zur Startseite

 

Spuren des Kolonialismus in Hannover » Einleitung

"Afrika" in Hannover
oder: eine kurze Projekteinführung

von Inga-Dorothee Rost

Mit dem Versailler Friedensvertrag vom Juni 1919 endete für das Deutsche Reich eine Ära, die erst 1884 begonnen hatte und der viele Deutsche recht ambivalent und teilweise passiv gegenüberstanden: Die Kolonialära. Doch die Kürze der deutschen Kolonialzeit sollte nicht über deren Nachhaltigkeit und Brutalität hinwegtäuschen, die unter anderem mit dem ersten deutschen Genozid an Herero und Nama (1904-1908) sowie dem Tod tausender Menschen in Afrika und im Pazifik einherging. Die überseeische Expansion hinterließ "Spuren" verschiedenster Art - in den ehemals deutschen Kolonien und im Mutterland. Spuren jedoch, die heute von vielen Regierungsverantwortlichen sowie der deutschen Bevölkerung ignoriert und/oder verharmlost werden.

Koloniales Bestreben und Kolonialgeschichte aber waren und sind in der Öffentlichkeit präsent, sei es in Form von Populärmedien, im Stadtbild oder der öffentlichen Meinung. Anliegen des Projektes "Spuren des Kolonialismus in Hannover" ist es, Facetten der hannoverschen Beteiligung am Kolonialismus und der Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit - ihren Protagonisten und Implikationen - zu beleuchten. Das heutige Hannover besitzt verhältnismäßig viele » Erinnerungsorte an den deutschen Kolonialismus und war eine der ersten deutschen Städte, die sich in jüngerer Zeit der politischen und ideellen Funktion kolonialer "Gedenkstätten" annahm. Nach langjähriger öffentlicher Auseinandersetzung konnte zum Beispiel ein » Kolonialdenkmal, dem ehemaligen Reichskommissar von Deutsch-Ostafrika, » Carl Peters, gewidmet, 1988 mit einer "antikolonialistischen" Mahntafel versehen werden, welche die Achtung der Menschenrechte einfordert und sich gegen jegliche Form der Unterdrückung ausspricht. Ebenso erfolgte die Umbenennung eines nach Carl Peters benannten » Platzes. Doch die teilweise lautstark formulierten Proteste gegen diese Umwidmungen zeigen, wie schwierig der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit in der Gegenwart immer noch ist.

Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick

Viele Ereignisse und hannoversche Bezüge zu Afrika sind darüber hinaus mittlerweile in Vergessenheit geraten oder werden nicht in den historischen Kontext gestellt, der Aufschluss über die jeweils vorherrschenden "Interessen" und politischen Intentionen geben könnte, wie unter anderem das Beispiel des Begründers des Geographischen Instituts der damals Technischen Universität Hannover, » Erich Obst, zeigt. Und nur wenige wissen, dass auch in Hannover - ähnlich wie in allen großen deutschen Städten - bis in die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts die überaus beliebten und einträglichen » "Völkerschauen" stattfanden, deren Funktion darin bestand, das "exotisch Fremde" vorzuführen und die "kolonialen Errungenschaften" in der Heimat zu dokumentieren.[1] Ausstellungen dieser Art selber sind in Vergessenheit geraten; aber - ähnlich wie Kolonialromane, -filme oder Werbung - trugen die Völkerschauen zur Ausbildung stereotyper Vorstellungen von verschiedenen Kulturen und deren Repräsentation bei. Diese lassen sich im heutigen Sprachgebrauch durch die undifferenzierte Benutzung der Begriffe "Afrika" oder etwa "Stamm", "Rasse oder "Häuptling" ebenso wiederfinden wie in der Bildsprache, die in glanzvollen Reisebroschüren oder -führern tanzende, trommelnde und halbnackte "Wilde" abbilden, wenn die Rede von afrikanischen Urlaubszielen ist. Und genau dieses Bild von "Afrika" wurde vor einigen Jahren während der » Weltausstellung in Hannover - wenn auch in einem anderen Kontext - zelebriert. Ist nicht vom "schwarzen Chaoskontinent" die Rede, dann bestimmt anscheinend das "Wilde", "Primitive" und "Ursprüngliche" die hannoversche und deutsche Vorstellung über "Afrika". Anlässlich des ersten Staatsbesuches von Bundeskanzler Gerhard Schröder in vier afrikanischen Ländern im Januar 2004 bediente sich die Hannoversche Allgemeine Zeitung genau dieser - wie es scheint allgemein anerkannter - Auffassungen. So lautet der Untertitel

"Nach 16 Jahren reist ein Deutscher wieder durch den Schwarzen Kontinent."

Weiter heißt es:

"Im Fackellicht sieht er den halbnackten Tänzern und Tänzerinnen eines Stammes von Kenias Küste zu, die ihre Körper im Trommelwirbel schütteln und so die exotischen Reize Afrikas zur Geltung bringen." [2]

Vergrößern mit Linksklick

Der deutsche Kolonialismus, den wir nicht auf die Zeit 1884-1919 begrenzen können, bewirkte vor allem eins: Er schuf eine Projektionsfläche "für persönliche wie kollektive Wünsche, Entwürfe und Konzeptionen"[3] während und nach der Kolonialära - also koloniale Fantasien, die Erinnerung und Gegenwart weiterhin zu prägen scheinen. Wie immanent einige dieser Fantasien in Hannover sind und in welcher Form sie sich zeigen, ist Anliegen dieses Projektes, das zum Nachdenken, der gemeinsamen Diskussion und zur weiteren Recherche anregen soll.

 

Fußnoten

[1] Vgl. Zeller 2000, S. 79.
[2] Hannoversche Allgemeine Zeitung, 22.01.2004, S. 3, Artikel von Christoph Link.
[3] Kundrus, Birthe: Die Kolonien - "Kinder des Gefühls und der Phantasie". In: Kundrus 2003, S. 7.

 

Druckversion dieses Textes
Druckversion

Literatur/Links
Literatur / Links

  © 2004 Universität Hannover - Historisches Seminar

http://www.koloniale-spuren.de