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Walderseestraße und weitere

von Felix Schürmann

Auch außerhalb » Badenstedts und der Südstadt finden sich in Hannover immer wieder Straßennamen mit mehr oder minder mittelbarem Kolonialbezug. Die 1904 - im ersten Jahr der Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika - benannte Walderseestraße in der List zum Beispiel trägt den Namen des Generalfeldmarschalls » Alfred Graf von Waldersee.[1] 1832 in Potsdam geboren und bereits als Kind in einer Kadettenanstalt militärisch erzogen, nahm er als Adjutant im Hauptquartier am Deutsch-Österreichischen Krieg teil und kam im Anschluss als Mitglied im Stab des Generalgouverneurs nach Hannover. Im Deutsch-Französischen Krieg stieg er zum Generalstabschef der Armee des Großherzogs von Mecklenburg auf und wurde nach dem Krieg Chef des in Hannover stationierten 10. Armeekorps. 1882 wurde Waldersee Stellvertretender Generalstabschef und forderte mehrfach Präventivkriege gegen Frankreich und Russland sowie den Einsatz der Armee gegen die Sozialdemokratie. Kaiser Wilhelm II. ernannte ihn 1888 zum Generalstabschef, 1890 beteiligte sich Waldersee am Sturz Bismarcks. Beim Einsatz eines europäischen Expeditionskorps zur Eroberung Pekings im Boxerkrieg 1900/1901 erhielt Waldersee, mittlerweile Generalfeldmarschall, den Oberbefehl. Als die Truppen China erreichten, war Peking bereits seit etwa vier Wochen in europäischer Hand, dennoch führten sie unter Waldersee einen knapp einjährigen und äußerst brutalen Rachefeldzug in China, wobei es zu zahllosen Hinrichtungen und Plünderungen seitens der Europäer kam.[2]

Auch der Robert-Koch-Platz, 1932 betitelt[3], ist nicht ohne kolonialen Bezug: Der Nobelpreisträger war Leiter des Instituts für Infektionskrankheiten in Berlin und arbeitete auch in Deutsch-Ostafrika.[4] Albert Schweitzer, nach dem 1970 der Albert-Schweitzer-Hof in Kirchrode benannt wurde, begann seine Karriere als Missionsarzt und damit als Vertreter der französischen Kolonialmacht in Gabun. Und Kaiser Wilhelm I., Namenspatron der 1897 angelegten Kaiser-Wilhelm-Straße in Kirchrode[5], war nicht nur Unterzeichner der kaiserlichen Schutzbriefe, die den deutschen Kolonialbesitz legitimieren und manifestieren sollten, sondern auch privater Teilhaber der "Gesellschaft für deutsche Kolonisation".[6] Die Podbielskistraße wurde 1904 nach dem Generalleutnant und Landwirtschaftsminister Viktor von Podbielski benannt. Dieser war das politische Opfer eines kolonialen Korruptions"skandals", als bekannt wurde, dass seine Frau an einer Firma beteiligt war, die die "Schutztruppe" mit Tropenhelmen belieferte.

Die einzige nach einem antikolonialen Politiker benannte Straße in Hannover ist die in Ricklingen gelegene Bebelstraße. Sie erhielt ihren Namen 1927.[7] Der Mitgründer und langjährige Vorsitzende der SPD August Bebel war der prominenteste Antiimperialist im Kaiserreich. Immer wieder griff er im Reichstag den Kolonialismus scharf an und initiierte hitzige Debatten, die zum Teil direkte Folgen auf die koloniale Realität hatten, wie beispielsweise die Abberufung und Entlassung von » Carl Peters.

 

Fußnoten

[1] Zimmermann 1992, S. 257.
[2] Vgl. zum Vorgehen Waldersees in China: Gründer 2000, S. 196f.
[3] Zimmermann 1992, S. 208.
[4] Baer/Schröter 2001, S. 125ff.
[5] Zimmermann 1992, S. 10, 136.
[6] Gründer 2000, S. 87.
[7] Zimmermann 1992, S. 35, 198.

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Literatur / Links

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