einigen Freunden aus der Kolonialbewegung die Ehrungen für Peters initiierte. So wurde 1916 ein lange Zeit namenloser Platz in der Südstadt Hannovers nach dem im Deutschen Reich umstrittenen und 1897 entlassenen Reichskommissar für Deutsch-Ostafrika benannt. Weitere städtische Ehrungen folgten in Form eines Ehrengrabes auf dem Stadtfriedhof Engesohde nach Peters' Tod im September 1918. Dieses fungierte ab 1928 als Sammlungspunkt kolonialrevisionistischer Kreise, nachdem - wiederum auf Initiative Tramms - die Grabstätte einen entsprechend repräsentativen » Grabstein erhielt.

Zeittafel

 

1916 In Hannovers Südstadt wird der Karl-Peters-Platz angelegt

1914-1918 Zahlreiche Aufenthalte von Carl Peters in Hannover

10.09.1918 Carl Peters stirbt in Woltorf bei Peine

13.09.1918 Die Stadt Hannover richtet ein Ehrengrab für Peters auf dem Stadtfriedhof Engesohde ein

10.09.1928 Einweihung des von Freunden Peters' gestifteten "Grabgedenksteins"; die "Weihrede" hält Heinrich Tramm

10.09.1932 Feier der Kolonialgesellschaft am Grab des "großen Kolonialpioniers"

18.11.1934 Gedächtnisstunde der Stadt Hannover für Carl Peters unter Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters. Veranstalter sind der Reichskolonialbund und die Forschungsstelle "Niedersachen im Ausland". Die Veranstaltung ist so gut besucht, dass einigen Einlass verweigert werden muss

27.10.1935 Einweihung des Karl-Peters-Denkmals auf dem Karl-Peters-Platz in der Südstadt und Eröffnung der Kolonialausstellung des Landesmuseums im Leineschloss

27.10.1936 Gedenkfeier zum 80. Geburtstag von Carl Peters, der mit Kranzniederlegung am Grabmal, sieben Konzerten, Flugzeugkette und unter Beteiligung von Marschgruppen begangen wird

03.06.1957 Feier der ehemaligen Kolonial- und Überseetruppen am Karl-Peters-Denkmal. Die Stadtverwaltung Hannovers übernimmt für vier Fahnenmasten die Kosten. An einem der Masten wird die Karl-Peters-Flagge gehisst

1983 Forderung nach Umbenennung des Platzes und Abriss des Denkmals

30.06.1988 Anbringung einer Mahntafel gegen den Kolonialismus am Karl-Peters-Denkmal auf Initiative des Friedensforum Südstadt und der SPD-Südstadt

Sommer 1991 Kolonialkritische Kunstaktion auf dem Karl-Peters-Platz

01.02.1994 Umbenennung des Karl-Peters-Platzes in Bertha-von-Suttner-Platz

Höhepunkt der posthumen Ehrungen stellte das am 27. Oktober 1935 auf dem » Karl-Peters-Platz eingeweihte C(K)arl-Peters-Denkmal dar, welches durch die Stadt, den Reichskolonialbund sowie die Deutsche Kolonialgesellschaft finanziert wurde. Auf die Intention der Denkmalsetzung verweist der hannoversche Ortsverband des Reichskolonialbundes in seiner Ankündigung der "Ehrenfeier", in der es heißt: "Sorgen wir dafür, daß auch die Carl-Peters-Gedächtnisfeier in Hannover der Welt die Notwendigkeit deutschen Kolonialbesitzes vor Augen führt."[1] Die Weihrede hielt am 27. Oktober 1935 kein anderer als der Leiter des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP, Franz Xaver Ritter von Epp, der dazu aufrief, dass die Erinnerung an Peters Grundlage "zu neuem kolonialen Wollen des deutschen Volkes"[2] sein solle.

Dieser Aufruf, der durch eine bewusst gelenkte Propaganda die in Kolonialfragen eher gleichgültig gestimmten Deutschen für neue Eroberungen begeistern sollte, findet sich in der Ikonografie des Denkmals selbst wieder, das von dem Bildhauer Ulfert Jansen geschaffen wurde. Auf der Frontseite zeigt dieses unter dem Namenszug "CARL PETERS" Afrika als "weißen Flecken (...), dessen (scheinbare) Leere und Unberührtheit die Begehrlichkeit des darüber schwebenden (deutschen Reichs-) Adlers nach alten Kolonien weckt."[3] Auf der mittlerweile verwitterten rechten Schmalseite ist das Profil Peters zu sehen, unter dem - unter Verwendung des Possesivpronomen "uns" - folgende Widmung steht:

"DEM GROßEN NIEDERSACHSEN CARL PETERS DER DEUTSCH-OSTAFRIKA FÜR UNS ERWARB."

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Für die, die die Intention der Denkmalsetzung noch nicht verstanden hatten, beschrieb sie der Hannoversche Anzeiger am Tag nach der Einweihung: Der Wunsch sei, dass der "... deutsche Aar seine Schwingen kraftvoll über unsere afrikanischen Besitzungen breiten und sie schütze solle." Und über Peters heißt es im Text: "Gott möge dem Führer einen zweiten Carl Peters schenken."[4]

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Es ist von einer bewussten Instrumentalisierung der Person Carl Peters durch die Nationalsozialisten auszugehen. Peters, ein Mann, den die wissenschaftliche Forschung als einen "erfolgsarmen, gerichtsnotorisch kriminellen Psychopathen"[5] beschreibt, wurde als nationaler Held von den Nationalsozialisten und als Symbolfigur deutscher Kolonialbestrebungen wiederentdeckt, dessen nationalistischen und rassistischen Anschauungen darüber hinaus als Vorläufer einer nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmt werden konnten. Und genau in diesem ideologischen Kontext muss die Denkmalerrichtung für Peters gesehen und reflektiert werden. In den Quellen finden sich keine Hinweise darauf, warum die Stadt Hannover gerade Carl Peters so viel Ehre zukommen ließ. Sicherlich begründete sie sich in der erwähnten privaten Initiative. Allerdings gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die Stadt Hannover gegen eine Erinnerungskultur und Symbolisierung der Person Carl Peters aussprach. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass Hannover im Dritten Reich die Person Peters für sich vereinnahmen wollte. In diesem Zusammmenhang fällt auf, dass Hannover vom Reichskolonialbund immer wieder als Heimatstadt Peters genannt wird, obwohl diese das Elbstädtchen Neuhaus war. Die Stadt Hannover beteiligte sich an diesem Mythos und unternahm nach 1945 wenig, um ihn kritisch zu hinterfragen.

Erst Mitte der Achtziger Jahre nahm sich das Friedensforum Südstadt, ein lockerer Zusammenschluss aus politischen, kirchlichen und friedensinteressierten Gruppen zusammen mit der SPD-Fraktion im Bezirksrat Südstadt-Bult dieser nationalsozialistischen Personenverherrlichung an und forderte eine kritische öffentliche Auseinandersetzung in Hannover heraus. Gemeinsam unterstützen sie 1985 den von der SPD-Fraktion im Bezirksrat Südstadt-Bult eingebrachten Antrag, das Denkmal in ein antikoloniales Mahnmal umzuwidmen und mit einer Mahntafel zu ergänzen. Am 50. Jahrestag der Denkmaleinweihung sollte bewusst ein Zeichen gesetzt werden, um die Ehrung Peters durch die Nationalsozialisten ebenso zu hinterfragen wie Peters' selbstherrliches und rassistisches Vorgehen. Auch wollten sie zur kritischen, zeitgemäßen Auseinandersetzung über die deutsche Kolonialgeschichte in Vergangenheit und Gegenwart anregen. Nachdem dieser Antrag aber durch die CDU-Mehrheit im Bezirksrat mit der Begründung abgelehnt wurde, dass man keiner "banalen Belehrung" bedürfe und es in der Bundesrepublik keine Kolonialgedanken mehr gebe[7], dauerte es drei weitere Jahre, bis am 30. Juni 1988 durch Oberbürgermeister Schmalstieg die "Mahntafel gegen den Kolonialismus" angebracht werden konnte:

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"Dieses Denkmal wurde im Jahre 1935 von den Nationalsozialisten errichtet: Es stand für: Verherrlichung des Kolonialismus und des Herrenmenschentums. Uns aber ist es eine Mahnung, der Charta der Menschenrechte entsprechend uns einzusetzen für die Gleichberechtigung aller Menschen, Völker und Rassen."

Eine Formulierung, die - abgesehen von der Verwendung des Rasse-Begriffs - durchaus als Vorbild für Straßenumbenennungen dienen könnte und eine aktive Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit auf lokaler Ebene fördern würde.

 

Fußnoten

[1] Reichskolonialbund , Ortsverband Hannover, an die Verbände des Reichskolonialbundes und deren Mitglieder. 2.10.1935. Nds. Landesarchiv, Hann 152 Acc 53/84, Nr. 9.
[2] Zeller 1997, S. 366.
[3] Zeller 2000, S. 166.
[4] Hannoverscher Anzeiger, 28.10.1935.
[5] Helmut Bley zitiert in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Stadtteilzeitung Süd, 16.05.1991.
[6] Hannoversche Allgemeine Zeitung, Stadtteilzeitung Süd, 26.09.1985, die Helmut Kirsebauer (CDU) zitiert.

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