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Spuren des Kolonialismus in Hannover » Straßen » Afrika-Viertel

Das "Afrika-Viertel" in Hannover-Badenstedt

von Felix Schürmann

Die Präsenz des deutschen Kolonialismus in Hannovers Straßennamen beschränkt sich keineswegs auf Personen, wie es vielfach in der » Südstadt der Fall ist. Wo sich zum Beispiel in Hannover-Badenstedt Togoweg und Windhukstraße treffen, geht es originär nicht um Afrika, sondern um Deutschland, genau genommen um den auf dem afrikanischen Kontinent gelegenen Teil des ehemaligen deutschen Kolonialreiches. Es gibt eine Reihe solcher Straßennamen, die direkt auf den deutschen Kolonialbesitz Bezug nehmen. In dem auch "Afrika-Viertel" genannten Teil Badenstedts überwiegen geographische Rückgriffe auf die koloniale Vergangenheit. Hier finden sich der Kamerunweg, die Ostafrikastraße und der Togoweg, alle benannt nach ehemaligen deutschen Kolonien. Die beiden erstgenannten Straßen bekamen ihre Namen 1937 von der nationalsozialistischen Bürokratie[1]. Zwei Jahre später folgten die nach dem Afrikareisenden Gerhard Rohlfs benannte Rohlfsstraße und die Woermannstraße[2], nach dem Hamburger Kaufmann und Politiker Adolph Woermann benannt, der wie kaum ein anderer für die Verbindung von kapitalistischen Gewinninteressen mit expansionistischer Kolonialpolitik steht.[3]

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Auch der Name der Lettow-Vorbeck-Allee geht auf die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zurück.[4] Paul von Lettow-Vorbeck war der wohl prominenteste Vertreter des deutschen Kolonialismus auf militärischer Ebene. Bereits 1900 hatte er - unter der Führung Alfred von Waldersees - am Boxerkrieg in China teilgenommen, in Deutsch-Südwestafrika war er als Adjutant Generalleutnants Lothar von Trotha am Genozid an den Herero und Nama beteiligt, die 1904 bis 1908 gegen die deutsche Kolonialmacht kämpften. Lettow-Vorbeck wurde 1913 Kommandeur der "Schutztruppe" in Deutsch-Ostafrika und führte diese im Ersten Weltkrieg an. Diese mit Askari-Söldnern ergänzte Armee war die einzige einer deutschen Kolonie, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges kämpfte. Insbesondere ab den 1920er Jahren wurde dies als Fundament für den Kolonialrevisionismus genutzt, der seinen Ausdruck in der so genannnten "Kolonialschuldlüge" fand. Diese wandte sich gegen das von den Siegermächten in Versailles vorgebrachte Argument, dass Deutschland seine Kolonien brutal verwaltet habe und einer Kolonialmacht nicht würdig sei. Der Mythos von der unbesiegten deutschen Schutztruppe und den Erfolgen deutscher Kolonialpolitik wurde auch im Nationalsozialismus instrumentalisiert und übersteigert. Erwähnt dagegen wurde nicht, dass Lettow-Vorbecks eigenständiges Vorgehen in Deutsch-Ostafrika während des Ersten Weltkrieges alles in allem über eine halbe Million Afrikanerinnen und Afrikaner das Leben kostete. In der Weimarer Republik beteiligte sich von Lettow-Vorbeck am Aufbau der Reichswehr, an der Niederschlagung des so genannten Spartakusaufstandes im Januar 1919 und am rechtsextremen Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920, woraufhin er aus der Armee entlassen wurde. Er zog für die Deutschnationale Volkspartei in den Reichstag ein und lebte von seinem Ruf als "Löwe von Afrika".[5] Noch 1957 verteidigte er in seiner Autobiographie den Kolonialismus und brachte Sätze wie diesen zustande: "An der Goldküste wissen die Eingeborenen im Busch mit dem Wahlrecht beim besten Willen nichts anzufangen und haben dann für eine schwarze Regierung gestimmt."[6]

Der Togoweg erhielt seine Bezeichnung 1959 ohne nähere Begründung.[7] Der gleiche Beschluss begründete auch den Namen der Windhukstraße; Windhuk war Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. 1965 entstand der Safariweg, der wohl deshalb so benannt wurde, weil "der Begriff ‚Safari' für einen Streifzug durch die ostafrikanische Steppe im Volksbewußtsein an die ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika erinnert."[8] In der Tat waren koloniale Jagdabenteuer ein beliebter Bezugspunkt für kolonialrevisionistische Propaganda. Der Erinnerung an die ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika soll ausdrücklich auch der Savannenweg dienen, der ebenfalls 1965 angelegt wurde.[9] Die jüngste Straßenbenennung mit kolonialem Bezug in Badenstedt ist die des Frobeniusweges (1988), betitelt nach dem Afrika-Ethnologen Leo Frobenius.[10]

 

Fußnoten

[1] Vgl. zu allen Verweisen auf die Entstehung der Straßennamen die in den Drucksachen zur jeweiligen Straße gesammelten Unterlagen im Stadtvermessungsamt.
[2] Zimmermann 1992, S. 209 und 270.
[3] Möhle, Heiko: Mit Branntwein und Gewehr. Wie das Afrikahaus C. Woermann Kamerun eroberte. Möhle 1999, S. 39-45.
[4] Zimmermann 1992, S. 159.
[5] Vgl. zu Paul von Lettow-Vorbeck: Baer/Schröter 2001, S. 127 ff.
[6] Lettow-Vorbeck, Paul v.: Mein Leben. 1957. Biberbach: Koehlers, 1957. S. 73.
[7] Stadtvermessungamt Hannover, Drs. Nr. 357/59.
[8] Zimmermann 1992, S. 215.
[9] Ebd., S. 217.
[10] Ebd., S. 85, 215, 217.

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Literatur / Links

  © 2004 Universität Hannover - Historisches Seminar

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