zur Startseite

 

Spuren des Kolonialismus in Hannover » Straßen » Kolonialbezüge in den Straßennamen Hannovers

Kolonialbezüge in den Straßennamen Hannovers

von Felix Schürmann

Gegenwärtig gibt es in Hannover sechs Straßen, die nach Personen benannt sind, die untrennbar mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus, mit aggressiver imperialistischer Politik und mit rassistischer Ideologie verbunden sind.[1] Nicht einbezogen sind hier die acht Straßen, deren Namenspatrone zwar koloniale Akteure waren, die aber nicht für dieses Engagement gewürdigt wurden oder deren Haltungen zum Kolonialismus umstritten sind.[2] Sechs weitere Straßen tragen aus revisionistischer Motivation heraus die Namen kolonialer Schauplätze.[3] Mit der Bebelstraße existiert lediglich eine Straße mit dem Namen eines Antikolonialisten. Weder ist eine hannoversche Straße je nach einer Afrikanerin oder einem Afrikaner noch nach einem Opfer des Kolonialismus benannt worden.

Zwölf zu Eins

Von den zwölf Straßen, deren Namensgebungen unzweifelhaft eine kolonialistische oder kolonialrevisionistische Intention zugrunde liegt, wurde lediglich eine in der Zeit des Kaiserreiches benannt, die » Walderseestraße. Zwei dieser Namen stammen aus der Zeit der Weimarer Republik[4], vier aus der der nationalsozialistischen Herrschaft[5]. Fünf Benennungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommen.[6]

Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick

Damit verhält sich in Hannover die Geschichte der Würdigung des deutschen Kolonialismus in Straßennamen umgekehrt proportional zur Geschichte der deutschen Kolonien: Während in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft lediglich eine solche Benennung vorgenommen wurde, fällt die größte Zahl dieser Benennungen in die Phase der Bundesrepublik, in der die Vorstellung von deutschen Kolonien allenfalls noch von ein paar wenigen Unverbesserlichen wie » Paul von Lettow-Vorbeck als realistisch betrachtet wurde. Diese Beobachtung bestätigt die in der jüngeren Forschung entwickelte These, dass der imaginäre Kolonialismus eine viel stärkere Attraktivität auf die Deutschen ausgeübt hat als der reale Kolonialismus, welcher der massiven Kolonialpropaganda zum Trotz nur von Wenigen aktiv betrieben wurde.

Straßennamen als Gedächtnispolitik

Die behördliche Namensgebung von Straßen in Hannover begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Eingemeindungen und die mit ihnen verbundenen Gebietszuwächse Hannovers die Orientierung innerhalb des Stadtgebietes erschwerten und die Benennung von Straßen in größerer Zahl notwendig machten.[7] Bis dahin "erwuchsen" die Namen der Straßen und Plätze aus ihren Bezeichnungen durch die Bevölkerung. Die amtliche Benennung orientierte sich zunächst an örtlichen Bezugspunkten wie den Familiennamen von Grundbesitzern, bekannten Wirtshäusern oder den Flurnamen. Mit den behördlichen Benennungen begannen allerdings auch die Namensgebungen nach Personen, Orten und Ereignissen der Zeitgeschichte. Es entstanden beispielsweise die Scharnhorststraße (nach dem preußischen General Gerhard Johann David von Scharnhorst, 1873) oder die Siegesstraße (nach dem Sieg Preußens und der süddeutschen Staaten über Frankreich, 1872).[8] Auch die Straßenumbenennung wurde in dieser Zeit zum Thema, da mit den Eingemeindungen das Problem von Mehrfachbenennungen im Stadtgebiet zutage trat. Mit der politisch motivierten Änderung von Straßennamen begannen 1933 die Nationalsozialisten.

Heute ist die Straßenbenennung und -umbenennung als politische Option der Einflussnahme auf Tradierungsprozesse etabliert. Die Namensgebung einer Straße wird als Würdigung, als Ehrerbietung und Ausdruck der Hochachtung der oder dem Bezeichneten gegenüber verstanden. Sie dient der symbolischen Ab- oder Zuwendung von oder zu Politiken und ist damit ein geschichtspolitischer oder vielmehr gedächtnispolitischer Akt, ein "Instrument politischer Gedächtnis-Lenkung"[9], wie es der Berliner Literaturwissenschaftler Alexander Honold formuliert. Dass die Straßenbenennung von der Politik als ein solches Instrument verstanden und genutzt wird, zeigt, wie stark der ihr zugemessene Einfluss auf das kollektive Gedächtnis ist. Dem banalen und räumlich auf die betreffende Kommune beschränkten behördlichen Verwaltungsakt einer Straßenbenennung haftet der Verdacht auf ein ideologiegeleitetes oder tagespolitisches Motiv meist weniger an, als er in den Debatten um Denkmäler, Gedenkstätten oder Mahnmale erfahrungsgemäß eine Rolle spielt. Dabei unterscheiden sich Straßennamen in wichtigen Aspekten von anderen Formen öffentlicher Würdigung. Im Gegensatz zu Ehrenbürgertiteln verschwinden sie nicht nach einer kurzen Zeit der Beachtung aus dem kollektiven Gedächtnis, sondern sind von potenziell unbestimmter Dauer. Und im Unterschied zum Denkmal vermitteln sie ihr geschichtspolitisches Moment auf eine subtilere Weise, indem sie die Objekte der Würdigung tausendfach über Briefköpfe, Visitenkarten und Adressbücher weitertragen und dabei ebenso selbstverständlich machen, wie sie es selbst als unumstritten notwendiger Bestandteil urbaner Topographie sind. Nicht zuletzt sind Straßennamen angesichts ihrer Funktion und Geschichte historische Quellen, und sie gehören zu den öffentlichsten aller denkbaren Erscheinungsformen historischer Quellen. Ihre Verweise auf historische Personen, Orte und Ereignisse geben immer zugleich Auskunft über die Zeit ihrer Entstehung.

Die meisten hannoverschen Straßen mit Namen, die direkt Anleihen aus der deutschen Kolonialgeschichte nehmen, sind in den Stadtteilen » Badenstedt und Südstadt zu finden. In der Südstadt sind nahe des » Carl-Peters-Denkmals das Rudolf-von-Bennigsen-Ufer, die Bismarckstraße, Nachtigalstraße und Wißmannstraße gelegen.[10] Die beiden erstgenannten Straßen erhielten ihre Namen zu ihrer Fertigstellung im Jahr 1897.[11] Die Bezeichneten waren zwei der bedeutendsten Kolonialpolitiker des Kaiserreiches: Otto von Bismarck war als Reichskanzler die zentrale Figur hinter der Entscheidung für einen deutschen Kolonialismus sowie 1884/85 Vorsitzender der so genannten Kongo-Konferenz, auf der die europäischen imperialen Mächte die Kolonisierung des afrikanischen Kontinents vereinbarten und untereinander aufteilten, wenngleich Bismarck die Forderung nach deutschen Kolonien lange abgelehnt hatte und der Kolonialpolitik später skeptisch gegenüberstand.[12] » Rudolf von Bennigsen war Vorsitzender der Nationalliberalen Partei, die im ersten Jahrzehnt des Kaiserreiches die stärkste Fraktion im Reichstag stellte und dort als "Kolonialpartei par excellence"[13] durchgängig allen Kolonialvorlagen zustimmte. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Straßenbenennungen nach Bismarck und Bennigsen nicht in erster Linie der Idee einer Würdigung ihrer "Verdienste" um den Kolonialismus entsprangen: Bennigsen war immerhin neun Jahre Oberpräsident Hannovers, und Bismarck war als Symbolfigur der nationalen Einigung Deutschlands ohnehin allerorts das mit Abstand beliebteste Objekt öffentlicher Huldigung im Kaiserreich. Solche außerhalb der Kolonialgeschichte stehenden Motive für eine öffentliche und offizielle Würdigung lassen sich jedoch nicht für die beiden übrigen Namenspatrone anführen.

Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick Vergrößern mit Linksklick

Hermann von Wissmann begann seine Karriere als einer der so genannten Afrikaforscher, die bereits vor dem formellen Beginn des deutschen Kolonialismus aus wissenschaftlichen und kolonialstrategischen Motiven heraus den afrikanischen Kontinent bereisten. Später wurde er Befehlshaber der deutschen "Schutztruppe" sowie einer Söldnerarmee in Deutsch-Ostafrika und ließ dort den von den Deutschen als Araberaufstand bezeichneten primär antikolonialen Widerstand blutig niederschlagen. 19 Monate stand er ferner als Gouverneur an der Spitze der dortigen kolonialen Administration.[14] Auch Gustav Nachtigal war Afrikareisender, bevor er 1884 als Sonderbeauftragter und Reichskommissar Kamerun und Togo für das Kaiserreich als Kolonien "erwarb".[15] Die Benennungen der Nachtigal- und der Wißmannstraße erfolgten erst 1928, immerhin neun Jahre nach dem endgültigen Verlust der deutschen Kolonien durch den Friedensvertrag von Versailles.[16] In den ersten Jahren der Weimarer Republik war von der extremen Rechten bis in die sozialdemokratische Linke hinein die Position verbreitet, Deutschland solle wieder Kolonialmacht werden und bei dem Vorwurf der Siegermächte, Deutschland habe in seinen Kolonien in ökonomischer und moralischer Hinsicht versagt, handele es sich um eine "koloniale Schuldlüge".[17] Die Benennung von Straßen nach kolonialen Akteuren war in diesem Kontext Ausdruck der Bestrebung, die Erinnerung an die Kolonien und das Dogma der Notwendigkeit eines deutschen Kolonialismus am Leben zu erhalten. "Die Demonstration der afrikanischen ‚Erwerbungen' und ihre Versammlung auf engstem Raume als urbanes Signifikanten-Material sollte eine Kohärenz und Folgerichtigkeit kolonialen Handelns simulieren (...). Über das Ende des Kolonialismus hinaus bekunden weitere einschlägige Straßenbenennungen den Impuls, an dieser Vergangenheit zumindest symbolisch festzuhalten und eine melancholische Verlustbilanz einstiger kolonialer Größe zu inszenieren."[18]

Bülow ungleich Bülow

Doch ist bei der Suche nach kolonialen Rekursen in hannoverschen Straßennamen Vorsicht geboten. Einige Namen mit augenscheinlichem Kolonialbezug enthüllen bei näherer Betrachtung eine Entstehungsgeschichte bar jedes Kolonialbezuges. So stand für die Petersstraße in der Nordstadt nicht der berüchtigte Kolonialpolitiker, sondern der hannoversche Tischler Heinrich Peters Pate, und die Bülowstraße in der List ist nicht nach dem expansionistischen Reichskanzler Bernhard von Bülow, sondern nach dem bereits 1816 verstorbenen preußischen General Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz benannt. Ferner ist die Kochstraße in Linden-Nord nicht nach dem unter anderem in Deutsch-Ostafrika aktiven Bakteriologen Robert Koch, sondern nach einer Lindener Familie gleichen Namens benannt. Die Plantagenstraße in Badenstedt soll nicht an die in den Kolonien verbreitete agrarische Produktionsweise, sondern an die Himbeerplantagen des hannoverschen Brennereibesitzers Christian Niemeyer erinnern.[19] Alles in allem bleiben 21 Straßen, Wege und Plätze in Hannover, deren Namen unzweifelhaft auf die Geschichte des deutschen Kolonialismus verweisen.

 

Fußnoten

[1] Gemeint sind Gustav Frenssen, Paul von Lettow-Vorbeck, Gustav Nachtigal, Alfred von Waldersee, Hermann von Wissmann und Adolf Woermann.
[2] Rudolf von Bennigsen, Otto von Bismarck, Leo Frobenius, Robert Koch, Viktor von Podbielski, Gerhard Rohlfs, Albert Schweitzer und Wilhelm I.
[3] Kamerunweg, Ostafrikastraße, Safariweg, Savannenweg, Togoweg und Windhukstraße.
[4] Nachtigalstraße und Wißmannstraße.
[5] Lettow-Vorbeck-Allee, Ostafrikastraße und Woermannstraße. Der Kamerunweg ist insofern ein Sonderfall, als dass er ursprünglich 1937 als Kamerunstraße betitelt wurde und 1959 seinen aktuellen Namen erhielt. Er wird hier der nationalsozialistischen Zeit zugeordnet, da in ihr der Ursprung des Straßennamens liegt.
[6] Frenssenufer, Safariweg, Savannenweg, Togoweg und Windhukstraße.
[7] Vgl. zur Geschichte der Entstehung der hannoverschen Straßennamen, Zimmermann 1992, S. 1 ff.
[8] Zimmermann 1992, S. 217 und 228.
[9] Honold 2003, S. 317.
[10] Übrigens hat auch der in einem Südstädter Straßennamen gewürdigte Heinrich Heine in seinem Gedicht "Das Sklavenschiff" seinen Beitrag zum kolonialrassistischen Diskurs geleistet. Nur am Rande erwähnt sei an dieser Stelle auch, dass mit der Taufe der Adenauerallee im Zoo-Viertel 1972 auch ein ehemaliger Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft gewürdigt wurde.
[11] Vgl. zu allen Daten von Straßenbenennungen in Hannover die Arbeit von Zimmermann 1992.
[12] Vgl. zu Bismarcks Verhältnis zum deutschen Kolonialismus: Gründer 2000, S. 51 ff.
[13] Gründer 2000, S. 65.
[14] Vgl. zu Wissmann: Baer/Schröter 2001, S. 37 ff.
[15] Vgl. zu den Methoden des Kolonialerwerbs, Gründer 2000, S. 79 ff.
[16] Zimmermann 1992, S. 179 und 270.
[17] Gründer 2000, S. 216 f.
[18] Honold 2003, S. 318.
[19] Zimmermann 1992, S. 50, 145, 195-197.

Druckversion dieses Textes
Druckversion

Druckversion dieses Textes
Literatur / Links

  © 2004 Universität Hannover - Historisches Seminar

http://www.koloniale-spuren.de