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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Personen » Alfred Hugenberg

Alfred Hugenberg

von Imke Jungermann

Der Alldeutsche Verband (ADV) war eine politische Interessensorganisation extrem reaktionärer und besonders aggressiver Gruppen der herrschenden Klasse in Deutschland, die vor allem durch rheinisch-westfälische Schwerindustrielle und Gruppen von preußischen Junkern repräsentiert wurden.

Der Alldeutsche Verband und die Rolle Hugenbergs

Der Verband bildete damit die Sammlungsbewegung der deutschen Nationalisten. Diese forderten eine mächtige deutsche Interessenspolitik in Europa mit der Errichtung eines mitteleuropäischen Reiches unter Führung des Deutschen Reiches sowie in Übersee eine entschiedene imperialistische Kolonialpolitik zur Schaffung eines großen deutschen Kolonialreiches. Weitere Punkte in ihrer Politik waren die Stärkung des deutschen Volkstums durch Germanisierung der völkischen Minderheiten im Reich und die Unterstützung der deutschen Volksgruppen außerhalb des Reiches. "Das bisher unverwirklichte Wort des Herrn von Bülow, dass wir unseren Platz an der Sonne uns nicht nehmen lassen wollen, muß zur Tat und zur Richtschnur unserer ganzen Politik werden..."[1]

Zeittafel

 

1865 in Hannover geboren

1883-1888 Jura- und Volkswirtschaftsstudium in Göttingen, Heidelberg, Berlin und Straßburg

1891 Alfred Hugenberg gründet zusammen mit Carl Peters den Allgemeinen Deutschen Verband, aus dem

1894 der Alldeutsche Verband hervorgeht

1894 Hugenberg wird Regierungsassessor bei der preußischen Ansiedlungskommission in Posen

1900-1903 Verbandsdirektor der Raiffeisengenossenschaft

1903-1907 Vortragender Rat im preußischen Finanzministerium

1907/08 Direktor der Berg- und Metallbank in Frankfurt am Main

1909 - 1918 Vorsitzender im Direktorium des Rüstungskonzerns Friedrich Krupp AG in Essen

Ab 1916 Mit dem Ankauf des Scherl-Verlags und der zweitgrößten Nachrichtenagentur, der Telegraph-Union, beginnt der Aufbau des sogenannten Hugenberg-Konzerns, der ein Medienkonglomerat aus Verlag, Nachrichtendienst, Werbeagenturen, Korrespondenzdienst, Filmgesellschaft (Ufa AG) und zahlreichen Zeitungs-beteiligungen wird. Zu Beginn der zwanziger Jahre übt Hugenberg vor allem über seine Nachrichtendienste einen beherrschenden Einfluss auf die rechtsgerichtete Presse aus

1918 Beitritt zur Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)

Ab 1919/20 Vertreter der DNVP in der Nationalversammlung, Mitglied des Reichstags

1928 Hugenberg wird Vorsitzender der DNVP, der größten Rechtspartei in Deutschland und führt diese mit dem Ziel einer starken nationalen Opposition gegen die Republik auf den Kurs der Zusammenarbeit mit anderen rechtsextremen Organisationen wie der NSDAP und macht diese damit salonfähig

1933 Hugenberg wird im Kabinett Hitler Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung

Juni 1933 Rücktritt von allen Minister- und Parteiämtern, Auflösung der DNVP. Hugenberg bleibt jedoch bis 1945 als "Gast" der NSDAP Mitglied des Reichstages

1933-1944 Hugenberg wird von den Nationalsozialisten zum Verkauf seines Pressekonzerns, zur Verstaatlichung der Ufa sowie des Scherl-Verlags gezwungen. Er erhält jedoch umfangreiche Entschädigungen

1945-1951 Britische Internierung

12.3.1951 Alfred Hugenberg stirbt auf seinem Gut Rohbraken in Kükenbruch (bei Rinteln)

1971 Der Bundesgerichtshof spricht den Erben und Nachfolgern der Eigentümer des Scherl-Hugenberg-Konzerns eine Entschädigung von 45 Millionen DM zu

(Deutsches Koloniallexikon 1920, Bd. 1, S. 163-164)

Das Kolonialprogramm des ADV sah eine wesentliche Erweiterung deutscher Besitzungen vor. Die Expansionspläne sollten mit militärischer Härte durchgesetzt und Lebensraum sowie Rohstoffquellen für das Deutsche Reich gewonnen werden. Diese Linie kulminierte in der Kriegszielpolitik während des Ersten Weltkriegs. Die Haltung des ADV zur Praxis imperialistischer Kolonialpolitik zeigte sich besonders im Krieg gegen die Herero und Nama ("Hottentotten"), welchen der Verband noch verschärft wissen wollte und als "Kriegsschule (...) von unvergleichlichem Wert" befand.[2] Seit 1904 wurde aus mehreren Beschlüssen schließlich eindeutig klar, dass es das erklärte Ziel des Verbandes war, die heimische Bevölkerung Südwest-Afrikas von ihrem Boden zu vertreiben und in Reservaten zu isolieren. Von dort sollten sie nach belieben zur Zwangsarbeit herangezogen werden. Die Forderung lautete: "...man sollte die sentimentale Prüderie in menschlichen (...) Dingen endlich ablagen, (...) nicht den faulen Neger verhätscheln, denn die Kolonien sollen Geld bringen."[3]

In der Weimarer Republik konzentrierten sich die Forderungen der Alldeutschen auf die Errichtung einer "nationalen völkischen Diktatur", die Zerschlagung der revolutionären Arbeiterbewegung und die Verbreitung antisemitischer Propaganda.[4] Als Teil der antirepublikanisch-nationalen Opposition beteiligte sich der ADV an der Bündnispolitik mit der NSDAP und feierte 1933 die Errichtung der faschistischen Diktatur. Der Alldeutsche Verband wurde im Frühjahr 1939 aufgelöst.

Alfred Hugenberg war die treibende Kraft bei der Organisation des Alldeutschen Verbands. Am 24. Juni 1890 setzte er sich mit den Initiatoren einer "Deutschland wach auf!" Anzeige in der Frankfurter Zeitung in Verbindung, die als Reaktion auf den Helgoland-Sansibar Vertrag mit England geschaltet wurde und zum Widerstand gegen diesen aufrief. Hugenberg schlug den Verfassern vor, eine national-völkische Vereinigung zu gründen, "eine Zusammenfassung aller derjenigen Deutschen im In- und Ausland ohne Unterschied der Partei, die ... in der siegreichen Schaffung des deutschen Reiches nur die Grundlage einer größeren nationalen Entwicklung erblicken."[5], was die Basis der Vereinigung darstellte. Hugenberg wurde die treibende Kraft bei der Organisation des Verbandes und übernahm vorläufig die Geschäftsführung, schlug aber als geeignetere Person für die Spitze der Bewegung » Carl Peters vor, "der soeben von einem glänzend durchgeführten Afrikafeldzuge heimkehrende...Erwerber Ostafrikas".[6]

Im April 1891 fand in Berlin unter Vorsitz Carl Peters die konstituierende Versammlung statt, wo sowohl der Gründungsaufruf wie auch die Satzung verabschiedet wurde. Hugenberg konzipierte maßgeblich die Stoßrichtung des Verbandes. Seine Vorstellung für die Ziele des Verbandes basierten auf einer politischen Konzeption, die nicht nur auf außenpolitische Forderungen beschränkt werden sollten, sondern diese mit innenpolitischen "erzieherischen" Absichten verband. Hugenbergs Vorstellungen fanden im wesentlichen unverändert Eingang in die Satzung des "Allgemeinen Deutschen Verbandes", der sich ab 1894 "Alldeutscher Verband" (ADV) nannte.

Die auf der konstituierenden Versammlung beschlossenen politischen Leitsätze lauteten:

"Der Allgemeine Deutsche Verband ist gegründet zur Förderung deutsch-nationaler Interessen im In- und Auslande und verfolgt als Zweck:

1. Die Belebung des vaterländischen Bewusstseins in der Heimat und Bekämpfung aller der nationalen Entwicklungen entgegengesetzten Richtungen.

2. Pflege und Unterstützung deutsch-nationaler Bestrebungen in allen Ländern, wo Angehörige unseres Volkes um die Behauptung ihrer Eigenart zu kämpfen haben, und Zusammenfassung aller deutschen Elemente auf der Erde für diese Ziele.

3. Förderung einer tatkräftigen deutschen Interessenpolitik in Europa und über See- Insbesondere auch Fortführung der deutschen Kolonialbewegung zu praktischen Ergebnissen."[7]

Die Realisierung der Vereinsziele sah Hugenberg stark an die Mobilisierung der öffentlichen Meinung gebunden. Daher wurde eine Fülle von Propagandaschriften veröffentlicht, besonders die "Alldeutschen Blätter"(1894-1939), welche die Ideologie des Verbandes verbreiteten und einen nicht geringen Einfluss auf nationalistische und antiliberale Gedanken ausübten.

Hugenberg selbst übernahm nie ein leitendes Amt im Verband. Allerdings konnte er sich im Zuge seiner parteipolitischen Karriere auf den Rückhalt seiner extrem reaktionären Kollegen im ADV sicher sein, die in der DNVP ihr Ziel verwirklicht sehen wollten, ein Sammlungsbecken nationalistischer Gesinnung zu schaffen. Hugenberg gelang somit eine Verknüpfung der beiden Organisationen, was ihm 1928 den Parteivorsitz einbrachte.

 

Fußnoten

[1] Fricke, Dieter (Hg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). Bd. 1. München 1983. S. 21.
[2] Ebd., S. 24.
[3] Ebd., S. 24.
[4] Ebd., S. 34ff.
[5] Guratzsch 1974, S. 23.
[6] Wernecke/Heller 1982, S. 26.
[7] Fricke 1983, Bd. 1, S. 16.

Literatur/Links
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  © 2004 Universität Hannover - Historisches Seminar

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