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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Denkmäler » Gedenktafel

Gedenktafel für die Gefallenen in Deutsch-Südwestafrika

von Felix Schürmann

Am 8. Januar 1911 wurde in der Neuen Garnisonkirche am Goetheplatz eine Gedenktafel eingeweiht. Die gedachte der hannoverschen Soldaten, die während des Kolonialkrieges in Deutsch-Südwestafrika gefallen waren oder vermisst wurden.[1] Bei der Neuen Garnisonkirche handelte es sich um eine vom renommierten hannoverschen Architekten Christoph Hehl entworfene und ausschließlich Soldaten vorbehaltene Militärkirche, die zwischen 1892 und 1896 errichtet wurde und die zentrale Gefallenengedenkstätte Hannovers darstellte.[2]

Die Militärseelsorge war im Kaiserreich eine durch und durch nationalistische Einrichtung. So beschrieb Militäroberpfarrer Heinrich Rocholl als Aufgaben der Garnisonkirche bei ihrer Grundsteinlegung am 5. April 1892:

"Hier soll der deutsche Soldat den Fahneneid schwören, das Manneswort der Treue bis in den Tod für unseren teuren Kaiser und König; hier soll ihn die Glut der Vaterlandsliebe erfassen, zu leben und zu sterben für die Ehre und das Heil des deutschen Volkes; hier soll die Begeisterung ihn überkommen, nie müde zu werden, um zu arbeiten an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung."[3]

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Die Gedenktafel für die Gefallenen in Deutsch-Südwestafrika gilt als vermisst[4], und es gibt lediglich eine Aufnahme, die von der Tafel veröffentlicht ist.[5] Diese zeigt eine etwa 1,50 Meter hohe und 1 Meter breite Tafel, die an einer Säule angebracht und mit einem Reichsadler verziert ist. Die Inschriften sind auf dem Bild leider nicht zu entziffern. Intention der hannoverschen Tafel war sicherlich - ähnlich wie bei anderen Beispielen solcher Gedenktafeln, zum Beispiel der im Hamburger Michel -, nicht nur an die Gefallenen zu "erinnern" und historisch "aufzuklären", sondern durch die benutzte Symbolik - unter anderem den Reichsadler und den Standort Kirche - den Tod der Soldaten zu thematisieren und diesen emotional mit dem kolonialen Bestreben des Deutschen Reiches zu verbinden. Zur Zeit des Nationalsozialismus dienten diese Erinnerungsorte als Symbol, "in denen sich die Forderung nach Rückgabe des ‚geraubten deutschen Kolonialreiches' manifestierte."[6] Dahingehend darf die politische und ideelle Bedeutung solcher Denkmäler - und insbesondere der Kriegerdenkmäler - nicht ignoriert werden, trugen und tragen sie zur Mythologisierung bei und dienen in diesem Kontext der Systemstabilisierung bzw. der Propaganda dieser.[7]

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Nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Kirche nahezu unbeschadet überstanden hatte, wurde sie und mit ihr die Gedenktafel Ende 1959 als nicht mehr zeitgemäßes und zudem nicht länger benötigtes Gebäude gegen erhebliche Widerstände aus der Bevölkerung abgerissen.[8] Die Gedenktafel ist insofern von besonderer Bedeutung, als dass sie das einzige Kolonialkriegerdenkmal Hannovers darstellte. Bei den drei übrigen hannoverschen Kolonialdenkmälern handelte es sich um Personendenkmäler, wovon heute nur die Denkmäler für » Carl Peters in der Südstadt (am heutigen » Bertha-von Suttner-Platz) und das für » Graf von Waldersee in der Hohenzollernstraße erhalten sind.

 

Fußnoten

[1] Schneider 1991, S. 102.
[2] Otto 1999 und Schneider 1991, S. 99ff.
[3] Zitiert nach: Otte 1999, S. 255.
[4] Zeller 2000, S. 310.
[5] Veröffentlicht in: Otte 1999, S. 253.
[6] Zeller 2003, S. 196.
[7] Zeller 2000, S. 28-31.
[8] Schneider 1991, S. 263ff.

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