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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Straßen » Karl-Peters-Platz

Karl-Peters-Platz

von Felix Schürmann und Inga-Dorothee Rost
unter Mitarbeit von Alexandra Stadelmann

Wie stark politische Symbolik einen Straßennamen beladen kann, zeigt sich regelmäßig bei politisch begründeten Vorschlägen zur Änderung eines Straßennamens. So hat die öffentliche Diskussion um eine Umbenennung des 1916 angelegten hannoverschen Karl-Peters-Platzes, betitelt nach dem schon zu Lebzeiten umstrittenen, in höchstem Maße menschenverachtenden ehemaligen Reichskommissars von Deutsch-Ostafrika, » Carl-Peters, nach der Beschlussfassung durch die Stadtverwaltung fast fünf Jahre in Anspruch genommen. Seit dem 1. Februar 1994 ist der in Hannovers Südstadt gelegene Platz nach der österreichischen Pazifistin, Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin von 1905, Bertha von Suttner, benannt.[1]

Suttner für Peters

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1916 Anlage und Bennennung des Karl-Peters-Platzes in Hannovers Südstadt

30.05.1924 Magistratsbeschluss zur Umbenennung der Haspelstrasse in "Am Karl-Peters-Platz"

27.10.1935 Aufstellung des Karl-Peters-Denkmals auf dem Karl-Peters-Platz

1973/1974 Forderung zur Umbenennung des Platzes in "Salvador-Allende-Platz" wird abgelehnt

1979 Unter Hinweis auf die Person Carl Peters bildet sich eine Bürgerinitiative, die die Umbenennung fordert. Das Gesuch wird von der Stadt abgelehnt

1983 Forderung, den Platz umzubenennen und das Karl-Peters-Denkmal abzureißen

30.06.1988 Anbringung einer Mahntafel am Denkmal von Karl Peters

06.07.1989 Podiumsdiskussion der Geschichtswerkstatt e.V. Hannover zur Umbenennung

30.11.1990 Verwaltung leitet Beschlussvorlage zur Umbenennung des Platzes dem Amt für Bezirksangelegenheiten zu

Sommer 1991 Kolonialkritische Kunstaktion auf dem Karl-Peters-Platz

27.06.1991 Der Stadtrat beschließt die Umbenennung des Platzes und der anliegenden Straßen in "Bertha-von-Suttner-Platz"

August 1991 Acht Anwohner/innen legen Widerspruch gegen die Umbenennung ein

12.09.1991 Die FDP legt der Bezirksregierung eine Liste mit 372 Unterschriften gegen die Umbenennung vor

14.05.1992 Zurückweisung der Einsprüche - u. a. des Bezirksrats Südstadt-Bult - durch Ratsbeschluss. Einen Monat später Ratsbeschluss zum sofortigen Vollzug der Umbenennung

07.01.1994 Das Verwaltungsgericht weist die Klage gegen die Umbenennung endgültig zurück

01.02.1994 Umbenennung des hannoverschen Karl-Peters-Platzes in Bertha-von-Suttner-Platz rechtskräftig

Der Umbenennung von 1994 ging eine fast zwanzigjährige Auseinandersetzung voraus, die Mitte der Achtziger Jahren dank des Friedensforums Südstadt schließlich auch die hannoversche Öffentlichkeit erreichte. Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg sprach sich im Rahmen der Anbringung einer Mahntafel am » Karl-Peters-Denkmal auf eben diesem Platz noch im Sommer 1988 gegen eine Umbenennung des Platzes, aber für eine Legendentafel aus, weil man Geschichte "nicht ungeschehen machen"[2] könne. Die Stadtverwaltung selbst zeigte sich gegenüber den Argumenten des Friedensforums relativ aufgeschlossen, fürchtete sie vor allem nunmehr im Rahmen der Bewerbung um die Weltausstellung und als international bekannte Messestadt, dass das Renommee der Stadt Schaden nehmen könnte, wenn sie sich der Kritik verschlösse. Mit rot-grüner Mehrheit beschloss der Rat deshalb 1989, dass bei Strassenumbenennungen auf das Votum der Bürger verzichtet werden kann, wenn der/die Namensgeber/in an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war. Analog dazu begründete das hannoversche Verwaltungsgericht die Umbenennung des Platzes wie folgt: "Die Namensgebung nach Carl Peters sei unvereinbar mit den demokratischen Grundwerten und gefährde das Ansehen der Stadt. (...) Die Vorwürfe gegen Carl Peters wiegen schwerer als das Identifikationsverlangen der Anwohner."[3]

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Doch die Befürworter einer Umbennung und die Stadtverwaltung sahen sich mit dem Bezirksrat Südstadt-Bult, in dem die CDU die Mehrheit hielt, sowie den Anwohner/innen des "Kalle Pe"-Platzes, wie er heutzutage bei vielen noch im Volksmund heißt, konfrontiert. So konnte die 1991 beschlossene Umbenennung in Bertha-von-Suttner-Platz erst nach der Zurückweisung mehrerer Klagen 1994 umgesetzt werden. Der Widerstand der Anwohner/innen richtete sich in erster Linie gegen die von ihnen selbst zu tragenden Kosten für die Anschriftenänderung. Ihre Abwehrhaltung wurde seitens des Bezirksrates Südstadt-Bult gefördert. Nicht nur wurde die Umbenennung vom Ratsherrn Hans Schwarzkopf (FDP) als "Treppenwitz" betrachtet, sondern der Bürgermeister der Südstadt, Dieter Küßner (CDU) rief sogar in Flugblättern 1992 die Anlieger zu Protesten gegen die Umbenennung auf. Geschichtsverklärende Argumente in Bezug auf die Person Peters und den deutschen Wilhelminismus bestimmten dabei die Auseinandersetzung: Carl Peters sei zu unbedeutend, um ihn in den Mittelpunkt zu stellen, meinte zum Beispiel Reinhard Apel (CDU) während einer öffentlichen Podiumsdiskussion und eine Umbenennung sei ein "Akt der Geschichtslosigkeit".[4] Hauptargument war dabei die Frage, wo die Stadt Grenzen ziehen werde; fange man einmal mit Peters an, dann würden die Bismarckstraße, Wallensteinstraße und andere folgen. Viele Hannoveraner/innen interessiert(e) in diesem Zusammenhang kaum, dass Carl Peters als ideologischer Vorläufer des » Nationalsozialismus gilt, weshalb seine hannoverschen "Ehrungen" von den Nazis veranlasst wurden, und sein afrikanischer Name nicht umsonst "mkono wa damu"[5] hieß, was "Der Mann mit den blutbefleckten Händen" meint, weshalb er sowohl in Deutschland als auch im Ausland wegen strafrechtlicher Vergehen heftig kritisiert und vom 1897 vom Reichsdienst suspendiert wurde. Dagegen zeigen folgende Auszüge aus Beschwerdebriefen, die im Stadtvermessungsamt Hannover eingegangen sind, dass nationalistisch verklärte Assoziationen mit Carl Peters auch heute noch die Meinung vieler bestimmen und die Auseinandersetzung mit Peters Person und seiner politischen Ideologie überlagern:

"Ich höre den alten 'Namen' sogar recht gerne, da er mir bewusst macht, wie wenig Zeit wir (das Deutsche Reich) hatten, um in den Kolonien 'segensreich' zu wirken im Vergleich zu den eigentlichen Kolonialmächten Spanien, Portugal, Holland, England, Belgien, Frankreich, die sich ihrer Kolonialmacht heute noch rühmen."

"Die Kolonisation ist ein Bestandteil der Geschichte. Karl Peters darf keine schlechtere moralische Bewertung erfahren als alle anderen zahlreichen Entdecker bzw. Eroberer, Staatsmänner und Politiker, die Kolonisation betrieben haben und dadurch nicht diskriminiert worden sind."[6]

Die am 1. Februar 1994 vollzogene Umbenennung hat die Gräben zwischen Befürwortern/innen und Gegnern/innen deshalb nicht zuschütten können und nur die offizielle städtische Ebene erreicht. So finden Besucher/innen des Platzes dort heute immer noch die "Karl-Peters-Klause" und eine Bewohnerin meinte 1994 schon vorausschauend, dass der Platz auch in Zukunft einfach "Kalle" heissen würde, denn: "Wie hört sich denn das an: Wir gehen auf die Bertha?"[7]

 

Fußnoten

[1] Vgl. Zimmermann 1992, S. 39.
[2] Hannoversche Allgemeine Zeitung, 01.07.1988.
[3] Hannoversche Allgemeine Zeitung, 05.06.1993.
[4] Protokoll, Podiumsdiskussion zur Umbennung des Karl-Peters-Platzes am 6. Juli 1989.
[5] Gwassa, G.C.K.: "The German Intervention and African Resistance in Tanzania." In: I.N. Kimambo / A. J. Temu (Eds.): A History of Tanzania. Nairobi 1969, S. 98.
[6] Anlage 1 zur Ds. Nr. 804/93; Archiv - Stadtvermessungsamt der Landeshauptstadt Hannover.
[7] Hannoversche Allgemeine Zeitung, 06.06.1994.

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Literatur / Links

  © 2004 Universität Hannover - Historisches Seminar

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